4. Spaziergang

Roger Amgwerd (RA) und Adrian Bättig (AB) spazieren für ihre Ansichten von Zug drei Punkten entlang, mit denen sie biografisch verbunden sind. Der vierte Punkt ergibt sich aus der Spiegelung der ersten zwei Etappen.  RA AB versuchen möglichst nahe den in der Karte eingezeichneten Geraden zu folgen und sprechen über jene Sichten auf die Stadt, die ihre Gedanken beim Gehen provozieren.

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Roger Amgwerd (RA) und Adrian Bättig (AB) haben die letzte Wegstrecke vor sich, die sie vom Unterochsenhof zurück zum Ausgangspunkt ihrer Spaziergänge – der Station Schulhaus Herti – bringt.

RA: Wir stehen hier noch vom Regen geschützt unter einem Vordach beim Unterochsenhof und sehen für einmal ziemlich direkt bis zum Endpunkt unseres Spazierganges. Es gibt keine versteckten Nischen oder Irrwege zu entdecken, wir können schnurgerade über dieses Feld ins Ziel flanieren. Der Weg bietet keine Spektakel. Vor uns liegen die leisen Dinge …

AB: Ich finde, dass in der heutigen Zeit gerade das Aufspüren dieser leisen Dinge eine hohe Qualität hat. Unsere medial geprägte Welt bietet so viel Lautes, um jeden Preis Auffälliges und Marktschreierisches – da bekommen feine und zurückhaltende Beobachtungen und Äusserungen eine ganz neue, wohltuende Qualität!

RA: Die lauten Töne maskieren die stillen – sie übertönen.

AB: Ja, wir könnten sogar festhalten, dass das, was nicht auf den ersten Blick oder Ton erkennbar, beziehungsweise hörbar ist, das (eigentlich) Interessante ist.

RA AB bleiben noch eine Weile an ihrem Ausgangspunkt stehen und hören dem unregelmässigen Tropfen von Wasser zu, das vom Scheunenvordach in eine Pfütze platscht. Im Hintergrund schleift das Geräusch von Getränkeharassen, die ein Bauer in seinen Kleinlaster lädt.

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Nach einer Weile beginnen sie übers Feld zu gehen. Um ihr Mikrofon vor der Nässe zu schützen, haben sie einen Schirm gespannt, der dem Regen eine Stimme gibt. Der Wind liegt RA AB in den Ohren und verbläst einen Teil der Tröpfchen. Das Knirschen ihrer Schritte verstummt, als sie in der Mitte des Feldes stehen bleiben und sich in der ländlichen Grenzzone der Stadt umsehen.  

RA: Wenn ich diese unterschiedlichen Schneeschichten auf dem Feld betrachte und die Flächen, die sich daraus geben, die erstaunlich regelmässige Formen aufweisen, so fällt mir meine Tätigkeit als Maler ein, der ich früher nachging. Es sieht aus, als ob ein Riese mit einem übergrossen Spachtel den Schnee aufs grüne Feld aufgetragen und eine Leinwand bemalt hätte.

AB: Das lässt mich an Renaissance- und Barockmalerei denken, bei der man davon spricht, dass ein Bild gehöht wird – helle Partien werden durch das Auftragen von halbdeckender weisser Farbe hervorgehoben.

RA: Ich stelle mir vor, dass diesem Feld in ein paar Wochen Kirschbäume Glanz verleihen. Doch heute schlafen sie.

AB: Heute ist das Postkartenbild der Stadt Zug wirklich weit weg. Dabei wird das Wetter immer noch garstiger. Es ist nicht mehr wirklich Winter, aber auch noch nicht Frühling. Wir sind in einem Umbruch. Das fasziniert mich immer wieder – zu wissen, das in diesen Bäumen der Frühling wartet und dass plötzlich alles aufplatzen wird. Aber im Moment wird die schlafende Natur nochmals richtig niedergedrückt.

RA: Die Bäume schlummern …

AB: Dies passt natürlich zur Schlafstadt, der wir entgegenlaufen. (lacht)

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RA AB bleiben kurz vor ihrem Zielpunkt vor einem Baum stehen und betrachten ihre Fussspuren.

RA: Je nach Länge der Gräser verursachen unsere Tritte darauf verschiedenste Schlurf- und Matschgeräusche.

AB: Es saftet unter den Füssen.

RA: Dies hätten wir von einem Spaziergang durch die Stadt Zug so nicht erwartet!

AB: Eigentümlich war heute auch, dass wir vor allem den Boden angeschaut haben, weil der Horizont so vertrübt war – wir haben uns auf das Nahe und Nächste konzentriert, auf Erde und Gräser …

RA: Wir sehen das Gras vom Frühjahr träumen. Ein gutes Ende für unsere Spaziergänge.

AB: Wenn ich an diesem Schlusspunkt auf unsere ganzen Ansichten von Zug zurückblicke, so war es eine Art Winterreise, ein Gehen durch eine mehrheitlich sehr ruhige, leicht gefrorene Stadt und Landschaft – deren Bild wegen der Kälte aber auch schärfer und kantiger war …

RA: Dies trifft auch auf die innere Landschaft zu. Gerade wegen des Regens und der Kälte wurden wir vielmehr auf die Wahrnehmung und das Nachdenken zurückgeworfen – eine sommerlich heisse Landschaft hätte wohl eher davon abgelenkt, unsere Gedanken im Gehtempo voranzutreiben.

AB: Und mit dem Winterbild kontrastierten unsere intensiven Gespräche – nicht nur über Zug – die von der Lust getragen waren, (wörtlich) gemeinsam ein Stück Weg zu gehen und miteinander Zeit zu verbringen. – Das war für mich eine starke Erfahrung. Es war ein Sich Ausklinken aus unseren alltäglichen, oft ökonomisch bestimmten Zeit- und Raumbegrenzungen und ein Suchen nach so etwas wie Poesie, dort, wo sie vielleicht niemand sucht.

RA: Da stimme ich dir gerne zu.

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