((2. März 2016))

avz_ag_p05_01

Eben hatten mein Schulfreund und ich den Spielwarenladen Franz Carl Weber verlassen und uns zu den Leuten gesellt, die an der Haltestelle Steinhof einen der blauen Autobusse der Zugerland Verkehrsbetriebe erwarteten. Ich nahm das letzte Bild des Tages auf. Die Dämmerung hatte eingesetzt, die Verschlusszeit des Fotoapparats musste verlängert werden. So verwackelte ich die Aufnahme, und das erschwert heute die Betrachtung und Deutung der Details.

Könnte es sein, dass sich vor dem VOLG-Laden ein Marronihäuschen befand? Könnte es sein, dass das Kind in der Bildmitte – das Kind mit dem weissen Mantel und der weissen Zipfelmütze – eine Marronitüte in den Händen hielt?

Wahrscheinlich ist es vollkommen unmöglich, in Erfahrung zu bringen, was für einen Gegenstand das Kind in den Händen hielt. Genauso unmöglich dürfte es sein, heute, 43 Jahre später, herauszufinden, was das Geschenkpaket enthielt, das die schreitende Frau im Vordergrund unterm Arm trug.

Allerdings bin ich mir ziemlich sicher, das Schild des Nachtlokals Topas entdeckt zu haben: unterm O von VOLG. «Ins Topas» gingen wir früher, wenn wir nach der Polizeistunde noch nicht nach Hause gehen wollten. Die Treppe hinunter, glückverheissender Musik entgegen. Dann die Türkontrolle. Wir wunderten uns, dass wir eingelassen wurden, für so verdächtig hielten wir uns.

Den Nachtklub Topas gibt es noch. Davon habe ich mich kürzlich überzeugt. Aber die Haltestelle Steinhof ist nicht mehr da. Mein Taschentelefon hat sich am 15. Dezember 2015 Folgendes gemerkt:

avz_ag_p05_02

Der Nachtclub Topas befindet sich im Haus Bahnhofstrasse 30. Ein Bau aus den Sechzigern, seit Jahrzehnten vorhanden, ohne sich hervorzutun oder sich zu empfehlen. Am auffälligsten ist vielleicht sein Name: Katharinahof. Zum Gedenken an Jungfer Katharina Weiss, die in Zug als Erste ein Atelier für Fotografie betrieb. Ihr Haus stand an dieser Stelle.

Noch einmal zum Schwarz-Weiss-Bild zurück:

avz_ag_p05_01

Einen Steinwurf von Steinhof und Katharinahof entfernt – aber wer wirft mitten in der Stadt Zug Steine? – steht das Gebäude der Firma Foto Grau. Es ist der grosse, helle Bau mit dem steilen Kreuzdach, in der linken Bildhälfte und heute ganz anders. Dort wurde der Film entwickelt, den ich in jenen Dezembertagen des Jahres 1972 belichtet hatte. Mit anderen Worten: Das Schwarz-Weiss-Foto, das jetzt auf dem Bildschirm oder Display zu sehen ist, wurde in einem der Häuser, die auf eben diesem Foto abgebildet sind, vom latenten in den manifesten Zustand übergeführt. Hier ein Bild der Hülle, in dem der Film seither aufbewahrt wird:

avz_ag_p05_03

15 Jahre später habe ich bei Foto Grau meine erste Fotokamera erstanden. Sie ist durch und durch mechanisch, von B bis 4000. Ich betrachte sie mit derselben Sentimentalität, mit der ein Lokomotivfüher seine Ae 6/6 oder eine Schneiderin ihre Bernina betrachten mögen: So viele Jahre arbeiten wir nun schon zusammen! Zum Profi habe ich es nicht gebracht. Eine Zeitlang aber betätigte ich mich als Hilfsfotograf und Hilfslaborant bei den Zuger Nachrichten.

Am Sonntag, 6. Dezember 1992, am Tag, als über den Beitritt der Schweiz zum Europäischen Wirtschaftsraum abgestimmt wurde, hatte ich Labordienst bei den Zuger Nachrichten. Als feststand, dass Zug Nein sagte, war mir klar, dass die ganze Schweiz Nein sagen würde. Unglücklich zog ich mich in die Dunkelkammer zurück.

Als am 28. Februar 2016 die Abstimmungsresultate feststanden, war ich glücklich, dass der Sieger von 1992 diesmal verloren hatte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.