Vor gut zwei Jahrzehnten war Zug für mich die Tür in die Schweiz, was unter anderem auch daran lag, dass mich gleich zu Beginn mehrere Leute fragten, wie ich Zug finden würde, was ich von Zug hielte. Manche Leute sprachen mich auf der Straße an und wollten umgehend meine Ansichten kennenlernen, meine Zuger Ansichten, so dass ich mir überlegen musste, was sie überhaupt meinten. Meinten sie Zug, die Stadt mit ihrer schönen Lage oder als typischer Teil Schweiz, Zug als Schweizer Stadt, Zug im Gegensatz zu Zürich oder zu Basel? Haben die Fragenden von mir irgendwelche Vergleiche erwartet, obwohl ich die Schweiz damals kaum kannte? Zunächst versuchte ich, dieses Nichtkennen zu erklären. Aber vielleicht ging es weder um Antworten, noch um Vergleiche, sondern um selbstbewusste – ja, selbstbewusste – Willkommensfragen.

Vom ersten Tag an schaute ich – selbst von meiner Wohnung aus – zum See hinab, täglich hatte ich den Blick auf die Stadtstrassen und die Wasserfläche, und während ich allmählich sah, dass der Zugersee sich mit einer Geschwindigkeit und mit einer Häufigkeit verändern kann wie kein mir bekannter See sonst, hatte ich allmählich Antworten bereit. Ich sagte, dass der Zugersee mitsamt der Stadt auch für mich an Konturen gewonnen habe. Dadurch kam ich mit einigen Personen näher ins Gespräch.

Ende Juli oder Anfang August erklärten mir einige Zuger, dass die Tage nun herbstlich seien. Herbstliche Tage mitten im Hochsommer! Diese Beobachtung wirkte erschreckend, geradewegs lebensverkürzend.

Aber es blieb bis in den Herbst hinein sommerlich, und das Licht wechselte weiterhin einfallsreich.

 

 

Erste Fotosimulationen aus Zug

 

Vor der Hauptpost hält mich
eine ältere Dame an. Sie
fragt, was ich von Zug halte.
Ich schaue ihr einfach in die
Augen und weiss nicht, was
sie mit der Frage meint.
Ein Fest in der Wohnung
der Stadtbeobachterin.
Peter Dalcher und seine
Frau Hanni sind dabei.
Sie sind die Ältesten und
Zugleich die Jüngsten,
was auf Anhieb sichtbar ist.
1993 und 1994 gibt es in
Zug noch 2 Zeitungen und
die Stadtbeobachterin, ich,
schreibe für sie, vor allem
für eine der beiden. Es gibt
mitunter gute Gespräche.
Im Kunstmuseum sitze
Ich oft, lese Zeitungen,
trinke ein Espresso,
kaufe sehr gut sortierte
Künstlerkarten und
geniesse und brauche
die anregende Ruhe.

 

Erste Streifzüge
mit Ursula Bossard.
Bildende Kunst in
den Vorder- und
Hinterhöfen, so dass
ich am Ende vielleicht
alle Bilder der Stadt
kennenlernen werde.
Gleich zu Beginn die Allmende,
von der ich früher nichts wusste.
Allmende ist ein neues Wort
für mich und der Ausgangspunkt
für ausgiebige PedaloFahrten,
die wiederum, die Fahrten mit
einem Pedalo, bedeuten quasi
die Sommersehnsucht, sie
bedeuten den erfahrbaren See.

 

Weit hinein in den See,
mit dem Tretboot auf dem
Wasser, von dort aus der
Blick zurück auf die Stadt.
Von wegen
Briefkastenfirmen!
Pedalofahrten und
Allmende!
Als ich in Zug ankam, habe ich zu
vergleichen gelernt. Das Licht in Zug!
Wenn ich wüsste, was Stolz bedeutet,
würde ich von Stolz reden. Ich habe
das Licht schnell entdeckt, das habe
ich, und später erst erfahren, dass
William Turner dieses Licht längst vor
mir entdeckt hatte. Es geht um seine
Bestätigung, um eine vorangehende
Bestätigung. Womöglich war er stolz,
vor allem aber war er wohl froh.
Als ich in Zug ankam,
gab es viele Fragen,
auch Zeitungsfragen.
Damals war der Fotograf
Andreas Grosz dabei,
heute u.a. Verleger,
aber damals legte er
sich an der Allmende
auf die Bepflasterung,
und ich kann mich an
sein Lachen erinnern,
während er fotografierte.
Bei einer Führung durch
das alte Rathaus fiel mir
ein Theaterstück ein.
Über das beachtliche Rathaus und
auch über das Stück wäre
viel zu sagen. Das Stück gibt
es inzwischen, es wurde
im Casino uraufgeführt.



Im Kopf Erinnerungsfotos
von Zug. Sehr viele. Sie
könnten einen Zug-Foto-
Roman ergeben. Demnächst
geht es um die Hänge mit
den Zuger Kirschbäumen.

– Inventar des Dazwischen

Die Zuger Schleife sticht ins Auge: Zusammen mit den SBB-Gleisen umrahmt sie das Gebiet westlich des Bahnhofs in Form eines seitenverkehrten Q und lässt es auf Stadtplänen, Landkarten und Satellitenbildern deutlich hervortreten. Jedenfalls tat sie das bis vor Kurzem. Heute ist die markante Struktur in Auflösung begriffen.

Auch das von ihr umfasste Gebiet befindet sich im Wandel: Die heterogen besetzte Randzone, die jahrzehntelang durch die Entwicklung von Landis&Gyr geprägt war, wird zu einem kompakten Stadtquartier umgebaut. Noch sind Bruchlinien sichtbar. Eine Spurensuche entlang von dem, was bald nicht mehr oder noch nicht ist – und eine Bestandesaufnahme.


Siemens-Areal (Nord)

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Es gibt keinen anderen Ort westlich des Bahnhofs, wo Vergangenheit und Zukunft sich so spür- und sichtbar durchwirken. Der Theilerplatz schwebt zwischen Ab- und Aufbruch. Jedes Mal, wenn ich auf einer meiner Exkursionen hier vorbeikomme, treffe ich ihn verändert an. Der «Platz» befindet sich in einem permanenten Wandel ohne je zu einer endgültigen Form zufinden. Wenn sich hier etwas verfestigt hat, ist es der Übergang.

Momentan manifestiert er sich in weissen Wänden, die zuerst scheinbar planlos in die weite Fläche hineingebaut wurden. Die erste neben dem Siemens-Parkhaus mit dem Personalrestaurant «Five Moods» im Erdgeschoss kappte die Aussicht der Gäste im Outdoor-Bereich. Weitere kamen kreuz und quer dazu. Nach und nach haben sie sich zu einer temporären Architektur zusammengefügt. Und in Kombination mit Abschrankungen, Absperrgittern, Baulatten, Schildern, Markierungen und Aufschriften ein System von Ein- und Ausschlüssen etabliert. Ihr Vokabular ist allgemein verständlich; Codes wie «Pool» bleiben jedoch rätselhaft.

Die Sorgfalt, die auf das Erstellen der zeitlichen Konstruktionen verwendet wurde, passt zur «ewigen Baustelle», die der Theilerplatz darstellt. (Die Asphaltwüste, die sich zwischen den SBB-Gleisen im Osten bis fast an die Nordstrasse im Westen erstreckt, so zu nennen, ist etwas vollmundig. Als Ortsfremder hat sich mir erst mit der Zeit erschlossen, dass die Parkierungszone in der Mitte des Siemens-Areals identisch ist mit dem im Stadtplan eingezeichneten Theilerplatz.) Er ist der Ort, wo die Zukunft schon Geschichte hat.

Sie erschliesst sich durch den Entwicklungsplan Landis & Gyr/SBB West von 2002. Darin war definiert worden, wie die Zukunft aussehen sollte. Die Grundeigentümer strebten an, das ehemalige Industrieareal zu einem Dienstleistungsstandort umzubauen. Als Gegenleistung für die gezeigte Flexibilität bei den Umzonungen erwartete die Stadt, dass die Besitzer mit ihr zusammen «ein neues Quartier schaffen, das für Arbeit, Wohnen und Freitzeit rund um die Uhr attraktiv sein wird». Dem Theilerplatz kam dabei eine Schlüsselrolle zu: Hier sollten sich Restaurants, Läden, kulturelle und gesellschaftliche Treffpunkte konzentrieren, von denen man sich endlich eine Belebung des Quartiers und eine Anbindung ans Stadtzentrum versprach – dies, nachdem bereits die Opus-Überbauung nicht gebracht hatte, was man sich von ihr ursprünglich versprochen hatte: Eine Öffnung der einstmals «verbotenen Stadt».

Kein Jahrzehnt später machte sich allerdings erneut Enttäuschung breit: Die angestrebte Integration hatte nicht stattgefunden. Der Zwischenbericht vom Stadtrat dazu, wurde vom Grossen Gemeinerat zerpflückt. Mittags sehe man Scharen von Angestellten zu Imbissbuden in der Innenstadt pilgern, weil keine Restaurants vorhanden seien, nachts sei es um den Theilerplatz dunkel etc. etc. Das Fazit: Die Stadt habe versagt. Es sei ihr nicht gelungen, sich gegenüber Siemens Respekt zu verschaffen und die Entwicklungsmöglichkeiten «im öffentlichen Interesse mit wirkungsvollen Auflagen durchzupauken». Das Ganze sei eine verpasste Chance.

Seit der Siemens-Konzern seine Pläne erneut geändert hat – statt eines Headquarters am Theilerplatz baut er nun nördlich davon einen Siemens-Campus, in den ab 2018 Verwaltung und Produktion gemeinsam einziehen werden – ist für den Theilerplatz und die im Westen gelegenen Areale die Zukunft 3.0 angebrochen. «Bald rockt dieser Platz», jubelte der Blick, als bekannt wurde, dass Siemens das 9000 m2 grosse Grundstück verkaufen will. Es gebe nun Raum für Beizen und Clubs – «gute Aussichten für Nachtschwärmer» (18.5.2012).

Ob die Freude gerechtferigt war, wird sich Anfang, Mitte der 2020er Jahre herausstellen. Überbaut wird das Gelände von der Peikert Immobilien AG. Sie hat schon den Park Tower realisiert – allerdings nicht als Hotel, wie von der Stadt vorgegeben, sondern als Wohnturm. Wird es der Stadt dieses Mal besser gelingen, ihre Wünsche gegenüber den Investoren geltend zu machen? Sie hofft nicht nur weiterhin auf eine Belebung des Quartiers durch konsumorientierte Nutzungen, sondern möchte auch die Besonderheit des Ortes bewahren. Die Gebäude am Zählerweg und an der Gartenstrasse 2a sollen erhalten bleiben. Sie will ihre Ziele nun mit einer Bebauungsplanpflicht versuchen durchzuboxen.

Wie auch immer die neue Überbauung aussehen wird, sicher ist, dass sie die Skyline von Zug wesentlich verändern wird. Die Peikert Immobilien AG will die «wesentliche Aufwertung des Quartiers mit erweiterer Nutzung und höherer Verdichtung», die das städtebauliche Grundkonzept anstrebt, mit der Realisierung von weiteren Hochhäusern erreichen. Dies brächte nicht nur den Park Tower besser zur Geltung, wie Bernhard Häni in einem Interview ausführte, sondern liesse auch Raum für öffentliche Nutzungen: «Ich könnte mir vorstellen, dass wir am Theilerplatz einen grossen Park machen und den Siehbach offenlegen, vielleicht sogar etwas verbreitern, dann Cafés rundherum, einen Treffpunkt für Alt und Jung, Gross und Klein», sagte der Peikert-Chef (zentralplus, 24.7.2015).

Die «ewige» Baustelle dürfte somit im Frühling 2020 in eine mit begrenzter Zeitdauer überführt werden – auf dann rechnet die Peikert AG mit dem Bauginn. Der Countdown des Übergangs läuft.

– Inventar des Dazwischen

Die Zuger Schleife sticht ins Auge: Zusammen mit den SBB-Gleisen umrahmt sie das Gebiet westlich des Bahnhofs in Form eines seitenverkehrten Q und lässt es auf Stadtplänen, Landkarten und Satellitenbildern deutlich hervortreten. Jedenfalls tat sie das bis vor Kurzem. Heute ist die markante Struktur in Auflösung begriffen.

Auch das von ihr umfasste Gebiet befindet sich im Wandel: Die heterogen besetzte Randzone, die jahrzehntelang durch die Entwicklung von Landis&Gyr geprägt war, wird zu einem kompakten Stadtquartier umgebaut. Noch sind Bruchlinien sichtbar. Eine Spurensuche entlang von dem, was bald nicht mehr oder noch nicht ist – und eine Bestandesaufnahme.


Siemens-Areal (Süd)

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Der Blick geht nach oben, der Kopf legt sich in den Nacken. Fensterreihe türmt sich auf Fensterreihe bis zur Dachkante, wo das Gebäude den Himmel berührt. 80 Meter ragt der dunkle, schlanke Solitär in die Höhe. Der Blick senkt sich wieder. Viele Rollläden sind heruntergelassen. Durch manche Scheiben sind Einrichtungsgegenstände zu erkennen. Die Gebäudehülle aus schlichten Fensterelementen bietet nichts, das den Blick fesseln könnte.

Er macht sich stattdessen an der Seenlandschaft fest, die am Fuss des Park Towers den Bauzaun kaschiert. Der stahlblaue Zugersee ist von schneebedeckten Bergen umkränzt, der Blick verliert sich am milchig-himmelblauen Horizont. Im Vordergrund des Bildes auf der Werbetafel sind die weisse Bauten der Grafenau sichtbar, doch die blendet man aus. Die imaginierte Aussicht lässt das turmhohe Gebäude auf der gegenüberliegenden Strassenseite für einen Moment verschwinden.

