((23. Januar 2016))

Mein Vater hatte mir seinen Fotoapparat ausgeliehen, es war eine Spiegelreflex-Kamera mit eingebautem Belichtungsmesser, eine Voigtländer Bessamatic. Sie war damals vielleicht zehn Jahre alt, aber mir kam sie uralt vor. Wollte ich Fotograf werden? Vielleicht. Wollte ich Erinnerungen festhalten? Kaum. Ich durfte einfach fotografieren, das genügte einstweilen. Und ich hatte den Apparat in die Schulmappe zu Büchern und Heften gepackt, in die Schule mitgenommen, nach Unterrichtsende würde ich Gelegenheit haben, ein paar Bilder zu machen, offenbar hatten wir an jenem Tag im Dezember 1972 frühzeitig frei, es war noch hell, es blieb noch ein wenig Zeit, um durch die Stadt zu schlendern und sich bei Franz Carl Weber im Steinhof umzusehen, so richtig vorbei war die Kindheit ja noch nicht. Obwohl. Ja, da war auch die erste, überwältigende Verliebtheit, und das war nicht mehr Kindheit, das war etwas anderes.

1972 war für mich ein modernes Jahr, ein Jahr der Versprechen. So empfand ich es damals, so ist es mir in Erinnerung geblieben. Wegen der Liebe? Vielleicht. Oder wegen der Politik? Aber hatte McGovern, der versprochen hatte, den Vietnam-Krieg zu beenden, hatte er gegen Nixon nicht haushoch verloren, gegen jenen Tricky Dicky, der seinem Spitznamen während des Wahlkampfs wieder einmal alle Ehre gemacht hatte (was aber erst später herausgekommen ist)?

1972 also, Dezember 1972. Hochnebel, graue Vorweihnachtszeit, kein Schnee.

Zug Cafeteria Plaza Dezember 1972

Das zweite Foto des Spaziergangs, der vom Schulhaus Athene zum Spielwarengeschäft Franz Carl Weber führte, knipste ich auf dem Postplatz vor der Cafeteria Plaza. Die gibt es heute noch, wenn auch ganz anders (grösser, heller, moderner, nobler, viel Glas, viel Metall). Ich stand vor dem Fussgängerstreifen und wartete auf Grün, hatte also einen Augenblick Zeit für ein Foto, hob den Apparat vor die Augen, justierte, drückte auf den Knopf. Die Frau da gegenüber hatte es wohl bemerkt, vielleicht war es ihr unangenehm, aber sie liess mich gewähren. Wenn ich sie jetzt, nach 43 Jahren, auf diesem Foto endlich genauer betrachte, dann werde ich neugierig auf sie. Oder auf den kleinen Jungen neben ihr. Ein kleiner Italiener vielleicht, mit Grossmutter und Mutter in der Stadt – und heute wahrscheinlich um die fünfzig Jahre alt. Wenn ich die zwei Gestalten jetzt lange genug betrachte, so ist es mir, als würden sie im nächsten Augenblick in Bewegung geraten, würden langsam, vorsichtig, voller Erstaunen den ersten Schritt tun, würden den Streifen überqueren und auf der anderen Seite in der Gegenwart ankommen, noch sie selbst und doch ganz anders.

Was hat man sich im Jahr 1972 für Vorstellungen vom Jahr 2016 gemacht? Als nur schon das Jahr 2000 in weiter, sozusagen utopischer Ferne lag. Damals ein beliebtes Schulaufsatz-Thema: »Ich im Jahr 2000«.

Im Jahr 1972 ist übrigens das Buch »Die Grenzen des Wachstums« erschienen.

Ungefähr 18 Jahre später, ums Jahr 1990, wurde das alte Café Plaza, zusammen mit dem Nebenhaus, abgebrochen. Ein Nachbargebäude, das Schwerzmann-Haus an der Ecke Poststrasse–Postplatz, war schon 1988 an die Reihe gekommen. Ein eigenwilliges, vom Strassenverkehr zur Seite gedrängtes, von den breiter und immer zahlreicher werdenden Autos zu Boden gezwungenes Haus aus dem 17. Jahrhundert.

Der Citroën GS, der so gross und stolz vor dem Café steht: Wem mochte er gehört haben? Wer hatte sich dieses moderne Auto angeschafft?

Eine andere Frage: Wohnte über dem Café Plaza – oder war es im Haus nebenan? – nicht die Malerin Ursula Bavier? Undeutliche Erinnerungen an diese zierliche, zurückhaltende Frau. Und hatte sie nicht ein Hündchen – oder waren es zwei?

1 Kommentar
  1. Papaleo Corrado sagte:

    Mi sono riconosciuto in questa bellissima foto. Quel bambino che tiene la mano alla propria nonna sono io, Papaleo Corrado, oggi ho 47 anni e vivo a Rosolini in provincia di Siracusa (Sicilia). Parlo ancora un po il dialetto svizzero ma non so scrivere in tedesco. Vedendo questa immagine ho fatto un tuffo nel mio passato , rivivendo la mia fanciullezza , ricordando la mia amata nonna e ricordando con affetto il popolo di Zug , la gentilezza che lo ha sempre contraddistinto ‚ l’accoglienza, la benevolenza verso tutti. A voi tutti va il mio saluto. Volevo chiedere se era possibile avere una foto da poter mettere nel mio album dei ricordi.Grazie.

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