Areal An der Aa

– Inventar des Dazwischen

Die Zuger Schleife sticht ins Auge: Zusammen mit den SBB-Gleisen umrahmt sie das Gebiet westlich des Bahnhofs in Form eines seitenverkehrten Q und lässt es auf Stadtplänen, Landkarten und Satellitenbildern deutlich hervortreten. Jedenfalls tat sie das bis vor Kurzem. Heute ist die markante Struktur in Auflösung begriffen.

Auch das von ihr umfasste Gebiet befindet sich im Wandel: Die heterogen besetzte Randzone, die jahrzehntelang durch die Entwicklung von Landis&Gyr geprägt war, wird zu einem kompakten Stadtquartier umgebaut. Noch sind Bruchlinien sichtbar. Eine Spurensuche entlang von dem, was bald nicht mehr oder noch nicht ist – und eine Bestandesaufnahme.


Areal An der Aa

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Nach der Brücke über die General-Guisan-Strasse verändert sich das Aussehen des Schleifedamms völlig. Er präsentiert sich nun als laternengesäumter Weg, der als Abkürzung zwischen Gaswerkareal und Bahnhof Schutzengel beliebt ist. Nach Osten überblickt man vom Weg aus die Werkstätten der Zugerland Verkehrsbetriebe (ZVB). Durch die offenen Tore sind Männer in blauen Arbeitskleidern zu sehen, die sich an Fahrzeugen zu schaffen machen. Am Fuss des Damms stehen Privatwagen – wohl die Autos der Angestellten. Ein Stück weiter fällt mein Blick auf die Ecke eines Holztischs. Auch die Hälfte einer Gartenbank und die Spitze eines zusammengeklappten Sonnenschirms sind sichtbar – das Pausenrefugium der Mechaniker? Es drückt sich zwischen parkierten Autos und schrottbeladenen Mulden so eng an den Damm, dass es von oben her kaum zu sehen ist.

Der Weg wird nun auf beiden Seiten von Büschen und Bäumen gesäumt. Das Dickicht lässt nur spärliche Durchblicke zu. Die Rückwand eines Schuppens ist zu sehen. Bunte Folie sticht zwischen dem Grün hervor, das auf dem Gelände neben dem Damm wuchert. Verwundert stelle ich fest, dass es sich um Abdeckblachen von Booten handelt, die hier lagern. Der Damm führt noch ein Stück weiter und endet dann abrupt an einem Mäuerchen. Es soll wohl verhindern, dass man in den Abgrund stürzt, der sich dahinter auftut: Den letzten Teil des Damms, der früher das Schleifetrassee mit dem Eisenbahnnetz verband, muss man sich vorstellen.

Da, wo der Weg vom Damm abzweigt und sich Richtung Bahnstation Schutzengel senkt, ändert sich die Szenerie erneut. Es zeigt sich, dass der äusserste Zipfel der Schleife fast ganz zum Lagern ausgewasserter Boote dient. Ein Teil ist auf dem umzäunten Areal beim Pumpwerk Siehbach deponiert, ein anderer auf der Brache, die vom Strässchen An der Aa bis zum Hag des ZVB-Geländes reicht. Auf der Brache scheint eine andere Zeitrechnung zu gelten: Manche Bootsanhänger sind ganz unter Dornengestrüpp verschwunden, andere liegen versunken im hohem Gras. Bootsstützen ragen in die Luft wie Sehrohre von U-Booten. Im hinteresten Teil der Brache formieren sich aufeinander gestapelte Trailer zu einem Superfahrzeug mit unzähligen Rädern, dessen verwunschenes Schicksal es aber ist, still zu stehen.

Wie wild der Südwesten der Schleife ist, wird um so augenfälliger, je weiter man dem Bahnviadukt entlang Richtung Bahnhof geht. Ist das ZVB-Hochhaus noch von Blumenrabatten und Platanen umgeben, schiesst das Polizeihauptgebäude direkt aus dem Asphalt heraus. Die Strafanstalt, die das Areal an der Ecke zur Aabachstrasse abschliesst, ist ein Bau aus Sichtbeton. Seine nüchterne Sachlichkeit ist wohl kaum zu überbieten. Im Osten herrscht Ordnung.

Mit dem Projekt «Fokus» wird das Ordnungsprinzip auf das ganze Areal An der Aa ausgedehnt. Die kantonale Verwaltung, die derzeit über die ganze Stadt verstreut ist, und die ZVB wollen ihre Kräfte an einem Ort bündeln und das Areal gemeinsam überbauen. Um dies realisieren zu können, müssen auch die Besitzverhältnisse entflochten werden. Mit der Stadt besteht ein Landtauschvertrag. Der Westen bleibt grün, er soll aber zu einem «parkartigen Ensemble» gebändigt werden, das die Aussenraumgestaltung des Bosshard-Areals und der Jugendherberge weiterführt, die jenseits der Schleife liegen. Die Vielfalt der Nutzungen, versteckte Nischen und Wildwuchs werden verschwinden. Sie werden Platz machen für Liegeinseln in begrünten Randzonen und Sitzbalken auf baumbestückten Mini-Kiesplätzen, die in der Asphaltwüste aufpoppen. Alles wird sehr übersichtlich sein und sehr schön gemacht, ja perfekt.

Die Rufe nach «Meh Dräck», wie sie etwa von der Erziehungswissenschaftlerin Christina Huber Keiser im Video «Die neue Stadtidee – Zug als Vorreiterin für globalisierte Städte» geäussert wurden, sind bisher offenbar nicht gehört worden. Allerdings plant hier nicht die Stadt, sondern der Kanton. Nicht weniger als (geschätzte) 455 Millionen Franken will er für «Fokus» verbauen – ein Gigaprojekt, wie es im Kantonsrat in der Debatte über den Projektierungskredit hiess. Es gab denn auch Kritiker, die namentlich das geplante Verwaltungszentrum 3 als Prestigebau taxierten. Sie zweifelten an dessen Notwenigkeit und warnten vor der Gefahr, dass der Kanton mit dem Bau zusätzlicher Büros zum Aufblähen einer Immobilienblase beitragen könnte.

Mittlerweile hat der Regierungsrat zurückbuchstabiert: Aufgrund des Entlastungsprogramms muss die Verwaltung künftig mit weniger Personal auskommen – und braucht deshalb auch weniger Büros. Der Regierungsrat will nun nur den ZVB-Stützpunkt und die Rettungszentrale verwirklichen. Die Projektierungsarbeiten für das Verwaltungszentrum 3 wurden gestoppt. Das dafür vorgesehene Teilareal an der General-Guisan-Strasse soll als langfristige Reserve freigehalten werden.

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