«Diejenigen, die sich hier eine Wohnung leisten können, (…) wohnen (…) nicht das ganze Jahr hier: Sind vielleicht drei Monate in New York, ein halbes Jahr hier, dann ein paar Monate in Paris», lese ich später in einem Interview mit Bernhard Häni, dem Chef der Peikert Immobilien AG (zentralplus, 24.7.2015). Diese wirbt mit dem Slogan «Traum-Aussichten mitten in der Stadt Zug» für den Park (!) Tower. Seine Worte tönen, als wäre J. Leinbachers Vision von St. Europ doch noch Wirklichkeit geworden. Die Stadt werde «eine immerwährende Ausstellung, die mehr einträgt, als die Weltausstellung 1867 den Parisern eingetragen hat», hatte er 1869 in seiner Broschüre geschrieben, mit der er Investoren für sein Projekt einer Millionenstadt in der Lorzeebene zu begeistern suchte.

Dabei schwebte wohl nicht wenigen Zugerinnen und Zugern etwas anderes vor, als sie 2003 für die Entwicklungsplanung des ehemaligen Industrieareals von Landis&Gyr (heute Siemens) votierten und damit auch dem Projekt «Foyer» grünes Licht erteilten. Dieses ging auf einen Ideenwettbewerb von 1990 zurück. Es schlug vor, den Zugang zum neuen Stadtteil und Zug-West mit einem 21-geschossigen Hochhaus zu signalisieren. Für dieses war eine Hotelnutzung mit Wohnungen und Dienstleistungen geplant. Im Erdgeschoss war ein Café-Restaurant vorgesehen und im obersten Bereich eine öffentliche Nutzung.

Vom damals In-Aussicht-Gestellten wurde nicht alles umgesetzt: Zwar setzt der Park Tower den gewünschten städtebaulichen Akzent, doch statt eines Hotels ist mit Ausnahme des Cafés im Erdgeschoss und Büros in den unteren Geschossen ein reines Wohngebäude im Stockwerkeigentum entstanden. «Damit ist nur ein Spekulationsinteressen dienender Bau übrig geblieben», so Gemeinderätin Astrid Estermann von den Alternativen/Die Grünen zu zentralplus (10.1.2014).

Dass der Peikert AG einiges daran gelegen war, die «Traum-Aussichten» exklusiv anbieten und so möglichst viel aus dem Penthouse herausholen zu können, zeigt die Tatsache, dass sie versuchte, sich von der öffentliche Nutzung im Dachgeschoss loszukaufen. 1,3 Millionen Franken bot sie der Stadt, um sie dazu zu bewegen, auf die angedachte Aussichtsplattform zu verzichten. Der Allgemeinheit sollte bloss der Anblick bleiben. Nach jahrelangem Streit ist nun aber entschieden, dass die Stadt im Park Tower einen Gesellschaftsraum realisieren kann. Stimmt der Grosse Gemeinderat dem Ausbaukredit zu, werden Zugerinnen und Zuger bald mit Blick auf die Voralpenkulisse Tagungen abhalten oder Geburtstage feiern können.

Vom vielfältigen Nutzungsmix von Wohnen, Arbeiten, Gastronomie, Hotel und Kinos sowie einem öffentlichen Stadtpark, der im Projekt «Foyer» versprochen worden war, ist das Hotel nicht das einzige, das nicht realisiert wurde. Zwar weist die städtische Vorhalle in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof die ursprünglich vorgesehenen Gebäude und den Park auf, doch von der erträumten Nutzungsvielfalt kann keine Rede sein: Das «Foyer» ist Johnson&Johnson-Gebiet. «Zumbach» und «Bossard», die beiden einzigen Cafés auf dem gesamten ehemaligen Siemens-Areal, schliessen unter der Woche schon um 19 bzw. 18 Uhr. Am Wochenende sind sie nur teilweise oder gar nicht geöffnet.

Trotzdem haben das «Foyer» und das daran angrenzende Gebiet gegen Norden und Osten ihre Qualitäten: Das Stammhaus von Siemens aus den 1930er Jahren ist erhalten geblieben (es steht unter Denkmalschutz). Im Ziegelsteinbau am Zählerweg und in den dahinterliegenden Shedhallen entlang der Aabachstrasse wird vorläufig noch produziert. Wer sich an den «Privat»-Schildern vorbeiwagt, kann noch einen Hauch der untergehenden Industrieära atmen. Das Summen von Maschinen ist zu hören. Durch die Fenster erspät man Menschen, die an ihnen arbeiten. Die Fahrradständer und die zwischen Buchsbaumhecken eingepassten Pausenbänke versprühen den Charme der Fünfzigerjahre. Sie kontrastieren mit dem Schilfweiher, der die Vorstellung einer nordischen Sumpflandschaft evoziert. Er füllt den Innenhof und die Räume zwischen den modernen Bauten des «Opus» -Dienstleistungskomplexes aus. Stellenweise ist er mit einem Gitterrost überdacht. Outdoor-Möbel dienen den Angestellten zum Relaxen. Überall spiegelt sich das Alte im Neuen und umgekehrt.

Auch an der Dammstrasse steht noch eine Shedhalle. Im Zirkus Grissini können Kids hier ihre artistischen Talente erproben. Und hinter der einstigen Pförtnerloge lässt sich erahnen, wie der alte, mit Platanen besetzte Parkplatz anmutete, der früher das ganze «Foyer»-Areal bedeckte. Ein kleines Stück ist noch erhalten. Vielleicht ist den Platanen ein zweites Leben beschieden, so wie ihren Artgenossen im «Foyer»-Park. Entlang der Dammstrasse soll ab 2019 das «Foyer Ost» entstehen: mit Büros, anderen Dienstleistungen und Wohnungen. Das Grundstück aufgekauft hat die Alfred Müller AG wegen seiner «hohen Visibilität».

– Inventar des Dazwischen

Die Zuger Schleife sticht ins Auge: Zusammen mit den SBB-Gleisen umrahmt sie das Gebiet westlich des Bahnhofs in Form eines seitenverkehrten Q und lässt es auf Stadtplänen, Landkarten und Satellitenbildern deutlich hervortreten. Jedenfalls tat sie das bis vor Kurzem. Heute ist die markante Struktur in Auflösung begriffen.

Auch das von ihr umfasste Gebiet befindet sich im Wandel: Die heterogen besetzte Randzone, die jahrzehntelang durch die Entwicklung von Landis&Gyr geprägt war, wird zu einem kompakten Stadtquartier umgebaut. Noch sind Bruchlinien sichtbar. Eine Spurensuche entlang von dem, was bald nicht mehr oder noch nicht ist – und eine Bestandesaufnahme.


Grafenau

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«Grafenau 1, 3» – das erste Mal, als ich das Strassenschild sah, stand noch «Albisstrasse» darauf, da bin ich mir ganz sicher. Ich erinnere mich daran, weil ich nach dem Schild gesucht hatte. Ich wollte wissen, wie die Adresse des alten Hauses lautet, das ich eben entdeckt hatte.

Es steht versteckt zwischen den Flügeln des Gebäudekomplexes Grafenau Süd. Dieser ist so perfekt in die Kurve des Bahnviadukts eingepasst, dass es aussieht, als würde er sich ihr anschmiegen. Das Haus ist auf drei Seiten vom Neubau umklammert, nur zum Parkplatz hin hat es Luft. Obwohl es drei Stockwerke hoch und mit einem Satteldach gedeckt ist, wirkt es vor dem sechsgeschossigen Nachbarn fragil. Zu seiner prekären Lage passt, dass sich davor Bauarbeiter zu schaffen machen, als ich es antreffe. Ist es ein Abbruchobjekt? Und was hat es mit den bunten Schirmen an der Fassade auf sich?

Wie so oft, wenn sich Spuren im Realen verlaufen, finden sich Fortsetzungen im virtuellen Raum. (Manchmal ist es auch umgekehrt.) Antwort 1: Das Haus an der Albisstrasse 3 soll tatsächlich abgerissen werden. Antwort 2: Bis es soweit ist, wird es kulturell zwischengenutzt.

Mit dem Verschwinden der Albisstrasse ist das Nagelhaus zu einer Art realexistierendem Phantom geworden. Es steht noch da, ist aber bereits in den Zustand der künftigen Vergangenheit versetzt. Wird so kollektives Vergessen organisiert?

Das Haus und seine Geschichte sind es jedenfalls wert, sich daran zu erinnern: Errichtet wurde es Ende des 19. Jahrhunderts vom Gründervater von Landis Bau – dem Konzern, der halb Zug gebaut hat und jetzt rege mit seinem Umbau beschäftigt ist. 1949 ging es an den neuen Teilhalber der Firma über, der mit seiner Familie einzog. Eine Tochter verwandelte das Haus dann für eine gewisse Zeit zu einem Widerstandsnest gegen den Totalumbau der Stadt: Sie hatte eine widerständische Ader und liess an der Albisstrasse 3 immer wieder Gesinnungsgenossen wohnen, wie der Journalist Michael Soukup schrieb («Die Zeit», 2.8.2012). Mit seinem Artikel hat er dem Nagelhaus wenigstens ein mediales Denkmal gesetzt.

Neuerdings klebt am Laternenpfahl neben dem Strassenschild ein knallgelbes A4-Blatt. Es ist wasserdicht in ein Ringmäppchen eingepackt:

Albisstrasse 3
d‘Wohnig
← ← ← ←

Die Betreiberinnen und Betreiber des Zwischennutzungsprojekts nehmen es offenbar nicht hin, dass ihr Haus der Adresse beraubt wurde. Überhaupt setzen sie im Quartier Gegenakzente: Auf einem Podest aus Paletten haben sie behelfsmässig eine Terrasse eingerichtet. Eine Holzfigur – aus ihrem Kopf spriest Schnittlauch – wacht über Gartenmöbel und Blumentöpfe und heisst Besucher willkommen. «D‘Wohnig» erstreckt sich nun bis an den Rand des Parkplatzes. Neben der Terrasse ist ein Mini-Gärtchen angelegt. Jedes Pflänzchen ist mit einem Schildchen versehen, auf dem zu lesen ist, was hier wächst.

Um die Ecke, vor einer der Glastüren im Erdgeschoss des Neubaukomplexes, steht verschämt ein einsamer Grill. Es ist das einzige Zeichen in der Grafenau, das auf einen schüchternen Versuch individueller Raumaneignung schliessen lässt. Der Spielplatz wirkt wie aus dem Ei gepellt. Weder Kids noch Mütter oder Väter scheinen Lust zu haben, die Anlage in Beschlag zu nehmen. Dabei ist offensichtlich, dass man sich Mühe gegeben hat, für Publikumsverkehr zu sorgen. Der Innenhof dient als öffentlicher Durchgang, die Liegenschaften sind zum Wohnen und zum Arbeiten bestimmt. Es gibt Läden. Der grösste Teil des Erdgeschosses ist allerdings mit Büros belegt. Zugezogene Lamellenstoren lassen die Blicke der Vorübergehen an spiegelnden Fensterfronten abprallen. Die Grafenau Süd versucht sich städtisch zu geben. Der Erfolg ist mässig.

Das Bild wiederholt sich in der Grafenau Nord. Ob die Spiralente je zum Schaukeln gebracht wurde? Und der Baseball-Korb: Hat er jemals einen Ball aufgefangen? Überhaupt wirkt die ganze Anlage zwischen dem anonym wirkenden Wohnriegel und dem Business Center steril, ja klinisch tot: Am Boden ist nicht das kleinste Fitzelchen zu entdecken, geschweige denn ein welkes Blatt oder ein Grashalm, der einen anderen überragt. Während in der Grafenau Süd bald alles getilgt sein wird, das auf früher verweist, verfügt die Grafenau Nord aber zumindest über ein historisches Relikt: die alte Eiche.

Sie steht vor dem Business Center Grafenau, das sich auf der Website seiner faszinierenden Architektur rühmt und stolz darauf hinweist, dass es «auch heute noch als eine der attraktivsten und repräsentativsten Liegenschaften in Zug» gelte. Es wurde 1993 erbaut und soll als Sitz von rund 250 Unternehmen massgeblich dazu beigetragen haben, dass sich die Stadt zu einem internationalen Wirtschaftsstandort entwickelte. Seine strahlend weisse Fassade blendet selbst bei bedecktem Himmel. Der monumentale Baum – er soll mehr als 150 Jahre alt sein – ist davor maximal zur Geltung gebracht. Das Eichenlaub wirkt grüner als grün, die Rinde schwärzer als schwarz. Die Eiche sieht nicht nur ausgestellt aus, sondern ist es auch.

Früher wurde ein Baum gepflanzt, wenn ein Kind geboren wurde – wenn es einmal erwachsen war, sollte es das Holz ernten können. Der Baum als Symbol neuen Lebens, der Zukunft ist in der Grafenau ins Gegenteil verkehrt. Hier steht er für die Vergangenheit, die dem Ort abhanden gekommen ist. Und als grosser, grüner Punkt, der auf den – auch hier – allgegenwärtigen Orientierungstafeln eingezeichnet ist, verleiht er dem Quartier jene Identität, die die Architektur offenbar nicht zu schaffen vermag.

– Inventar des Dazwischen

Die Zuger Schleife sticht ins Auge: Zusammen mit den SBB-Gleisen umrahmt sie das Gebiet westlich des Bahnhofs in Form eines seitenverkehrten Q und lässt es auf Stadtplänen, Landkarten und Satellitenbildern deutlich hervortreten. Jedenfalls tat sie das bis vor Kurzem. Heute ist die markante Struktur in Auflösung begriffen.

