2. Spaziergang

Roger Amgwerd (RA) und Adrian Bättig (AB) stellen Vorlagen für Spazierwege zu Ansichten von Zug her. Dazu bestimmen RA AB Spielregeln mit Hilfe eines Stadtplanes und eines Lineals. Sie ziehen eine Linie. Das Ziel des Spieles: RA AB spazieren möglichst nahe der Linie entlang und sprechen über jene Sichtpunkte auf die Stadt, die ihre Gedankengänge schrittweise provozieren.

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Roger Amgwerd (RA) und Adrian Bättig (AB) ziehen auf der Stadtkarte eine Linie vom Kap zum Kunstraum am Blumenweg.

RA AB gehen möglichst nahe an der Linie im Zickzack durch die Gassen der Altstadt. Kurz vor ihrem Aufstieg zum Guggi bleiben sie bei einer Baustelle stehen, die einen Leerraum zwischen Häusern besetzt.

AB: Die verschiedenen Architektursprachen, die hier zusammenkommen und mittendrin die Baustelle, dies finde ich sehr interessant. Mir fallen dazu zwei Dinge ein. Vor gut zehn Jahren war ich in Porto, wo gerade eine U-Bahn gebaut wurde. Die halbe Stadt sah wie dieser Ort hier aus, da überall die Zugänge zu den Stationen gebaut werden mussten. Die von den Baustellen besetzten Plätze hatten etwas Wüstes, aber auch Brodelndes, Vitales und Vielversprechendes. Man fragt sich hier, was der Plan ist, wie es aussehen wird, wenn die Bauerei beendet ist. Weiter denke ich an ein Bild des italienischen Futuristen Umberto Boccioni mit dem Titel „Der Lärm der Strasse dringt ins Haus“. Darauf sieht man eine Baustelle, natürlich damals mit Pferdefuhrwerken betrieben, die ihren Lärm und ihre Dynamik zu den umliegenden Häusern hochschickt, nur mit den Mitteln von Malerei dargestellt. Das 100 Jahre alte Bild versprüht für mich immer noch die Aufbruchstimmung, die am Beginn der Moderne herrschte.

RA:. Der sich türmende Bauschutt, die Maschinen, die Mauern und die riesige Hecke dazwischen bilden ein regelrechtes Wirrwarr. Ich weiss nicht, wo der Platz anfängt und wo er aufhört. Was verdecken eigentlich die Bauplanen in der Mitte des Platzes? Wäre dies eine Bühne, so fände ich die Inszenierung des Geheimnisses in der Mitte sehr gelungen.

AB: Vielleicht wird dort nach archäologischen Funden gegraben…

RA AB fragen einen jungen Mann, der auf der Baustelle arbeitet, was sich unter der Konstruktion mit den Bauplanen befindet. Er erklärt, dass es sich um die Zufahrt zu einer Tiefgarage handelt. RA AB amüsieren sich über die ernüchternde Entzauberung des von ihnen zuvor vermuteten Geheimnisses.

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RA AB begehen den Aussichtspunkt namens Guggi. Das Wetter ist frostig und windig.

AB: Ich fühle mich, als ob ich mit dir bei eisigen Temperaturen einen Gipfel erstbesteigen würde! (lacht)

RA: Berggipfel!? (lacht) Den Hang zum Metaphorischen hatten wir doch schon vorhin, als wir in den Baumwipfeln die Haare eines Besens sahen, welcher die Stadt-Land-Landschaft zusammenfegt.

AB: Daraus entsteht dann eine Ansammlung. Bei dieser kommen im Unterschied zu einer Sammlung willkürlich Dinge zusammen, die eigentlich nicht zusammen gehören: im Kleinen Blätter, Abfall, Äste, Steine, verloren gegangene Gegenstände, im Grossen Altbauten, Weiden, Verkehrsachsen, Neubauten, Rabatten…Solche Ansammlungen sind für Künstler interessant. Aus dem Prinzip des Zufälligen entstehen Konstellationen, die zu neuen Ideen und Themen führen.

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RA: Dieser eisige Gipfel bietet eine wahnsinnige Rundumsicht (lacht).

AB: Ja, es sind grosse Landschaftsräume zu sehen. Ich denke, dieser Aussichtspunkt ist für Touristen interessant, aber auch für uns, weil so viel Verschiedenes zusammenkommt, zum Beispiel auch Relikte aus der mittelalterlichen Geschichte. Diese Landschaftsräume sind ein grosses Versprechen in alle Richtungen.

