1. Spaziergang

Roger Amgwerd (RA) und Adrian Bättig (AB) stellen Vorlagen für Spazierwege zu Ansichten von Zug her. Dazu bestimmen RA AB Spielregeln mit Hilfe eines Stadtplanes und eines Lineals. Sie ziehen eine Linie. Das Ziel des Spieles: RA AB spazieren möglichst nahe der Linie entlang und sprechen über jene Sichtpunkte auf die Stadt, die ihre Gedankengänge schrittweise provozieren.

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RA AB steigen aus dem Bus bei der Endstation Schulhaus Herti und schauen sich um.

AB: Das Schulhaus, das wir sehen, stammt der Architektur nach zu schliessen aus den 70er-Jahren, und darum herum ist viel neu gebaut worden. Es scheint mir fast, die Anwohner sind zum Schulhaus gekommen und nicht umgekehrt.

RA: Was mir ebenfalls auffällt an diesem Schulhaus, das sind die Orange- und Gelbtöne. Diese suchen für mich irgendwie eine Nähe. Aber aus der Distanz wirken sie apart und fremd. Sie wirken für mich verstaubt.

AB: Verstaubt ist in diesem Zusammenhang ein interessanter Begriff, weil die Farben des Herti-Schulhauses eigentlich erdig untermischt sind, wenn man sie genauer anschaut, und man weiss nicht so recht, ob da noch Patina drauf ist.

RA: Patina ist doch das Ergebnis einer schöpferischen Zerstörungskraft. Sie ist wie ein visueller Aufbruch, der über die Vergänglichkeit fixer Bilder nachdenken lässt.

AB: Ja, deshalb gefällt es mir, wenn Patina schon beim Entwickeln von Architektur mitbedacht wird. Darüber hinaus lösen Bauten aus den 70er-Jahren bei mir auch Bilderketten aus, die ein Bau aus den 50er-Jahren oder der Jahrhundertwende nicht aktiviert, weil ich erst ab den 70ern dabei war. Dieses Jahrzehnt hat mir die ersten Beispiele von Architektur und Gestaltung vermittelt. Und wenn wir jetzt noch in ein 70er-Jahre-Gebäude hineingehen würden, dann würden wir vermutlich Spannteppiche antreffen und deren unverwechselbaren Geruch einatmen (lacht).

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RA: Daran musste ich auch immer denken, wenn ich hinter dem Schulhaus mein Atelier in der Gewürzmühle aufsuchte. Dies hat meine Produktivität aber nicht immer angeregt. Man will sich als Künstler ja nicht wie in der Schule vorkommen.

RA AB tasten sich den Häusern entlang und versuchen möglichst exakt ihrer Spazierlinie zu folgen. AB richtet seine Kamera auf eine offene Fläche zwischen den Häusern.

AB: Bemerkenswert finde ich hier die Abluftschächte, die in die Fläche eingesetzt sind, sie wirken wie skulpturale Elemente…

RA: Das Häusergeviert um uns herum wurde in einer regelmässig-unregelmässigen Form strukturiert, so dass es etwas von einem abstrakten Gemälde hat.

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RA AB verlassen nun das Hertiquartier, bleiben vor dem Bossard Areal stehen und betrachten die Zuger beim Eislaufen. Danach gehen sie auf die angrenzende Neubausiedlung zu, die der Bossard Arena gegenüber liegt.

AB: Ich frage mich, wie Räume strukturiert sein müssen, damit eine Stadt genug städtisch, wohnlich und attraktiv ist, um darin zu leben? Das Bossard Arena-Areal bietet offensichtlich viel Weite, eine eindrückliche räumliche Grosszügigkeit. Meinem Gefühl nach müsste die Wohnsiedlung, die angrenzt, aber räumlich dicht gebaut sein, damit die Leute, die hier leben, zum einen eine diese Weite haben und zum anderen aufgrund der räumlichen Dichte auch eine Intimität erfahren.

Der verwitterte Bahndamm führt RA AB direkt zur Neubausiedlung.

AB: Für mich sind die Räume hier zu wenig dicht, sondern …

RA (unterbricht): Die Räume prallen hier aufeinander.

AB: Ja, wir sehen hier ganz unterschiedliche Körper, Linien und Flächen. Es ist so kontrastreich, dass es fast wieder interessant ist.

RA: Ich neige dazu, diese Stelle als Unort zu bezeichnen, weil die Gegensätze, die hier zusammenkommen, etwas Unbemühtes und in ihrer Architektur etwas Unmotiviertes haben.

AB: So wie eine Geröllhalde, um ein hartes Wort zu gebrauchen – wo Steine zufällig zusammenkommen.

RA: Eine unglaubliche Kombination!

AB: Ich sehe einen Busbahnhof und einen überwachsenen Bahndamm, eine Gartenskulptur, einen Container, Lagergestelle, Atelierbehausungen, Werkstattschuppen, dazwischen gestutzte Bäume – und dies vor dem Hintergrund des (schneeweissen) Expat- Wohnbaus und neben der etwas verwunschen wirkenden Jugendherberge. Das Setting erinnert mich an das Lied „Chinasky“ von Züri West, in dem es um einen schrägen Tüftler geht… der könnte in so einer Kontrastgegend wohnen und schaffen.