Auch das von ihr umfasste Gebiet befindet sich im Wandel: Die heterogen besetzte Randzone, die jahrzehntelang durch die Entwicklung von Landis&Gyr geprägt war, wird zu einem kompakten Stadtquartier umgebaut. Noch sind Bruchlinien sichtbar. Eine Spurensuche entlang von dem, was bald nicht mehr oder noch nicht ist – und eine Bestandesaufnahme.


Areal An der Aa

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Nach der Brücke über die General-Guisan-Strasse verändert sich das Aussehen des Schleifedamms völlig. Er präsentiert sich nun als laternengesäumter Weg, der als Abkürzung zwischen Gaswerkareal und Bahnhof Schutzengel beliebt ist. Nach Osten überblickt man vom Weg aus die Werkstätten der Zugerland Verkehrsbetriebe (ZVB). Durch die offenen Tore sind Männer in blauen Arbeitskleidern zu sehen, die sich an Fahrzeugen zu schaffen machen. Am Fuss des Damms stehen Privatwagen – wohl die Autos der Angestellten. Ein Stück weiter fällt mein Blick auf die Ecke eines Holztischs. Auch die Hälfte einer Gartenbank und die Spitze eines zusammengeklappten Sonnenschirms sind sichtbar – das Pausenrefugium der Mechaniker? Es drückt sich zwischen parkierten Autos und schrottbeladenen Mulden so eng an den Damm, dass es von oben her kaum zu sehen ist.

Der Weg wird nun auf beiden Seiten von Büschen und Bäumen gesäumt. Das Dickicht lässt nur spärliche Durchblicke zu. Die Rückwand eines Schuppens ist zu sehen. Bunte Folie sticht zwischen dem Grün hervor, das auf dem Gelände neben dem Damm wuchert. Verwundert stelle ich fest, dass es sich um Abdeckblachen von Booten handelt, die hier lagern. Der Damm führt noch ein Stück weiter und endet dann abrupt an einem Mäuerchen. Es soll wohl verhindern, dass man in den Abgrund stürzt, der sich dahinter auftut: Den letzten Teil des Damms, der früher das Schleifetrassee mit dem Eisenbahnnetz verband, muss man sich vorstellen.

Da, wo der Weg vom Damm abzweigt und sich Richtung Bahnstation Schutzengel senkt, ändert sich die Szenerie erneut. Es zeigt sich, dass der äusserste Zipfel der Schleife fast ganz zum Lagern ausgewasserter Boote dient. Ein Teil ist auf dem umzäunten Areal beim Pumpwerk Siehbach deponiert, ein anderer auf der Brache, die vom Strässchen An der Aa bis zum Hag des ZVB-Geländes reicht. Auf der Brache scheint eine andere Zeitrechnung zu gelten: Manche Bootsanhänger sind ganz unter Dornengestrüpp verschwunden, andere liegen versunken im hohem Gras. Bootsstützen ragen in die Luft wie Sehrohre von U-Booten. Im hinteresten Teil der Brache formieren sich aufeinander gestapelte Trailer zu einem Superfahrzeug mit unzähligen Rädern, dessen verwunschenes Schicksal es aber ist, still zu stehen.

Wie wild der Südwesten der Schleife ist, wird um so augenfälliger, je weiter man dem Bahnviadukt entlang Richtung Bahnhof geht. Ist das ZVB-Hochhaus noch von Blumenrabatten und Platanen umgeben, schiesst das Polizeihauptgebäude direkt aus dem Asphalt heraus. Die Strafanstalt, die das Areal an der Ecke zur Aabachstrasse abschliesst, ist ein Bau aus Sichtbeton. Seine nüchterne Sachlichkeit ist wohl kaum zu überbieten. Im Osten herrscht Ordnung.

Mit dem Projekt «Fokus» wird das Ordnungsprinzip auf das ganze Areal An der Aa ausgedehnt. Die kantonale Verwaltung, die derzeit über die ganze Stadt verstreut ist, und die ZVB wollen ihre Kräfte an einem Ort bündeln und das Areal gemeinsam überbauen. Um dies realisieren zu können, müssen auch die Besitzverhältnisse entflochten werden. Mit der Stadt besteht ein Landtauschvertrag. Der Westen bleibt grün, er soll aber zu einem «parkartigen Ensemble» gebändigt werden, das die Aussenraumgestaltung des Bosshard-Areals und der Jugendherberge weiterführt, die jenseits der Schleife liegen. Die Vielfalt der Nutzungen, versteckte Nischen und Wildwuchs werden verschwinden. Sie werden Platz machen für Liegeinseln in begrünten Randzonen und Sitzbalken auf baumbestückten Mini-Kiesplätzen, die in der Asphaltwüste aufpoppen. Alles wird sehr übersichtlich sein und sehr schön gemacht, ja perfekt.

Die Rufe nach «Meh Dräck», wie sie etwa von der Erziehungswissenschaftlerin Christina Huber Keiser im Video «Die neue Stadtidee – Zug als Vorreiterin für globalisierte Städte» geäussert wurden, sind bisher offenbar nicht gehört worden. Allerdings plant hier nicht die Stadt, sondern der Kanton. Nicht weniger als (geschätzte) 455 Millionen Franken will er für «Fokus» verbauen – ein Gigaprojekt, wie es im Kantonsrat in der Debatte über den Projektierungskredit hiess. Es gab denn auch Kritiker, die namentlich das geplante Verwaltungszentrum 3 als Prestigebau taxierten. Sie zweifelten an dessen Notwenigkeit und warnten vor der Gefahr, dass der Kanton mit dem Bau zusätzlicher Büros zum Aufblähen einer Immobilienblase beitragen könnte.

Mittlerweile hat der Regierungsrat zurückbuchstabiert: Aufgrund des Entlastungsprogramms muss die Verwaltung künftig mit weniger Personal auskommen – und braucht deshalb auch weniger Büros. Der Regierungsrat will nun nur den ZVB-Stützpunkt und die Rettungszentrale verwirklichen. Die Projektierungsarbeiten für das Verwaltungszentrum 3 wurden gestoppt. Das dafür vorgesehene Teilareal an der General-Guisan-Strasse soll als langfristige Reserve freigehalten werden.

– Inventar des Dazwischen

Die Zuger Schleife sticht ins Auge: Zusammen mit den SBB-Gleisen umrahmt sie das Gebiet westlich des Bahnhofs in Form eines seitenverkehrten Q und lässt es auf Stadtplänen, Landkarten und Satellitenbildern deutlich hervortreten. Jedenfalls tat sie das bis vor Kurzem. Heute ist die markante Struktur in Auflösung begriffen.

Auch das von ihr umfasste Gebiet befindet sich im Wandel: Die heterogen besetzte Randzone, die jahrzehntelang durch die Entwicklung von Landis&Gyr geprägt war, wird zu einem kompakten Stadtquartier umgebaut. Noch sind Bruchlinien sichtbar. Eine Spurensuche entlang von dem, was bald nicht mehr oder noch nicht ist – und eine Bestandesaufnahme.


Gaswerkareal

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Der Parkplatz neben dem alten Bahndamm ist so gross, dass er die umliegenden Gebäude in die Ferne rückt. Er erstreckt sich vom Damm, der hier in eine Kurve übergeht, über die gesamte Breite des Gaswerkareals bis zur Aabachstrasse. Die plötzliche Weite tut gut. Die Frage, ob es überhaupt erlaubt ist, sich auf dem Damm aufzuhalten, verflüchtigt sich.

Sie hatte sich auf dem schnurgeraden Stück Richtung See, wo Wohnhäuser über den Damm lugen, ins Bewusstsein geschlichen. Doch ich hatte nichts entdecken können, was mein Verhalten sanktioniert hätte. Auf dem Damm sind die Sockel der Fahrleitungspfeiler stehen geblieben und ab und zu findet sich der Pfosten eines Zauns, der das Trassee früher abtrennte. Bänke, die zum Verweilen einladen, gibt es jedoch genauso wenig wie sonstiges Stadtmobiliar, das auf Do‘s und Don‘ts hinweist. Das ehemalige Eisenbahntrassee ist sich selber überlassen und ebenso, wer sich hierher wagt.

Den Freiraum gibt es dank einem parlamentarischen Vorstoss: Er hatte gefordert, die Struktur der Wendeschleife zu erhalten und sie einer öffentliche Nutzung zuzuführen. Das war 1991, kurz nachdem der Betrieb darauf eingestellt worden war. Die Schleife, so die Begründung, habe die «bauliche und planerische Entwicklung» der Stadt Zug wesentlich geprägt. Für die öffentliche Nutzung existiert seitens der Stadt offenbar kein explizites Konzept. Gemäss Baudepartement war einfach «klar, dass man den Landstreifen nach der Entfernung der Anlagen quasi wieder der Natur zurückgibt».

Auf dem Parkplatz registriere ich, dass nicht das gesamte Areal dem Parkieren dient. Nahe beim Damm befindet sich ein umzäuntes Holzlager. An den Seiten und im Zufahrtsbereich sind breite Streifen ausgespart. Stellenweise sind sie hüfthoch bewachsen. Zwischen Gräsern blühen Wiesenblumen. Rohe Baumstämme trennen die Grasflächen von den befahrenen Bereichen ab und unterteilen die Parkierungszonen. Die Verkehrsflächen sind asphaltiert, die Abstellplätze bloss mit Kies belegt. Der Parkplatz wirkt notdürftig hergerichtet – und doch scheint er nicht unbedacht angelegt.

Dafür sprechen die symmetrische Anordnung und insbesondere die jungen Eschen, die in fixen Abständen über das ganze Areal verteilt sind. Nur entlang der Aabachstrasse und dort, wo die Fahrspuren verlaufen oder Kandelaber montiert sind, weisen ihre Reihen Lücken auf. Die Bäumchen sehen nicht aus, als würde es ihnen gefallen, hier zu stehen. Bei manchen sind die Baumkronen mit dürren Ästen durchsetzt, andere wirken so schmächtig, als würden sie es vorziehen, einzugehen statt Wurzeln zu schlagen.

Die Aufenthaltsqualität auf dem Gaswerkareal – laut Anzeige bei der Zufahrt sind im Moment noch 16 von rund 230 Parkplätzen frei – ist auch für menschliche Wesen nicht eben hoch. Trotzdem, das Provisorische hat seinen eigenen Reiz. Die Autobrache setzt einen Kontrast zu den stylischen Aussenräumen des Käufmannischen Bildungszentrums oder den Blumen- und Gemüsegärten der Mehrfamilienhäuser in der Nachbarschaft und sorgt für Abwechslung. Vor allem aber verweist das Provisorische darauf, dass hier alles auch ganz anders sein könnte: Nichts ist festgelegt, alles scheint noch möglich.

Ist alles möglich? Das Areal liegt laut Bauordnung in einer Zone des öffentlichen Interesses. Es ist bestimmt für kantonale Schulen, die kantonale Verwaltung und die Zugerland Verkehrsbetriebe. Mittlerweile zeichnet sich aber ab, dass die Hälfte des Geländes in ein paar Jahren im Rahmen eines Tauschgeschäfts vom Kanton an die Stadt übergehen wird. Die Stadt sieht darin eine willkommene Baulandreserve mit dem Potenzial für preisgünstigen Wohnungsbau.

Wäre eine andere Zwischenlösung denkbar als die derzeitige? Die provisorische Parkplatzanlage verhilft dem Kanton alljährlich zu Zusatzeinnahmen. Die Initiative zu ihrer Erstellung wurde seitens der Bürgerlichen denn auch ausdrücklich gelobt, als das Geschäft 2004 im Kantonsrat beraten wurde. Keine Mehrheit fand hingegen der Vorschlag, an der ursprünglichen Absicht festzuhalten. Diese sah vor, nach dem Rückbau der Gaswerkanlagen eine baumbesetzte Magerwiese entstehen zu lassen. Wäre damals anders entschieden worden, würde der Raum für kleine Ausfluchten heute weit über den Bahndamm hinausreichen.

– Inventar des Dazwischen

Die Zuger Schleife sticht ins Auge: Zusammen mit den SBB-Gleisen umrahmt sie das Gebiet westlich des Bahnhofs in Form eines seitenverkehrten Q und lässt es auf Stadtplänen, Landkarten und Satellitenbildern deutlich hervortreten. Jedenfalls tat sie das bis vor Kurzem. Heute ist die markante Struktur in Auflösung begriffen.

Auch das von ihr umfasste Gebiet befindet sich im Wandel: Die heterogen besetzte Randzone, die jahrzehntelang durch die Entwicklung von Landis&Gyr geprägt war, wird zu einem kompakten Stadtquartier umgebaut. Noch sind Bruchlinien sichtbar. Eine Spurensuche entlang von dem, was bald nicht mehr oder noch nicht ist – und eine Bestandesaufnahme.


Gartenstadt

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«Stadt Zug Gartenstadt» tippe ich in die Google-Suchzeile ein. Ich will mich über die historische Arbeitersiedlung schlau machen, deren hinterste Häuser an den alten Bahndamm angrenzen. Bei einigen Häusern habe ich Lücken in den Hecken zum Damm entdeckt. Sie verbinden die Liegenschaften mit Pflanzplätzen, die ihre Bewohner im schmalen Streifen am Fuss des Damms angelegt haben. Andere führen zu Trampelpfaden über den Damm. Die Szenerie entlang des langen, graden Stücks der ehemaligen Wendeschleife, das sich Richtung See erstreckt, hat etwas Verträumtes.