RA: Fast theatralisch! Wenn wir uns umdrehen und Richtung Rosenberg schauen, sehen wir Hunderte Fenster, die auf uns gerichtet sind. Wir stehen hier auf einer kleinen Grünzone wie auf einem Zwischenboden oder besser gesagt auf einer Zwischenbühne!

AB: Genau (betrachtet das Rosenberg-Quartier). Der untere Häuserteil sind ältere Gebäude meistens mit Giebeldächern, im oberen Teil stehen Flachdächer mit breit gezogenen Balkonparteien. Das finde ich recht konsequent im Sinn von Verdichtung. Der Bauraum ist ausgenutzt. Dahinter kommt die nächste Hügelzone. Uns gegenüber ist Dichte und Wohnen und da wo wir hier stehen, ist Öffnung.

RA: Ein Land-Stadt-Land-Stadt-Rhythmus.

AB: Ja, es hat mit Rhythmus zu tun: Offenheit und Geschlossenheit, Ausnützung und eben Nicht-Nutzung. Es ist nicht unentschiedener Agglobrei.

RA: Alle blicken hier her.

AB: Wenn man kritisch sein will, so haben diese Hanghäuser auch etwas Drängelndes, jeder will möglichst viel…

RA: …Aussicht.

AB: Ja, und diese bedeutet Kapital und Geschäft mit der Landschaft.

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RA AB verlassen den Aussichtspunkt und wandern Richtung Loreto und Blumenweg. Kurz vor ihrem Ziel bleiben sie stehen, um ein altes Gebäude zu betrachten, das dicht von Neubauten umgeben ist.

AB: Wie hat es hier wohl ausgesehen, als dieses Häuschen erbaut wurde? Da kann es rundherum nur grüne Wiese gehabt haben. Es wäre höchst spannend, dieses Häuschen zu interviewen.

RA: Die letzten hundert Jahre im Interview …

AB: Ja, es wäre zum Beispiel interessant das Haus zu fragen, was es zu diesem tortenschweren Gebäude hinter ihm oder dem behäbigen Sichtbacksteinhaus nebenan zu sagen hätte.

RA: Wenn wir vorher von der Zwischenbühne sprachen, so haben wir es hier mit Protagonisten oder Schaustellern zu tun.

AB: Das Setting erinnert mich auch an eine Strandszene. In dieser gibt es den hageren, alten Mann, der schon immer hier badete, und neben ihm machen sich neuere Gäste breit, mit ausladenden Muskeln, unwirklich gebräunter Haut und Aufmerksamkeit erheischenden Badekleidern.

RA: Der ältere Herr wirkt etwas verloren an diesem Strand (lacht) … Interessant, dass es ihn überhaupt noch gibt.

AB: Es stellt sich mir die Frage – in umgekehrter Weise zur sakrosankten Altstadt – wieviel Haut und Stoff und Fleisch ein Strand verträgt, respektive, wie hoch und breit und laut und selbstbezogen gebaut werden darf…

RA: Am alten Haus interessiert uns vermutlich die Rolle des Aussenseiters. Das Haus wird zum Anreger unserer Phantasie, die im besten Fall eine poetische Geschichte erzählt. Egal ob Drama oder Komödie oder doch etwas dazwischen. Die Kunst einer solchen Geschichte liegt doch darin, dem Aussenseiter eine Existenzberechtigung zu geben oder sie ihr zu nehmen. Wie viel Heterogenität will man sich erlauben? Die Antwort hat einen Ein- oder Ausschluss zur Folge. Das ist wohl, was die Kulturgeschichte eines Ortes letztlich ausmacht. Eigentlich wäre es nicht nur an den Politikern, sondern auch an den Kulturmachern dies aktiv zu bestimmen.

AB: Wobei der Aussenseiter zuerst da war, aber Kulturmacher in der Lage wären, seine Geschichte zu lesen und fortzuschreiben. In diesem Sinn geb ich dir recht: Raumplanung und Baugesetze müssten viel mehr als heute eine kulturelle, breite, gesellschaftliche Aufgabe sein und weniger ein Spiel zwischen den Interessen von Politik und Wirtschaft.

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