RA: Und da weiter vorne sehe ich einen Parkplatz für Boote und die grellrote Wand der Hochbahnstation „Schutzengel“. Und die alte Kapelle guckt mit ihrer Spitze hinter der Wand hoch. Lebens- und Wohnstile kollidieren hier.

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AB: Mir fällt auf, dass in Zug auf kleinstem Raum sehr grosse Gegensätze zusammenkommen. Man bekommt die Botschaft vermittelt, dass man einerseits ein Ort sein will, der beschaulich und idyllisch – und durchaus auch naturverbunden – ist. Andererseits ist man hier urban und topmodern – also auf der Höhe der Zeitentwicklung, was die Technik und Architektur betrifft.

RA: Schau mal, dieser Steinhaufen, der einfach so da liegt, ist doch die Kumulation dieser Architektur des Zufälligen. Ich suche bei unseren Stadtwanderungen nach interessantem Raumdesign. Es interessiert mich, wie eine Gesellschaft Lebensräume bewusst zu gestalten vermag. Doch was ich hier sehe, ist ein Art Rohzustand – ein unmotiviertes Antidesign – von der Gesellschaft wie ausgeschieden. Trotzdem hat dieser Ort eine unprätentiöse Kraft, die ich mir für meine Kunst, vielleicht auch für meine Arbeit insgesamt, wünsche. Doch diese Rohheit ist unbequem und hinterfragt hartnäckig meinen ach so gut trainierten Geschmack, mit dem ich unbedingt nach ästhetisch ansprechenden Lösungen suche.

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RA AB gehen am See entlang in Richtung Altstadt. Zwischendurch bleiben sie stehen und betrachten die Altstadt aus der Ferne.

AB: Es ist eine deutlich spürbare Angst da, das Erbe zu verlieren. Die Altstadt wird nicht in Frage gestellt. Alles, was älter als 18. Jahrhundert ist, ist mal gesetzt und bleibt. Warum darf da kein äusserlich sichtbarer Stein verschoben werden? Welches Bedürfnis ist das, dass man an einer historischen Substanz eines Ortes festhält?

RA: Wir sind hier in der typischen Kritikerrolle, die man von uns erwartet. Er stört uns offenbar, dieser Blick auf die Altstadt. Doch im Grunde befinden wir uns auf einem der schönsten Spazierwege in Zug. Was provoziert uns denn eigentlich?

AB: Als ich früher mal in der Zuger Altstadt arbeitete, kam mir diese als Lebens- und Arbeitsort immer etwas unwirklich vor. Sie ist konservierte Geschichte und die Welt darum herum ist einfach eine andere. Mir fiel auf, dass es viele Passanten gab, die durch die Gässli der Altstadt wie durch ein Museum gingen.

RA: Die Assoziation mit dem Museum macht uns doch als Künstler betroffen, da wir eigentlich genau für solch’ Orte des Konservierens arbeiten. Wenn wir hier die fabrizierte Altstadt als Museumswelt in Bezug zum echten Leben kritisieren, so wiegt dies schwer. Wie sicher können wir uns sein, dass unsere Kunst via die Ausstellung im Museum oder der Galerie die echte Welt da draussen tatsächlich erreicht?

RA AB gehen weiter der Seepromenade entlang, da diese geografisch ihrer Linie auf der Karte am nächsten liegt. Sie bleiben länger vor der Vogelvolière am Landesgemeindeplatz stehen, bevor sie den Endpunkt ihres Spazierganges am Kap erreichen.

RA: Meine Eltern machten mit dem Auto mal einen Zwischenstopp in Zug und so vertraten wir uns genau vor der Vogelvoliére die Beine. Ich war etwa zehn Jahre alt, als ich das erste Mal Zug sichtete und ich erinnere mich noch gut an diese Volière. Ich fand sie faszinierend und abstossend zugleich. Diese Kindheitserinnerung habe ich seither immer mit der Altstadt von Zug in Verbindung gebracht.

AB: Interessant. Der (goldene) Käfig passt gut zu Zug – insbesondere zur Altstadt als Ganzes. Auch die Vögel haben einen wunderbaren Blick zum See und sind gleichzeitig eingesperrt. Sie vermitteln das Gefühl an einem idyllischen Ort zu sein, doch die Flügel nicht ausbreiten zu können. Dabei hat der See für mich etwas gleichzeitig Beruhigendes und Anregendes – auch heute, bei diesem bleigrauen Licht.

RA: Die Ansicht auf den See und die Altstadt bewirken bei mir, dass ich die äussere Geruhsamkeit mit meiner inneren Landschaft möglichst zusammenbringen will. Im Tausch mit dieser Geruhsamkeit bin ich vielleicht auch bereit, mir die Flügel zu stutzen.

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