Ich klicke auf die Lupe. Statt Infos zur Geschichte zu liefern, katapultieren mich die Suchergebnisse mitten hinein ins Hier und Jetzt des sich wandelnden Quartiers:

Gartenstadt Zug – Urbanes Wohnen – Mietwohnungen: Standort
www.gartenstadtzug.ch

Gartenstadt Zug – wohnen und arbeiten an der Nordstrasse 1/3/5. Mitten in Zug, umgeben von einer attraktiven Gartenanlage, entstehen 32 Mietwohnungen (2 …

Gartenstadt 2, Zug: Private Bauherrschaft realisiert komfortablen …
www.gartenstadt2.ch

Mit dem MFH Gartenstadt 2 entstehen 16 Mietwohnungen im Zentrum der Stadt Zug, in attraktivem Klinkergebäude. Das vielseitige Angebot umfasst 2 1⁄2 bis 4 1⁄2 …

Gartenstadt Zug
www.progartenstadt.ch

In der Gartenstadt Zug planen zwei Genossenschaften (Baugenossenschaft Familia AG und Heimstädte Zug AG) sowie die öffentliche Hand (kantonale …

«Gartenstadt Zug» ist unter den ersten zehn Suchresultaten gleich mehrfach präsent. Unter einem grün und schwarz unterlegten Logo, das die Worte «Garten», «Stadt» und «urbanes Wohnen» kombiniert, preist die Website ein «elegantes Bauvolumen» mit «lichtdurchfluteten Wohnungen» an. «Ein hoher Ausbaustandard und raffinierte Grundrisse», heisst es, «garantieren Wohnkomfort für anspruchsvolle Bewohner». Visualisiert werden die Schlagworte mit «Impressionen» von gleissenden Wohnlandschaften, Fensterfronten in XXL-Format und Balkonen mit Lounge-Atmosphäre. Was in der Werbung nicht herausgestrichen wird: Das Gebäude steht am Südrand der Gartenstadt direkt an der Nordstrasse und hat die Aufgabe, das Quartier vor Verkehrslärm zu schützen. Die «attraktive Gartenanlage» liegt auf der Rückseite des bereits bezogenen Hauses und ist noch im Entstehen, wie ich vor Ort feststellen werde.

Bei der Namenswahl geht es offensichtlich um die Verpackung und nicht um den Inhalt: Grün verkauft sich gut. Ebenezer Howard – sein Gartenstadt-Modell von 1898 inspirierte auch den Bau der Zuger Siedlung zwischen 1919 und Ende der 50er-Jahre – strebte danach, die Wohn- und Lebensverhältnisse der Arbeiter zu verbessern – etwa mit Nutzgärten, die die Ernährung verbessern sollten. Auch wollte er der Spekulation den Boden entziehen. Grund und Boden sollten sich im Gemeinschaftsbesitz befinden, Kapitalerträge in die Gemeinschaftseinrichtungen fliessen und die Mieten tief gehalten werden. Die von ihm erträumte Gartenstadt sollte dabei durchaus eine gewisse Dichte und städtisches Leben aufweisen, also nicht nur «grün» sein. Immerhin: Auch Howard wollte Wohnen und Arbeiten näher zusammenbringen.

«Gartenstadt 2», ein anthrazitfarbiger Bau, der – ebenfalls als Lärmriegel konzipiert – exakt in die Kurve der Nordstrasse eingepasst ist, soll im August bezugsbereit sein. Auch hier handelt es sich nicht um ein Revival der Gartenstadtbewegung – der Name ist identisch mit der Adresse –, sondern um ein Renditeobjekt. Die günstigste Wohnung, die hier noch zu haben ist, ist eine 88 Quadratmeter grosse 3,5-Zimmer-Wohnung im ersten Obergeschoss für 2667.– Franken (ohne NK). Als ich mich auf der Baustelle umsehe, fällt mir auf, wie scharf die Scheidelinien zwischen den neubebauten Parzellen und den Gärten der zum Teil unter Denkmalschutz stehenden Nachbarhäuser sind. Sie trennen weit mehr als nur Grundstücke.

Unter www.progartenstadt.ch stosse ich auf eine Petition, die am 1. Oktober mit rund 800 Unterschriften eingereicht wurde. Die Petitionäre kämpfen damit für den Erhalt von 13 Häusern mit insgesamt 85 Wohnungen, welche die Besitzer (die kantonale Gebäudeversicherung beziehungsweise die Baugenossenschaft Familia) abreissen und durch Neubauten ersetzen wollen. Konkret geht es um Häuser entlang der Aabach- und der Hertistrasse. Sie wurden zwischen 1946 und 1960 für Mitarbeiter der Firma Landis & Gyr errichtet. Im geplanten Abbruch sehen die Gegner einen sozialen und einen städtebaulichen Skandal: Zum einen würden «sehr preisgünstige Wohnungen» vernichtet werden (eine 3-Zimmer- Wohungen soll dort derzeit zwischen 1000 und 1200 Franken kosten); zum anderen sehen sie das offiziell als schützenswert inventarisierte Ortsbild der Gartenstadt bedroht.

Die Eigentümer stellen sich dagegen auf den Standpunkt, die Wohnungen seien «nicht mehr zeitgemäss» und könnten nur an «anspruchslose Personen» vermietet werden, wie das Onlinemagazin „zentralplus“ berichtete. Sie wollten grosszügigere Wohnungen, die «andere und einfach mehr Mieter» ansprächen.

Wird dieses Anliegen der Gartenstadt-Idee noch gerecht oder höhlt es sie von innen heraus aus? Sieht aus, als bräuchte es ein Schutzlabel für sozialen Wohnungsbau.

Mittlerweile wurde für den Ersatz der Arbeiterhäuser ein anonymer Wettbewerb durchgeführt. 15 Projektteams haben gemäss den Vorgaben und Auflagen von Denkmalpflege und Stadt Projekte ausgearbeitet. Eines wurde zum Siegerprojekt gekürt. Dazu ist nun bereits eine Interpellation hängig. Der Aushandlungsprozess ist in vollem Gang.

Auf dem Bahndamm ist nicht zu erkennen, dass der Fortbestand der anliegenden Häuser in Frage gestellt ist. Und schon gar nicht ist zu spüren, dass um die Zukunft des ganzen Quartiers gerungen wird.

– Inventar des Dazwischen

Die Zuger Schleife sticht ins Auge: Zusammen mit den SBB-Gleisen umrahmt sie das Gebiet westlich des Bahnhofs in Form eines seitenverkehrten Q und lässt es auf Stadtplänen, Landkarten und Satellitenbildern deutlich hervortreten. Jedenfalls tat sie das bis vor Kurzem. Heute ist die markante Struktur in Auflösung begriffen.

Auch das von ihr umfasste Gebiet befindet sich im Wandel: Die heterogen besetzte Randzone, die jahrzehntelang durch die Entwicklung von Landis&Gyr geprägt war, wird zu einem kompakten Stadtquartier umgebaut. Noch sind Bruchlinien sichtbar. Eine Spurensuche entlang von dem, was bald nicht mehr oder noch nicht ist – und eine Bestandesaufnahme.


Schleife Nord (West)

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Irgendwo müssen hier die Nussbäume stehen. Der Unterton, in dem sie erwähnt wurden, liess erahnen, wie imposant sie sind. Doch da, wo ich die prächtige Allee vermute, sind keine alten Bäume zu finden. Das Bahntrassee selbst wirkt wie leergefegt. Ein Gras bewachsenes Band zieht sich der Wohnsiedlung entlang, welche die Schleife hier ausfüllt. Zwischen der Überbauung und dem Trassee verläuft ein Graben, der von einem schmalen Bachlauf durchzogen ist. Eine Betonbrücke führt hinüber. In ihre Geländer ist weithin sichtbar der Name Feldhof eingegossen. Das Rinnsal, das die Monotonie der Grasbandes wenigstens etwas auflockert, vermag an meiner Enttäuschung darüber, dass die Nussbäume verschwunden sind, nichts zu ändern.

Wie kann man etwas nachtrauern, das man selbst nie gesehen hat? Mich interessiert, warum die Bäume gefällt wurden, und ob sich jemand dagegen gewehrt hat. Im Internet stöbere ich den Umweltverträglichkeitsbericht auf, der während der Planung des Wohnparks Feldhof erstellt wurde. Er hielt bloss nüchtern fest, dass durch die Überbauung «die bestehenden Obst- und Nussbäume sowie landwirtschaftlich extensiv genutztes, ökologisch wenig wertvolles Land» wegfallen. Der Bericht hob aber hervor, dass die im Bereich des ehemaligen Bahntrassees vorhandenen «Ruderalflächen, Hecken und Magerstandorte» von hohem Wert für die Tier- und Pflanzenwelt seien. Und er betonte, dass die vorgesehene Freilegung des Schleifebachs neue Lebensräume schaffen werde. Der Standort berge deshalb grosses Potenzial im Sinne eines städtischen Biotops.

Im Scheitelpunkt der Schleife dominiert die Nordzufahrt. Die Einfahrtsschneise durchschneidet das ehemalige Bahntrassee genau im rechten Winkel. Sie verbindet die Stadt mit der Autobahn A4. Wer eine der anliegenden Siedlungen bewohnt, erreicht Luzern in 25, Zürich in 30 und den Zürcher Flughafen in 35 Minuten (kein Standort in Zug, der nicht mit der verkehrsgünstigen Lage beworben würde). Will man die Strasse überqueren, muss man entweder den Umweg über die Unterführung machen oder eine Verkehrslücke abpassen. Der Verkehrfluss ist stetig. Zwar gibt es eine Verkehrsinsel für Fussgänger, doch auf einen Streifen wurde verzichtet. Das Auto hat Vortritt. Auf Höhe der Insel geht die Überlandstrasse überraschend in einen Boulevard über. Er ist beidseitig von noch jungen Baumreihen und breiten Gehwegen gesäumt. Dahinter erstrecken sich begrünte Parkierungszonen bis zu den Häuserzeilen.

Eine Prachtstrasse an dieser Stelle irritiert, um so mehr, als sie schon nach wenigen hundert Metern endet. Schon beim nächsten Kreisel schrumpft die Nordstrasse – so ihr banaler Name – wieder auf Normalformat.

Unwillkürlich muss ich an St. Europ denken, die 1865 von einem gewissen J. Leinbacher in die Welt gesetzte Vision einer Millionenstadt in der Lorzenebene. Die Stadt sollte innert nur 15 bis 20 Jahren aus dem Nichts erbaut werden und hätte wohl eine Art Gartenstadt-Manhatten ergeben, wenn sie realisiert worden wäre. Leinbacher sah einen zentralen Boulevard vor, der vom Seeufer bis Baar reichen sollte. Ob er an der Nordstrasse Freude hätte? Immerhin ist sie – wie auch die umliegenden Siedlungen – innert weniger Jahre auf der grünen Wiese entstanden. Leinbacher hatte seinen Zeitgenossen vorgerechnet, dass es viel günstiger sei, eine neue Stadt zu errichten, als eine bestehende umzubauen. Und er war überzeugt, dass St. Europ dank seiner Lage «am Fuss der Wunder von Naturschönheiten», seiner guten Erreichbarkeit («in ein oder zwei Tagen ist man ja bald da und dort», womit er Paris und Wien, Berlin und Rom meinte) und ihrer Qualität als hervorragende Geldquelle («den Kapitalisten kann unmöglich eine bessere Grundkapitalanlage geboten werden, als diese») zum «Wallfahrtsort» und zur «Zuflucht» für Grossstädter werde, «die vor dortiger Schuldenlast fliehen».

Entlang der Strasse fallen die Fronten aus Schallschutzglas auf. Ob sie die Innenbereiche der Siedlungen wirklich vom Verkehrslärm abdämmen? Sowohl im Feldpark wie im Wohnpark Feldhof sind die Höfe – wen wunderts – als Pärke gestaltet. Sie erwecken (wie die Namen) den Eindruck, als würde sich die Stadt vor sich selber verstecken. Der Umweltverträglichkeitsbericht von 2002 hielt fest, dass die Überbauung einer landwirtschaftlich genutzen Zone, wie sie der Feldhof bis dahin war, einen beträchtlichen Eingriff in Ortsbild und Landschaft bedeute. Gleichzeitig lobte er, dass der Wohnpark dank der grosszügigen Grünflächen eine bessere Verzahnung zwischen Stadt und umliegender Landschaft bringe. Dass das absehbare Verschwinden der Landschaft jenseits der Schleife beim Verfassen des Berichts offensichtlich nicht Gegenstand des Planungshorizonts war, bringt mich ins Sinnieren über den Horizont der Planer.

Im Wohnpark rühren mich die Treppchen der Wohnungen im Erdgeschoss. Drei Betonstufen ermöglichen es den Bewohnern, vom Teppich im Wohnzimmer direkt auf den Rasen herauszutreten, mit dem die Anlagen ausgelegt sind. Im öffentlichen Raum soll man sich hier zu Hause fühlen. Noch scheint sich der Anspruch nach Vertrautheit nicht einzulösen. Die Orientierungstafeln, die bei jedem Durchgang zufinden sind und Besucher über ihren Standort informieren, sprechen – unfreiwillig – eine andere Sprache.

– Inventar des Dazwischen

Die Zuger Schleife sticht ins Auge: Zusammen mit den SBB-Gleisen umrahmt sie das Gebiet westlich des Bahnhofs in Form eines seitenverkehrten Q und lässt es auf Stadtplänen, Landkarten und Satellitenbildern deutlich hervortreten. Jedenfalls tat sie das bis vor Kurzem. Heute ist die markante Struktur in Auflösung begriffen.

Auch das von ihr umfasste Gebiet befindet sich im Wandel: Die heterogen besetzte Randzone, die jahrzehntelang durch die Entwicklung von Landis&Gyr geprägt war, wird zu einem kompakten Stadtquartier umgebaut. Noch sind Bruchlinien sichtbar. Eine Spurensuche entlang von dem, was bald nicht mehr oder noch nicht ist – und eine Bestandesaufnahme.


Schleife Nord (Ost)

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Eine Strasse, die an einem Zaun endet. Ich entdeckte sie bei meinem ersten Erkundungsrundgang entlang der Schleife. Wie abgeschnitten sieht sie aus. Eine gelbe Mobil-Toilette steht verloren am Rand. Typisches Baustellenmobiliar. Wurde sie vergessen? Der Zaun grenzt die gepflegten Grünflächen im Feldpark vom Niemandsland der Bahnbrache ab.

Auf einem alten Luftbild ist zu erkennen, dass es hier schon eine Sackgasse gab, als die Wendeschleife noch in Betrieb war. Die beiden 70er-Jahre-Blöcke Feldpark 4 und 6 standen zwischen Ackerland und Schrebergärten und waren noch nicht umzingelt von der Feldpark-Wohnanlage, dem Loop-9-Kubus und dem markanten Olgati-Bau mit den ellipsenförmigen Öffnungen an der Westfassade.

Ob damals schon jemand darauf spekulierte, die Strasse dereinst über das Bahntrassee hinaus zu verlängern?

Später werde ich im Web auf den Bebauungsplan Unterfeld Baar Schleife Zug stossen. Das jetzt noch bewirtete Wiesland entlang des Schleifewegs, der der Biegung des Bahntrassees folgt, soll über die Stadtgrenze hinaus überbaut werden. Die Bahnbrache soll in die Umgebungsgestaltung der Grosssiedlung einbezogen werden. Wo jetzt Schienen und Schwellen des Stummelgleises vor sich hin rotten und Fauna und Flora ihren Lebensraum zurückerobern, soll in Zukunft der hierher verlegte Stampfibach fliessen. Die letzten noch vorhandenen Zeugen der Schleife-Instrastruktur sollen einer Natur-Simulation Platz machen.

Die Peripherie rückt ins Zentrum. Ich stelle mir vor, wie es dann sein wird, den Schleifeweg entlang zu schlendern: auf der einen Seite die Hochhausfronten der neuen Grossüberbauung, auf der anderen das künstliche Naturreservat und die dahinter liegenden Hochglanzblöcke Loop-9 & Co. Die Sackgasse wird dann zur Zufahrtsstrasse ausgebaut sein. Ich überquere sie in Gedanken versunken.

 

Wuchs im Kanton Uri auf und wohnt heute in Bern. Zug kennt sie vor allem vom Zugfenster aus. Sie studierte Bildende Kunst / Medienkunst an der HGK Basel und erwarb den Master of Art in Fine Arts, Art in Public Spheres an der HSLU – Design & Kunst.

Das performative Erforschen von Orten und Räumen bildet gleichermassen Ausgangspunkt wie Ziel ihrer ortspezifischen und raumbezogenen Arbeiten. Dabei geht es immer auch um das eigene Sich-In-Bezug-Setzen zum jeweiligen Ort des Interesses.


www.kunst-forum.ch

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Die Gotthardlinie und eine ehemalige Elektrozähler-Fabrik, eine ominöse Umbettschleuse, ein skurriles Keramikkunstwerk und ein Bundesgerichtsentscheid wegen Keimgefahr. Zug Süd und das Areal des alten Kantonsspitals stecken voller Geschichten. Auf Entdeckungsreise mit Georg Frey und Sabine Windlin.

Sabine Windlin: Wir stehen auf der Dachterrasse des elfgeschossigen, ehemaligen Personalhauses des Kantonsspitals Zug. Hinter uns liegt der See, vor uns das Quartier Zug Süd. Welche Bauten sehen wir?

Georg Frey: Aus dem Mittelalter sehen wir die Altstadt mit ihren Befestigungs- und Kirchtürmen, den Pulver-, Kapuziner- und Huwylerturm, und mitten in der Stadt die Kirche St. Oswald. Bis zur Vollendung der Stadtbefestigung vor 500 Jahren gab es südlich der Stadt kaum Bauten. Zu den ersten gehörten die Kapelle und das Beinhaus St. Michael, der Zurlaubenhof und am Oberwiler Kirchweg die Beatuskapelle und das Tschuopishaus. Im 19. Jahrhundert ging es dann südlich der Altstadt plötzlich Schlag auf Schlag. 1827 baute man die Strasse nach Arth und 30 Jahre später die Kranken- und Pfrundanstalt, das spätere Bürgerspital. Dann folgten die Knabenschule Athene und das Institut St. Michael, und 1878 wurde mit dem Theilerhaus der Grundstein der späteren Landis&Gyr gelegt. Kurz darauf entstanden die ersten Villen am Oberwiler Kirchweg und die Pfarrkirche St. Michael. Erst kurz vor bzw. nach 1900 wurden die Gleise für die Gotthard-Bahn und das Zugerberg-Tram verlegt.

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Mit anderen Worten: Wir befinden uns in einer äusserst geschichtsträchtigen Gegend.

Südlich der Stadt hatten kirchliche Bauten seit dem Mittelalter Tradition. Erst im 19. Jahrhundert wurde das Quartier innerhalb von 40 Jahren zum Spital-, Schul- und Fabrikstandort. Und private Wohnhäuser im grösseren Umfang entstanden erst im 20. Jahrhundert. Es sind Bauten am Lebensweg, in denen geboren, gelernt, gearbeitet, gewohnt, gepflegt, geheilt, gebetet und gestorben wurde. Und was für Zuger Verhältnisse schon fast unglaublich ist: fast alle erwähnten Bauten sind noch da.

Der Spitalbetrieb wurde nach Baar verlegt, und nun sind auf dem Areal des ehemaligen Kantonsspitals gemäss Plänen von Stadt und Kanton Abbrüche vorgesehen. Wie ist einst entstanden, was jetzt abgebrochen werden soll?

Das Bürgerspital war der erste öffentliche Bau in Zug Süd. Ursprünglich gab es ein Siechenhaus im Norden und von 1511 bis 1857 das Burgbachspital in der Stadt. Spitäler waren nicht primär Krankenhäuser, sondern Altersheime sowie Fürsorgeeinrichtungen für Arme, Waisen, Bettler, mittellose Schwangere und Kranke. Dass die Kranken- und Pfrundanstalt 1857 ausserhalb der Stadt gebaut wurde, entspricht zwar der Tradition, das Spital sozusagen auszulagern. Aber im 19. Jahrhundert gaben wohl die Besitzverhältnisse und das unbebaute Land den Ausschlag, hier den Spitalbau zu erstellen.

Dieser erste Spitalbau wurde später erweitert und umgebaut. Gleichwohl ist er im Nordtrakt der heutigen Anlage entlang der Artherstrasse bis heute erkennbar.

Aus der Vogelperspektive lässt sich aufgrund der unterschiedlichen Dachmaterialen, Schnittstellen und Übergänge unschwer erkennen, wo das Ursprungsspital steht. Es handelte sich um ein stattliches Gebäude mit Mittelbau und zwei Seitenflügeln, dem Schulhaus Athene ähnlich ganz im Stil des damals populären Klassizismus. Von oben ist sogar noch das kleine Glockentürmchen der ehemaligen Spitalkapelle sichtbar. Die Glocke ist schon entfernt, und bald wird wohl auch der Kapelle die letzte Stunde schlagen.

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Ein Bau erzählt immer etwas über die Lebenswelt jener Epoche, in der er entstanden ist. Inwiefern gilt dies für den Komplex Kantonsspital?

An Spitalbauten lassen sich der gesellschaftliche Wandel und der medizinische Fortschritt sehr gut ablesen. Das Bürgerspital von 1857 war ein herrschaftliches Gebäude am See, das, wie erwähnt, vorwiegend als Altersheim diente. Anfang des 20. Jahrhunderts mutierten auch kleine Spitäler zu Orten der medizinischen Wissenschaft. Diagnostik, Therapie, Krankenpflege, Rehabilitation und Lebensqualität wurden immer wichtiger. In der 1910 eröffneten Wöchnerinnenstube zum Beispiel wurde nicht zwischen ehelichen und unehelichen Kindern unterschieden, was sehr fortschrittlich und auch aus heutiger Sicht sympathisch war. Mit den veränderten Nutzungsansprüchen veränderte sich auch die Architektur. Sie wurde funktionaler.

 

Im Jahre 1934 erweiterten die Zuger ihr Bürgerspital und realisierten einen Anbau. Diese Erweiterung sollte als eines der modernsten Spitäler der Schweiz in die Geschichte eingehen.

Es ist der so genannte Südflügel, der mit dem historischen Nordtrakt verbunden ist und heute im Inventar der schützenswerten Denkmäler des Kantons aufgeführt ist. Damit die Patienten optimal von der Sonne profitieren konnten, richtete man die Hauptfassade gegen Südwesten aus. Diese Ausrichtung unterscheidet sich grundlegend von der Positionierung der historischen Bauten und läuft der Topographie mit Hanglage zuwider. Der Südflügel steht völlig quer in der Landschaft. Das alte Bürgerspital und mit ihm alle Bauten des 19. Jahrhunderts wurden auf den See ausgerichtet. Die Architektur des 1937 vollendeten Spitals war mit seiner Erscheinung und Funktionalität modern. Ein Artikel von damals bringt dies treffend zum Ausdruck.

 

Mein Begleiter präsentiert den Zuger Kalender von 1939 und liest vor: „Durch die tüchtige Hand und das Können des Chefarztes fliesst von hier (der chirurgischen Abteilung) der Strom der Genesung in die Körper der Patienten, um sie zu heilen und die ihnen nötige Behandlung angedeihen zu lassen.“

 

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Der moderne Südflügel wurde von den damaligen Zuger Stararchitekten Dagobert Keiser und Richard Bracher gebaut. Waren sie ihrer Zeit voraus?

In Zug waren sie offensichtlich der Zeit voraus. Und im nationalen und internationalen Kontext gelang ihnen mit dem Zuger Spitalbau der Anschluss an die Avantgarde, der sogenannten Moderne. Keine zwanzig Jahre zuvor realisierten Keiser & Bracher in unmittelbarer Nachbarschaft des Spitals die Casa Rossa, ein toskanisch anmutendes Landhaus. Dass diese stilistisch komplett unterschiedlichen Bauten nun in unmittelbarer Nachbarschaft stehen, ist wirklich frappant und darum so interessant, weil ersichtlich wird, wie sich der Zeitgeist veränderte.

Stimmt es, dass in der Nähe des Bahngleises ein so genanntes Absonderungshaus stand, das sogar das Bundesgericht beschäftigte?

Ja, da, wo in den späten 1970er-Jahren der voluminöse Behandlungstrakt mit Operationsräumen und Notfallaufnahme zu stehen kam, baute man 1878 ein Absonderungshaus. Darin lagen Patienten mit ansteckenden Krankheiten. Mit der Eröffnung der Gotthardlinie 1899 wurde dieses Gebäude dann plötzlich zum grossen Thema. Man fürchtete, dass Passagiere, die in offenen Bahnwagen am Absonderungshaus vorbeifahren, mit gefährlichen Keimen angesteckt werden könnten. Die Bahngesellschaft setzte sich also gegen Keime des Zuger Spitals zur Wehr und rief sogar das Bundesgericht an. Dieses entschied, dass das Absonderungshaus wegen Gefährdung der Passagiere geschlossen werden müsse.

Hanns A. Brütsch, der 1964–1967 das 35 Meter hohe Personalhochhaus baute, gehörte auch zu den führenden Architekten in Zug.

Und dies absolut zu Recht! Man schaue sich nur die differenziert komponierte Fassade und die strukturierte Raumaufteilung an. Der Grundriss in den elf Geschossen ist klar und übersichtlich gegliedert. Es gibt, wie bei einem Sandwich, einen zentralen Kern mit Treppenhaus, Lift, Nebenräumen und Korridor. Gegen aussen Richtung Berg und See sind die Zimmer angeordnet, die das Ganze wie Brotscheiben zusammenfassen. Egal, in welchem Raum man sich befindet, hat man immer eine gute Orientierung nach innen und nach aussen. Das Personalhaus befand sich mit seiner Höhe übrigens in guter Gesellschaft. Denn in den 1960er-Jahren entstanden mit den „Tobleroneblöcken“ in Oberwil und dem Alpenblick in Cham ähnlich hohe Wohnbauten.

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Mit dem Lift fahren wir ins Untergeschoss des Personalhauses und erreichen durch einen Gang den Keller des Nordtrakts. Dort gelangen wir durch eine grosse, schwere Metalltür ins Freie auf die Wiese an der Artherstrasse. Überwuchert mit Unkraut findet sich dort der leicht ramponierte Helikopter-Landeplatz, dessen weiss-rot bemalte Bodenplatten auch schon bessere Zeiten erlebt haben. Othmar Meier, langjähriger Spitalhauswart und Mitglied der Betriebsfeuerwehr, führt uns mit seinem Passepartout durchs Gelände und verschafft uns Zugang zu verschlossenen oder verwaisten Räumen. Der Standort des Landeplatzes, erinnert sich Meier, sei betrieblich nicht optimal gelegen gewesen, weil die angeflogenen Patienten nur über Umwege in den Behandlungstrakt gelangten. Überhaupt habe im Untergrund des Spitals reger Betrieb geherrscht. Diskret rollten Betten zwischen Operationssaal, Krankenzimmern und Leichenhalle hin und her. Beim Vorplatz der ehemaligen Personalkantine bleiben wir stehen und betrachten den Südflügel von aussen.

 

Auffallend am architektonisch prägnanten Südflügel ist der nicht sehr schöne, nachträglich angebrachte Aufbau mit einer Verkleidung aus Holz und Well-Eternit. Was ist hier schiefgelaufen?

Dieser Aufbau ist tatsächlich artfremd. Ursprünglich diente das Dach des Südflügels als Bettenterrasse. Der im Norden überdachte Teil beherbergte Treppenhaus und Nebenräume und schützte die gegen Süden offene Terrasse vor Wind. Die Patienten wurden in ihren Betten hierher geschoben, konnten Sonne tankend genesen und die wunderbare Aussicht auf die Berge und den See geniessen. Durch den späteren Aufbau ging die Dachterrasse grösstenteils verloren. Noch bis Mitte der 1990er-Jahre wohnten hier Menzinger Schwestern in den kleinen, äusserst bescheidenen Zimmern. Die ausdrucksstarken Geschossterrassen an der Hangseite sind aber immer noch im ursprünglichen Zustand erhalten und erinnern an die Decks eines Ozeandampfers.

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Beim Zirkulieren im schmalen Flur des Dachaufbaus werfen wir einen Blick in die ehemaligen Schwesternzimmer. Dünne Wände trennen die bescheidenen Bleiben voneinander. Gelb-grüne Vorhängchen und mit Stoff bezogene Hängelampen, die teils noch mit Glühbirnen bestückt sind, zeugen von der Einfachheit des schwesterlichen Spitallebens. Die gleichen Zimmer wurden nach dem Auszug der Schwestern von den Chirurgen als Archivräume benutzt. „Diese Toilette ist keine Telefonkabine“ gebietet ein Hinweisschild auf einer blauen Tür. Im Innern steht eine weisse Kloschüssel, deren hochhängender Spülkasten durch das Ziehen einer langen Kette aktiviert wird, und der, wie wir feststellen, prompt noch funktioniert. Von der Witterung gezeichnete Rollladen, deren Farbanstrich vom Holz blättert, lassen sich mit dem Stoffriemen nur schwer in Bewegung setzen.

Vom Dach des Südflügels aus blicken wir auf eine eigenwillige, natürlich gewachsene Parklandschaft und Gartenbeete, die früher Bestandteil der Spitalgärtnerei waren. In der Mitte des Parks behauptet sich ein knorriger Ahorn mit ausladender Krone. Im Parkrasen sind die massiven Eisendeckel der mittlerweile stillgelegten Öltanks sichtbar. Richtung Bahngleis ragt der Kamin der Energiezentrale als roter Turm in die Höhe. Entlang des Seeufers tuckert im Schritttempo das kleine Fischerboot von Emil Speck. Vogelgezwitscher vermischt sich mit dem entfernten Brummen eines Flugzeugs, das eine weisse Linie in den Himmel zieht.

Weiter geht es in die ehemalige Personalkantine, einen grosszügig befensterten Saal mit Holzdecke und Klötzliparkett, der den Geist der 1960er-Jahre atmet und heute vom Türkischen Verein genutzt wird. Die mit Chromstahl abgedeckte Theke der ehemaligen Essensausgabe scheint nach wie vor ihrem Zweck zu dienen, wie Geschirr und Besteckkisten, Kaffeemaschine und Herdplatten vermuten lassen. Nur der Fernseher mit übergrossem Flachbildschirm, die zweistöckige Stereoanlage und die Wasserpfeife sind Indizien, die unmissverständlich auf die Freizeitvorlieben der aktuellen Zwischennutzer schliessen lassen. Sie haben sich mit ihrem reichhaltigen, orientalisch inspirierten Sonntagsbrunch einen Namen gemacht; auch bei Zugern „ohne Migrationshintergrund“.

Ganz in der Nähe, im oberen Stockwerk des ursprünglichen Bürgerspitals, befindet sich die ehemalige Spitalkapelle, die der Künstler Fritz Pauli mit sechs Szenen aus der Leidensgeschichte Christi ausgemalt hat. Der Altar steht noch, Tabernakel und Sitzbänke wurden jedoch entfernt. Die Sakristei mit integriertem Beichtstuhl hat Staub angesetzt und die liturgischen Gerätschaften sind verschwunden. Durch die etwas ausgebleichten Farbfenster dringen Sonnenstrahlen und Seelicht und erhellen den kühl-kahlen Raum für einen kurzen Moment fast freundlich.

 

Der Entwurf des aktuellen Bebauungsplans sieht vor, dass der Südflügel und das Hochhaus stehen bleiben. Ein guter Entscheid?

Dass der baugeschichtliche und architektonische Wert der beiden Bauten respektiert wird, ist aus denkmalpflegerischer Sicht erfreulich. Betrachtete man aber das Areal als Ganzes, ist diese Sichtweise zu eng. Bei allen anderen Bauten ist deren Abbruch vorgesehen, weil ihnen als Zeitzeugen keine Bedeutung zugemessen und nur das Land als wertvoll betrachtet wird. Die Geschichte hat aber nicht Bauland hinterlassen, sondern Bauten! Und die kann man brauchen. Es gibt zwei grundsätzlich verschiede Ansätze, mit einem Areal wie dem des ehemaligen Kantonsspitals umzugehen. Der heute übliche Ansatz hat den wertvollen Boden und dementsprechend eine hohe Ausnützung und Rendite im Blick. Der andere Ansatz ist, sich nicht vom Bauertrag des Bodens, sondern von den Möglichkeiten der bestehenden Bauten anregen zu lassen. Die zentrale Frage lautet dann: Wie wenig muss getan werden, um das Potential des Bestehenden optimal zu nutzen? Beim ehemaligen Personalhochhaus ist das kantonale Hochbauamt genauso vorgegangen und hat es mit sparsamen Mitteln zum Bürohaus umgebaut. Genau gleich könnte man mit dem gesamten Areal umgehen. Sogar Bauten ohne vordergründig ästhetische Qualitäten sind aus meiner Sicht kein Ärgernis, sondern ein Geschenk, mit dem man etwas anfangen kann.

Die aktuellen Zwischennutzungen zeigen, wie diese Bauten zum gegenwärtigen Zeitpunkt nützlich sind. Was sagen Sie zum Nutzungsmix?

Das Areal bringt die unterschiedlichsten Leute zusammen: Schulpflichte Jugendliche und kreative Kinder, Kunstschaffende und Flüchtlinge, Personal von öffentlichen und privaten Institutionen. Der Türkische und der Serbische Verein haben hier ihren Treffpunkt, Teile der Kantonsarchäologie und andere Verwaltungsstellen haben hier einen Arbeitsplatz gefunden. Und die Notzimmer der Stadt dienen Leuten, die sonst kein Dach über dem Kopf hätten, als vorübergehende Unterkunft. Dieser viel gelobte Mix, der andernorts mit aufwendigen Konzepten herbeigeschrieben und kaum je erreicht wird, ist hier ungeplant und wie von selbst entstanden. Ich sage nicht, dass die aktuelle Situation auf immer und ewig so bleiben muss und dass es immer nur Kulturtätige und Institutionen mit bescheidenen finanziellen Mitteln sind, die von günstigen Altbauten profitieren sollen. Aber ich bin sicher, dass es für jeden einzelnen Trakt oder Bau dieses Areals eine Verwendung geben könnte, wenn man nur die Augen öffnet und sich ernsthalft überlegen würde, wofür sich die Objekte anbieten. Ich würde mir wünschen, dass man weg kommt, in sich ausschliessenden Alternativen zu denken, die darauf hinauslaufen, einen Bau entweder abzureissen oder denkmalpflegerisch aufwendig zu restaurieren. Nicht politische Entscheide oder kunsthistorische Analysen machen einen Bau zum kulturellen Erbe, sondern das erkennende Betrachten und Erleben der Gesellschaft.

 

Die letzte Etappe unseres Rundgangs führt uns in den Behandlungstrakt. Er wurde in den späten 1970er-Jahren gebaut. Es ist ein schmuckloser Zweckbau mit wenig Fenstern. Menschenleer präsentiert sich der ehemalige Empfangsschalter. Unmittelbar daneben sticht ein üppiges Keramik-Kunstwerk ins Auge, das sich den Wänden empor übers Eck erstreckt und wohl einst als Referenz an „Kunst am Bau“ realisiert wurde. Das Entstehungsjahr 1981 – von Hand in den Ton gepresst – lässt sich entziffern, den Namen der Künstlerin – der Stil lässt eine weibliche Person vermuten – ist nicht eruierbar. Auch ein Titel muss das fulminant-farbige, etwas gewöhnungsbedürfte Kunstwerk tragen. Wie wär‘s mit „Der Lauf des Lebens?“

 

Der ehemalige Behandlungstrakt ist stillgelegt. Die Heizung läuft nicht mehr, es ist kalt und ziemlich dunkel. Die Stimmung ist ungemütlich, ein wenig beängstigend. Sollen wir rein?

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Auf jeden Fall. Denn nun stossen wir in den Kern der ehemaligen Spitalanlage vor. Hier befanden sich der Empfang und die Notaufnahme. Im Untergeschoss waren die Leichenhalle, der Obduktionssaal und das Labor und in den oberen Geschossen die Operationsabteilung und die Intensivpflegestation untergebracht. Beschriftung und Schilder zeugen noch immer davon. Und mit ein wenig Phantasie kann man sich durchaus vorstellen, wie hier früher Ärzte und Krankenschwestern in weissen Kitteln durch die Flure eilten. Hier befindet sich auch die so genannte Umbettschleuse; allein der Begriff hat etwas Skurriles. Durch diese zirka zwei Meter breite Fensteröffnung wurden die Patienten vom „unreinen“ Korridor in den „reinen“ Bereich des Operationstrakts geschoben. Dem Hinweisschild ist zu entnehmen, dass bei diesem Prozedere „die Infusionsflaschen entfernt und bei langen Patienten die Kniekehlen mit einem Polsterteil unterlegt“ werden müssen.

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Rein ästhetisch ist der Behandlungstrakt kein Wurf. Er ist zweckdienlich und weist als typisches Bauwerk seiner Zeit wohl eine schlechte Energiebilanz auf. Aber auch dieser Bau hat seinen Reiz und bietet sich für Nutzungen, welche die Abschottung brauchen, geradezu ideal an. Und das grosszügige Erschliessungssystem kann für entsprechende Betriebe attraktiv sein.

Im Eingangsbereich des neuen Nordtrakts soll sich ein grosses Wandbild von Hans Potthof befinden. Existiert es noch und ist es zugänglich?

Es schmückte die Eingangshalle des Spitals. Von dieser Halle wurde vor kurzem ein Besprechungszimmer abgetrennt. Dort füllt das 270 auf 720 Zentimeter grosse Bild jetzt eine ganze Wand. Bei der Einweihung 1969 erklärte Potthof, was er mit dem Gemälde ausdrücken wolle: „Stark abstrahierte Pflanzen- und Blumenformen führen in eine keimende, blühende und früchtetragende Welt, in welcher Mensch und Tier im friedlichen Nebeneinander sich all ihrer Schönheiten erfreuen.“ Das Wandbild trägt den Namen „Kraft und Lebensfreude“.

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Georg Frey, 66, ist Architekt und war von 2001 bis Mai 2013 kantonaler Denkmalpfleger von Zug. Vorher übte er die gleiche Funktion in Appenzell Ausserrhoden aus.

Sabine Windlin, 43, arbeitet als freie Journalistin und Texterin in Zug. Ihr Büro befindet sich im ehemaligen Labor der Fettfabrik Orris in der denkmalgeschützten Untermüli.

– Zug vom ersten bis zum letzten Zug

Ich bin in Baar aufgewachsen, habe meine Jugend in Zug verbracht. Weggezogen hat es mich bald. Ich hatte mich nie wirklich heimisch gefühlt in Zug, und doch ist diese Stadt Teil meiner Biografie. Also entschied ich, für diesen Blog wieder einmal einen ganzen Tag in Zug zu verbringen – vom ersten bis zum letzten Zug.


Von 18 bis 24 Uhr

Als ich mich in einem Café in der Altstadt aufwärme, überhöre ich das Gespräch zweier Männer neben mir. Auf Englisch unterhalten sie sich über die Integration von Flüchtlingen. Ich spreche sie an, sie arbeiten für einen grossen Konzern, sind seit zwei Jahren in Zug, ein Franzose und ein Rumäne. Sie entschuldigen sich für ihr schlechtes Deutsch, mit Zugern hätten sie kaum Kontakt. Zug gefällt ihnen aber sehr, sagen sie, die Natur sei fantastisch, die zentrale Lage, und wieder der See.
Kurz zuvor war ich noch im See gestanden. Eine Installation von Roman Signer macht‘s möglich, eine steile Treppe führt ins Wasser, durch eine Scheibe blickt man in das sanfte Grün, das Licht bricht sich an der Oberfläche. Mit etwas Geduld kann man Fische vorbeiziehen sehen. Geduld haben aber die wenigsten, die herunterkommen, ein kurzer Blick ins Leere, dann steigen sie wieder hoch.

Um 20 Uhr treffe ich Celestin am Bahnhof, er ist 18, in Zug aufgewachsen, nicht immer hatte er es einfach mit seinem Drang, seinen Platz zu finden in dieser Gesellschaft, in dieser Stadt. Schnell kommen wir wieder auf die Natur zu sprechen, er mache eine Lehre als Landschaftsgärtner, die Arbeit gefällt ihm, doch mit dem Betrieb ist er nicht ganz zufrieden. Zu oft werde hier gegen die Natur gearbeitet, gerade im Kanton Zug hätten die Leute gerne sterile, saubere Gärten. Ich muss an die Fotos denken, die ich am Nachmittag gemacht habe.

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Überhaupt, die Monokulturen, er wünschte sich auch eine lebendigere Kulturszene, weniger Konsumhaltung, mehr Inititative, mehr Freiräume. Er macht selber Musik, malt, engagiert sich. Und er ist doch gerne hier, es ist seine Heimat, noch ist er nicht weggezogen. Und sein liebster Ort in der Stadt? Der Park hoch über dem Postplatz. Ich weiss sofort, welchen Ort er meint, die drei Linden, es war auch immer einer meiner Lieblingsplätze gewesen, also spaziere ich nach unserem Gespräch dorthin, um diese Zeit ist der Weg zum Aussichtspunkt beinahe gespenstisch dunkel, während rundherum die Stadt leuchtet, die Aussicht ist atemberaubend.

Noch zwei Stunden bleiben mir bis zum letzten Zug, es wird kalt, ich spaziere den Geleisen entlang zum rieisgen rosa beleuchteten Parkhaus, ein seltsam futuristisches Gebäude, dahinter das Siemens-Areal, um diese Zeit menschenleer, mit dunkel schimmernden Gewässern zwischen den spiegelnden Gebäuden.
Noch einmal zum See, die Ampeln blinken, sie brauchen den Verkehr nicht mehr zu regeln um diese Zeit. Schwarz liegt der See nun vor der Stadt, und ich spaziere müde zurück zum Bahnhof, 23.58 Uhr, letzter Zug nach Hause. Diese Stadt einen Tag lang zu beobachten, es war eine interessante Erfahrung.

 

– Zug vom ersten bis zum letzten Zug

Ich bin in Baar aufgewachsen, habe meine Jugend in Zug verbracht. Weggezogen hat es mich bald. Ich hatte mich nie wirklich heimisch gefühlt in Zug, und doch ist diese Stadt Teil meiner Biografie. Also entschied ich, für diesen Blog wieder einmal einen ganzen Tag in Zug zu verbringen – vom ersten bis zum letzten Zug.

 

Von 12 bis 18 Uhr

Nach dem Gespräch mit Adam beschliesse ich, ein bisschen durch die Quartiere zu streifen, die zum Teil noch gar nicht existierten, als ich noch in Zug gewohnt habe. In Richtung Baar komme ich am Induktua vorbei. Der Denkmalschutz hat es gerettet, trotzdem erkenne ich das mir wohlvertraute Gebäude nicht darin wieder. Vor zehn Jahren beheimatete es Künstler und Musiker, ein lebendiger Treffpunkt, er musste Loftwohnungen weichen. Der Denkmalschutz beschäftigt sich nur mit der Fassade, nicht mit dem Inhalt, denke ich und biege links ab in die Unterführung, früher ein Verkehrsnadelöhr, jetzt das breite Tor zu den neuen Quartieren, die sich hinter den Geleisen erstrecken. Zwischen verglasten Terrassen und leeren Spielplätzen fühle ich mich ein bisschen wie ein Eindringling, überwältigt betrachte ich die Balkone. Plötzlich wird die strenge Geometrie gebrochen von zwei grossen Vögeln auf Balkongeländern. Plastikvögel, wohl um die echten davon abzuhalten, in die Scheiben zu donnern. Der Natur wird ihr Platz zugewiesen. Daran muss ich denken, als ich umkehre, ich möchte an der Kantonsschule vorbeispazieren, die ich sieben Jahre lang besucht habe.

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Das Schulgebäude hat sich kaum verändert, auch das grosse Feld nebenan liegt noch da. Meinen alten Schulweg, die Strasse, die zum Metalli zurück in die Stadt führt, erkenne ich aber kaum wieder. Hier standen barackenartige Häuser, in denen Flüchtlinge gelebt hatten. Sie schienen immer provisorisch gedacht, mit dünnen Wänden und engem Wohnraum. Gewichen sind sie einem futuristischen Bau mit verspiegelten Wänden, sie werfen ein verzerrtes Bild der umliegenden Bäume zurück. Ich verstehe nicht, was es ist, auch beim Lesen der grossen, ebenfalls spiegelnden Lettern, doch der Naturbegriff bleibt Thema: City Garden. Das Thema wird mich später im Gespräch mit einem jungen Landschaftsgärtner nochmals beschäftigen.

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Zurück am Bahnhof erinnere ich mich an die lange Grafitti-Wand, die ich früher immer wieder lange und ausführlich studiert habe. Überrascht stelle ich fest, dass sie alle noch da sind, die Figuren und Lettern, ich begegne ihnen wie alten Bekannte. Und tatsächlich, auch der Pfeil mit dem Hinweis „Noch nicht fertig“, er ist immer noch da.

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– Zug vom ersten bis zum letzten Zug

Ich bin in Baar aufgewachsen, habe meine Jugend in Zug verbracht. Weggezogen hat es mich bald. Ich hatte mich nie wirklich heimisch gefühlt in Zug, und doch ist diese Stadt Teil meiner Biografie. Also entschied ich, für diesen Blog wieder einmal einen ganzen Tag in Zug zu verbringen – vom ersten bis zum letzten Zug.

 

Von 9 bis 12 Uhr

Nur zwei Bilder habe ich geschossen zwischen 9 und 12 Uhr, eines von Adam beim Kaffee im Coop-Restaurant, mit Blick auf den Bundesplatz, der für mich immer noch Epaplatz heisst. Kurz vor Mittag füllt sich der Raum, gesprochen wird meist Englisch. Adam und ich unterhalten uns auf Deutsch. Er lacht: nun hat er sich so Mühe gegeben, die Sprache zu lernen, und dann würden die Leute hier gar nicht Deutsch, sondern Schweizerdeutsch sprechen.

Das andere Bild schoss ich vom Bahnhof. Dort treffe ich Adam. Dort traf Adam ein vor bald zwei Jahren, dort endete seine Flucht aus dem Tschad.

Wir spazieren zum See und setzen uns auf eine Bank, die Sonne wärmt bereits, und er beginnt mir seine Geschichte zu erzählen. Adam stammt aus dem Tschad, regierungskritische Ansichten brachten Probleme. In Libyen erhielt er Arbeit in der Botschaft Tschads, doch auch dort zwang ihn seine kritische Haltung ebenso wie die Wut auf Schwarzafrikaner unter Ghadafi bald wieder zur Flucht, an der tunesischen Grenzen blieb er in einem Flüchtlingslager hängen, begann als Dolmetscher zu arbeiten. Das Lager verlassen durfte er nicht, ohne Pass sass er fest und entschloss, nach drei Jahren endlich eine neue Perspektive zu suchen. Was folgte, war eine Geschichte, die uns zur Zeit zu täglich durch die Medien erreicht: Schlepper sollten Adam gemeinsam mit über hundert weiteren Flüchtlingen nach Italien bringen. Das Boot war viel zu klein, der Kompass defekt, nach einer Odyssee vor der libyschen Küste wurde die Gruppe schliesslich gerettet von einem Schiff, welches sie nach Sizilien brachte. Von dort aus schlug sich Adam bis in die Schweiz durch, an der Grenze schickten sie ihn nach Kreuzlingen, einmal quer durch das Land, in Kreuzlingen schliesslich wurde ihm seine neue Heimat zugeteilt: Zug.

Ich versuche, herauszufinden, was das für ein Gefühl gewesen sein muss, nach unzähligen Jahren auf der Flucht unter härtesten Bedingungen in diesem beschaulichen, properen und enorm reichen kleinen Städtchen anzukommen. Doch Adam bleibt bei den Fakten, erzählt vom Flüchtlingsheim, wo er schnell Leute kennenlernte und unterdessen bereits mehrere Arbeiten übernommen hat.

Zug gefällt ihm sehr, er mag die Ruhe, die Menschen seien freundlich, bisher hätte er keine schlechten Erfahrungen gemacht. Er hofft, bald den Deutschtest B2 zu bestehen, um eine Arbeit zufinden, eine eigene Wohnung. Als er auf dem Meer vor der libyschen Küste festsass, dachte er: das ist das Ende. Es gibt kein Leben. Nun kann er das Wort Zukunft wieder denken. Der Zufall hat ihn dabei an Zug verwiesen. In einer Stadt, die von Migration geprägt ist. Adam hat diesen Ort nicht gewählt, ihm wurde dieser Ort zugewiesen. Integriert hat er sich besser, schneller, eifriger als die beiden Mitarbeiter einer Pharmafirma, die ich später zufällig antreffen werde.

Er erzählt mir, wie er in Theaterstücken mitwirkte, im Casino auf der Bühne stand. Von der Bibliothek für Flüchtlinge, in der er arbeitet. Immer wieder ertönt sein helles Lachen. Nur als ich ihn nach seiner Familie frage, wird er still, Tränen kommen hoch. Seine Familie ist noch im Tschad, als interne Vertriebene leben sie in einem Flüchtlingslager. Nur umständlich kann er mit ihnen kommunizieren, gesehen hat er sie schon seit Jahren nicht mehr. Heimat, das bedeute ihm alles.

Wir spazieren am See entlang Richtung Altstadt. Ja, der See, der gefalle ihm auch sehr, hier herrscht Frieden. Ich muss daran denken, dass gleich nebenan auch schon einmal ein schrecklicher Gewaltakt die Idylle zerrissen hatte, doch ich erwähne es nicht. Wir spazieren zurück, am Bahnhof vorbei Richtung Herti, vorbei an den neuen Siemens-Gebäuden, Leute grüssen ihn auf der Strasse, unterhalten sich kurz. Er scheint tatsächlich angekommen zu sein.

Die neuen Gebäude? Auch sie gefallen ihm sehr. Und ich beginne zu verstehen, dass es für Adam noch vor zwei Jahren kein Zug gab. Für ihn gibt es keine Nostalgie, keine Sehnsucht nach alten Häusern, die hier mal gelebt haben. Das Neue, der Aufbruch, das entspricht ihm.

– Zug vom ersten bis zum letzten Zug

Ich bin in Baar aufgewachsen, habe meine Jugend in Zug verbracht. Weggezogen hat es mich bald. Ich hatte mich nie wirklich heimisch gefühlt in Zug, und doch ist diese Stadt Teil meiner Biografie. Also entschied ich, für diesen Blog wieder einmal einen ganzen Tag in Zug zu verbringen – vom ersten bis zum letzten Zug.

 

Von 6 bis 9 Uhr

Ich nehme den ersten Schnellzug aus Zürich, Ankunft um 6:01 Uhr. Noch sind wenige Menschen unterwegs, Putzfrauen bewegen sich lautlos hinter grossen Glasfenstern. Eine defekte Leuchtanzeige flimmert nervös. Eine Büroetage ist hell erleuchtet, in der Neustadtpassage wird Gemüse eingeräumt.

Ich beschliesse, als erstes zum See zu gehen. Immer wieder der See. Wird jemand gefragt, Anwohner oder Fremder, was ihm an Zug gefällt, kommt fast immer dieser See zum Zug. Ob es daran liegt, dass man diesem See nichts aufzwängen kann, dass er sich nicht bebauen, vereinnahmen, besetzen lässt? Die Sehnsucht nach einem Stück Unschuld? Auch ich mag ihn sehr. Nebel liegt auf dem Wasser, im Dämmerlicht sieht der See nun aus wie das Meer, ein kurzer magischer Moment, in dem sich die Natur ihren Platz nimmt. Vögel schreien, die Freien und die Gefangenen, Enten stehen still am Ufer. Ein Schwimmer wagt sich ins eiskalte Wasser, der Nebel lichtet sich, die Magie verflüchtigt, der Tag beginnt.

Ich spaziere zurück zum Bahnhof, es ist weniger hektisch als erwartet. Ich folge den Männern in Anzügen, die kleine Rollkoffer hinter sich herziehen. Sie verteilen sich auf die vielen Bürogebäude, von denen ich einige zum ersten Mal sehe. Kleine Hügel und Bäume, die Natur wird hier erstellt, kalkuliert oder zumindest einverleibt.

Um mich etwas aufzuwärmen, setze ich mich ins Kafi Speck, mit einem schönen Blick auf eine geschäftige Kreuzung, und überlege mir, was ich Adam fragen möchte, mit dem ich um neun verabredet bin. Adam ist nach langen Jahr auf der Flucht vor knapp zwei Jahren in Zug angekommen.

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Eben hatten mein Schulfreund und ich den Spielwarenladen Franz Carl Weber verlassen und uns zu den Leuten gesellt, die an der Haltestelle Steinhof einen der blauen Autobusse der Zugerland Verkehrsbetriebe erwarteten. Ich nahm das letzte Bild des Tages auf. Die Dämmerung hatte eingesetzt, die Verschlusszeit des Fotoapparats musste verlängert werden. So verwackelte ich die Aufnahme, und das erschwert heute die Betrachtung und Deutung der Details.

Könnte es sein, dass sich vor dem VOLG-Laden ein Marronihäuschen befand? Könnte es sein, dass das Kind in der Bildmitte – das Kind mit dem weissen Mantel und der weissen Zipfelmütze – eine Marronitüte in den Händen hielt?

Wahrscheinlich ist es vollkommen unmöglich, in Erfahrung zu bringen, was für einen Gegenstand das Kind in den Händen hielt. Genauso unmöglich dürfte es sein, heute, 43 Jahre später, herauszufinden, was das Geschenkpaket enthielt, das die schreitende Frau im Vordergrund unterm Arm trug.

Allerdings bin ich mir ziemlich sicher, das Schild des Nachtlokals Topas entdeckt zu haben: unterm O von VOLG. «Ins Topas» gingen wir früher, wenn wir nach der Polizeistunde noch nicht nach Hause gehen wollten. Die Treppe hinunter, glückverheissender Musik entgegen. Dann die Türkontrolle. Wir wunderten uns, dass wir eingelassen wurden, für so verdächtig hielten wir uns.

Den Nachtklub Topas gibt es noch. Davon habe ich mich kürzlich überzeugt. Aber die Haltestelle Steinhof ist nicht mehr da. Mein Taschentelefon hat sich am 15. Dezember 2015 Folgendes gemerkt:

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Der Nachtclub Topas befindet sich im Haus Bahnhofstrasse 30. Ein Bau aus den Sechzigern, seit Jahrzehnten vorhanden, ohne sich hervorzutun oder sich zu empfehlen. Am auffälligsten ist vielleicht sein Name: Katharinahof. Zum Gedenken an Jungfer Katharina Weiss, die in Zug als Erste ein Atelier für Fotografie betrieb. Ihr Haus stand an dieser Stelle.

Noch einmal zum Schwarz-Weiss-Bild zurück:

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Einen Steinwurf von Steinhof und Katharinahof entfernt – aber wer wirft mitten in der Stadt Zug Steine? – steht das Gebäude der Firma Foto Grau. Es ist der grosse, helle Bau mit dem steilen Kreuzdach, in der linken Bildhälfte und heute ganz anders. Dort wurde der Film entwickelt, den ich in jenen Dezembertagen des Jahres 1972 belichtet hatte. Mit anderen Worten: Das Schwarz-Weiss-Foto, das jetzt auf dem Bildschirm oder Display zu sehen ist, wurde in einem der Häuser, die auf eben diesem Foto abgebildet sind, vom latenten in den manifesten Zustand übergeführt. Hier ein Bild der Hülle, in dem der Film seither aufbewahrt wird:

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15 Jahre später habe ich bei Foto Grau meine erste Fotokamera erstanden. Sie ist durch und durch mechanisch, von B bis 4000. Ich betrachte sie mit derselben Sentimentalität, mit der ein Lokomotivfüher seine Ae 6/6 oder eine Schneiderin ihre Bernina betrachten mögen: So viele Jahre arbeiten wir nun schon zusammen! Zum Profi habe ich es nicht gebracht. Eine Zeitlang aber betätigte ich mich als Hilfsfotograf und Hilfslaborant bei den Zuger Nachrichten.

Am Sonntag, 6. Dezember 1992, am Tag, als über den Beitritt der Schweiz zum Europäischen Wirtschaftsraum abgestimmt wurde, hatte ich Labordienst bei den Zuger Nachrichten. Als feststand, dass Zug Nein sagte, war mir klar, dass die ganze Schweiz Nein sagen würde. Unglücklich zog ich mich in die Dunkelkammer zurück.

Als am 28. Februar 2016 die Abstimmungsresultate feststanden, war ich glücklich, dass der Sieger von 1992 diesmal verloren hatte.

Spielwarengeschäft Franz Carl Weber, Bahnhofstrasse 28. Das Gebäude wird Steinhof genannt. Glas, Aluminium und weisse Steinbodenplatten, bei Nässe rutschig.

Seit ich ein Kind war, befindet sich an dieser Stelle dieser Laden. Vielleicht ist das bemerkenswert. Vielleicht ist es auch bemerkenswert, dass heute mehr als 90 weitere Firmen im Steinhof domiziliert sind. Ein Gedränge muss das sein. Ein paar Arztpraxen sind ja auch noch da.

Bei Franz Carl Weber, in diesem Paradies, endete der Spaziergang, der meinen Schulfreund und mich nach Unterrichtsende durch die Stadt geführt hatte.

Unser Mathematiklehrer war ein grosser, schöner, rätselhafter Mann. Ich tat in seinen Lektionen nichts anderes, als seinem Blick auszuweichen. Er hatte sich irgendwann im laufenden Schuljahr den Spass erlaubt, uns mit «Kinder» anzureden. Das hatte uns 14-Jährige heftig empört.

Im Kinderparadies hielt ich mir wieder den Fotoapparat vors Gesicht und machte ein Bild von diesem Kind, das mit Legos spielte. Beide spielten wir: das Kind mit Legos, ich mit dem Fotoapparat.

Zug Steinhof Franz Carl Weber Dezember 1972

Vier Aufnahmen machte ich an jenem Dezember-Nachmittag im Spielwarengeschäft Franz Carl Weber. Niemand verbot mir das Fotografieren oder verbat es sich. Oder vorsichtiger ausgedrückt: Ich kann mich nicht erinnern, dass es mir jemand verboten oder dass jemand es sich verbeten hätte. Hier ein weiteres Bild:

Zug Steinhof Franz Carl Weber Dezember 1972

Und noch etwas: In den frühen Siebzigern stand sommers neben Franz Carl Weber eine Soft-Ice-Maschine. Ein Mensch bediente Maschine und Kundschaft. Er fragte nach der gewünschten Sorte: Vanille, Erdbeere oder gemischt? Vanille war honiggelb, Erdbeere war purpurrot. 50 Rappen kostete die Portion. Soft Ice war der letzte Schrei. Inzwischen ist es aus der Mode gekommen. Ich wüsste nicht, wo es heute noch welches zu kaufen gäbe. Vielleicht ist es verboten worden. Vielleicht schmeckt es niemandem mehr. Wir waren darauf versessen.

Zug Bahnhofstrasse Dezember 1972

Die Bahnhofstrasse 1972 mit Weihnachtsschmuck. Er bestand aus stilisierten goldenen Schneesternen mit blauen oder roten Kugeln, sofern mein Gedächtnis mich nicht täuscht.

Auf der linken Strassenseite der Anfang der Schmidgasse. Das Modegeschäft Schild erweiterte gerade sein Gebäude: «Umbau/Aufbau».

Wer oder was war Horta?

Auf der rechten Strassenseite das Restaurant Spring mit seinen Kegelbahnen (Bahnhofstrasse 12), das Hotel Pilatus (Nr. 14), die Druckerei Zürcher (Nr. 16), das Fotogeschäft Huwyler, wohin ich ab und zu Filme zum Entwickeln brachte (Nr. 18).

Und die Molkerei im Vordergrund, offenbar die Nr. 10: Wer arbeitete dort? Wer kaufte dort Milch? Wem gehörte sie?

Heute ist auf der rechten Strassenseite alles ganz anders. Wie nach Krieg und Wiederaufbau, aber ohne dass jemand das Bedürfnis gehabt hätte, einen vormaligen Zustand wiederherzustellen. Die Baulinie wurde zurückversetzt, die Strasse somit verbreitert. Aber auch heute noch gibt es, an derselben Stelle wie damals, wie mir scheint, einen Fussgängerstreifen.

In der Bildmitte, mit Mappe und Sporttasche, mein Schulfreund. Er dreht sich nach mir um, ungeduldig vielleicht: Komm endlich, wir wollten uns doch bei Franz Carl Weber noch ein wenig umsehen, bevor der Autobus fährt.

Mein Vater hatte mir seinen Fotoapparat ausgeliehen, es war eine Spiegelreflex-Kamera mit eingebautem Belichtungsmesser, eine Voigtländer Bessamatic. Sie war damals vielleicht zehn Jahre alt, aber mir kam sie uralt vor. Wollte ich Fotograf werden? Vielleicht. Wollte ich Erinnerungen festhalten? Kaum. Ich durfte einfach fotografieren, das genügte einstweilen. Und ich hatte den Apparat in die Schulmappe zu Büchern und Heften gepackt, in die Schule mitgenommen, nach Unterrichtsende würde ich Gelegenheit haben, ein paar Bilder zu machen, offenbar hatten wir an jenem Tag im Dezember 1972 frühzeitig frei, es war noch hell, es blieb noch ein wenig Zeit, um durch die Stadt zu schlendern und sich bei Franz Carl Weber im Steinhof umzusehen, so richtig vorbei war die Kindheit ja noch nicht. Obwohl. Ja, da war auch die erste, überwältigende Verliebtheit, und das war nicht mehr Kindheit, das war etwas anderes.

1972 war für mich ein modernes Jahr, ein Jahr der Versprechen. So empfand ich es damals, so ist es mir in Erinnerung geblieben. Wegen der Liebe? Vielleicht. Oder wegen der Politik? Aber hatte McGovern, der versprochen hatte, den Vietnam-Krieg zu beenden, hatte er gegen Nixon nicht haushoch verloren, gegen jenen Tricky Dicky, der seinem Spitznamen während des Wahlkampfs wieder einmal alle Ehre gemacht hatte (was aber erst später herausgekommen ist)?

1972 also, Dezember 1972. Hochnebel, graue Vorweihnachtszeit, kein Schnee.

Zug Cafeteria Plaza Dezember 1972

Das zweite Foto des Spaziergangs, der vom Schulhaus Athene zum Spielwarengeschäft Franz Carl Weber führte, knipste ich auf dem Postplatz vor der Cafeteria Plaza. Die gibt es heute noch, wenn auch ganz anders (grösser, heller, moderner, nobler, viel Glas, viel Metall). Ich stand vor dem Fussgängerstreifen und wartete auf Grün, hatte also einen Augenblick Zeit für ein Foto, hob den Apparat vor die Augen, justierte, drückte auf den Knopf. Die Frau da gegenüber hatte es wohl bemerkt, vielleicht war es ihr unangenehm, aber sie liess mich gewähren. Wenn ich sie jetzt, nach 43 Jahren, auf diesem Foto endlich genauer betrachte, dann werde ich neugierig auf sie. Oder auf den kleinen Jungen neben ihr. Ein kleiner Italiener vielleicht, mit Grossmutter und Mutter in der Stadt – und heute wahrscheinlich um die fünfzig Jahre alt. Wenn ich die zwei Gestalten jetzt lange genug betrachte, so ist es mir, als würden sie im nächsten Augenblick in Bewegung geraten, würden langsam, vorsichtig, voller Erstaunen den ersten Schritt tun, würden den Streifen überqueren und auf der anderen Seite in der Gegenwart ankommen, noch sie selbst und doch ganz anders.

Was hat man sich im Jahr 1972 für Vorstellungen vom Jahr 2016 gemacht? Als nur schon das Jahr 2000 in weiter, sozusagen utopischer Ferne lag. Damals ein beliebtes Schulaufsatz-Thema: »Ich im Jahr 2000«.

Im Jahr 1972 ist übrigens das Buch »Die Grenzen des Wachstums« erschienen.

Ungefähr 18 Jahre später, ums Jahr 1990, wurde das alte Café Plaza, zusammen mit dem Nebenhaus, abgebrochen. Ein Nachbargebäude, das Schwerzmann-Haus an der Ecke Poststrasse–Postplatz, war schon 1988 an die Reihe gekommen. Ein eigenwilliges, vom Strassenverkehr zur Seite gedrängtes, von den breiter und immer zahlreicher werdenden Autos zu Boden gezwungenes Haus aus dem 17. Jahrhundert.

Der Citroën GS, der so gross und stolz vor dem Café steht: Wem mochte er gehört haben? Wer hatte sich dieses moderne Auto angeschafft?

Eine andere Frage: Wohnte über dem Café Plaza – oder war es im Haus nebenan? – nicht die Malerin Ursula Bavier? Undeutliche Erinnerungen an diese zierliche, zurückhaltende Frau. Und hatte sie nicht ein Hündchen – oder waren es zwei?

Zug Hirschenplatz Dezember 1972

Das Foto habe ich vor vielen Jahren während eines Spaziergangs in Zug aufgenommen. Er führte vom Schulhaus Athene zum Spielwarengeschäft Franz Carl Weber.

Als ich ihr das Foto zeige, sagt die junge Frau im Fotogeschäft an der Ecke Ägeristrasse–Zeughausgasse: «Ich weiss, wo das ist. Dort werden auch heute noch Weihnachtsbäume verkauft». Und bei ihr, in diesem Laden, gibt es heute noch Filme zu kaufen, Fotopapiere, Fotochemikalien.

Vor ein paar Wochen habe ich ihr zwei Filme zum Entwickeln gebracht, zwei Kodak Tri X, und hole sie nun ab. Mit einem Kodak Tri X fotografierte ich auch damals, auf jenem Spaziergang vom Schulhaus Athene zum Spielwarengeschäft Franz Carl Weber.

Die Frau hat recht: Auf dem Hirschenplatz, beim Schwarzmurer-Brunnen, ein paar Schritte vom Fotoladen entfernt, dort werden auch im Dezember 2015 Weihnachtsbäume verkauft.

Dem Christbaumverkäufer und der Christbaumverkäuferin zeige ich das Foto ebenfalls. Die Frau sagt: «Das waren noch hauptsächlich Rottannen. Heute verkaufen wir viele Nordmann-Tannen.» Dann tippt sie mit dem Finger auf den Baum, der unter dem B von ZUMBÜHL steht: «Solche Besen wie den da könnte man heute nicht mehr verkaufen.»

ZUMBÜHL war ein Modegeschäft. Heute befindet sich ein Immobilienmakler in dessen Verkaufsräumen.

Und wer war der Junge, der, die Schulmappe in der linken Hand, leicht erstaunt ins Objektiv blickt? Mein Schulfreund. Heute ist er Lehrer, und zwar genau dort, wo wir damals Schüler waren: in der Athene. Also dort, wo unser Spaziergang begann, der uns nach Schulschluss die Hofstrasse, die Sankt-Oswalds-Gasse, die Zeughausgasse und die Bahnhofstrasse hinunter zum Spielwarengeschäft Franz Carl Weber führte.

Vor ein paar Jahren schenkte mir die spätere Frau des Jungen ihren alten Fotoapparat (Baujahr 1972), ein schweres, schwarzes Ding, das mich oft begleitet. Ich hänge an der alten Technik. Warum soll ich aufgeben, was ich mag?

Das Café Keiser (über der Confiserie Keiser, in der Bildmitte), das mochte ich auch. Ich versuche jetzt, mich an das Polster der Sessel und Stühle zu erinnern, an die Aussicht, an die Frauen, die servierten, an Geräusche und Gerüche oder an Gedanken, die ich hatte, wenn ich dort oben vor einer Tasse Kaffee sass, die Zeitungen las und, was nicht auszuschliessen ist, eine Zigarette rauchte.

Fortsetzung folgt.

Das forum junge kunst dankt Michael van Orsouw für seine Ansichten von Zug.

Nach 50 Beiträgen von 10 Autorinnen und Autoren macht der Blog eine etwas längere Pause und startet Mitte Januar 2016 wieder mit neuen Beiträgen. Den Anfang wird dann der Schriftsteller Andreas Grosz machen.

Das forum junge kunst dankt den zahlreichen Leserinnen und Lesern für ihr Interesse und freut sich auf weitere spannende, interessante und überraschende Ansichten von Zug.