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Andreas Grosz

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Eben hatten mein Schulfreund und ich den Spielwarenladen Franz Carl Weber verlassen und uns zu den Leuten gesellt, die an der Haltestelle Steinhof einen der blauen Autobusse der Zugerland Verkehrsbetriebe erwarteten. Ich nahm das letzte Bild des Tages auf. Die Dämmerung hatte eingesetzt, die Verschlusszeit des Fotoapparats musste verlängert werden. So verwackelte ich die Aufnahme, und das erschwert heute die Betrachtung und Deutung der Details.

Könnte es sein, dass sich vor dem VOLG-Laden ein Marronihäuschen befand? Könnte es sein, dass das Kind in der Bildmitte – das Kind mit dem weissen Mantel und der weissen Zipfelmütze – eine Marronitüte in den Händen hielt?

Wahrscheinlich ist es vollkommen unmöglich, in Erfahrung zu bringen, was für einen Gegenstand das Kind in den Händen hielt. Genauso unmöglich dürfte es sein, heute, 43 Jahre später, herauszufinden, was das Geschenkpaket enthielt, das die schreitende Frau im Vordergrund unterm Arm trug.

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Spielwarengeschäft Franz Carl Weber, Bahnhofstrasse 28. Das Gebäude wird Steinhof genannt. Glas, Aluminium und weisse Steinbodenplatten, bei Nässe rutschig.

Seit ich ein Kind war, befindet sich an dieser Stelle dieser Laden. Vielleicht ist das bemerkenswert. Vielleicht ist es auch bemerkenswert, dass heute mehr als 90 weitere Firmen im Steinhof domiziliert sind. Ein Gedränge muss das sein. Ein paar Arztpraxen sind ja auch noch da.

Bei Franz Carl Weber, in diesem Paradies, endete der Spaziergang, der meinen Schulfreund und mich nach Unterrichtsende durch die Stadt geführt hatte.

Unser Mathematiklehrer war ein grosser, schöner, rätselhafter Mann. Ich tat in seinen Lektionen nichts anderes, als seinem Blick auszuweichen. Er hatte sich irgendwann im laufenden Schuljahr den Spass erlaubt, uns mit «Kinder» anzureden. Das hatte uns 14-Jährige heftig empört.

Im Kinderparadies hielt ich mir wieder den Fotoapparat vors Gesicht und machte ein Bild von diesem Kind, das mit Legos spielte. Beide spielten wir: das Kind mit Legos, ich mit dem Fotoapparat.

Zug Steinhof Franz Carl Weber Dezember 1972

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Zug Bahnhofstrasse Dezember 1972

Die Bahnhofstrasse 1972 mit Weihnachtsschmuck. Er bestand aus stilisierten goldenen Schneesternen mit blauen oder roten Kugeln, sofern mein Gedächtnis mich nicht täuscht.

Auf der linken Strassenseite der Anfang der Schmidgasse. Das Modegeschäft Schild erweiterte gerade sein Gebäude: «Umbau/Aufbau».

Wer oder was war Horta?

Auf der rechten Strassenseite das Restaurant Spring mit seinen Kegelbahnen (Bahnhofstrasse 12), das Hotel Pilatus (Nr. 14), die Druckerei Zürcher (Nr. 16), das Fotogeschäft Huwyler, wohin ich ab und zu Filme zum Entwickeln brachte (Nr. 18).

Und die Molkerei im Vordergrund, offenbar die Nr. 10: Wer arbeitete dort? Wer kaufte dort Milch? Wem gehörte sie?

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Mein Vater hatte mir seinen Fotoapparat ausgeliehen, es war eine Spiegelreflex-Kamera mit eingebautem Belichtungsmesser, eine Voigtländer Bessamatic. Sie war damals vielleicht zehn Jahre alt, aber mir kam sie uralt vor. Wollte ich Fotograf werden? Vielleicht. Wollte ich Erinnerungen festhalten? Kaum. Ich durfte einfach fotografieren, das genügte einstweilen. Und ich hatte den Apparat in die Schulmappe zu Büchern und Heften gepackt, in die Schule mitgenommen, nach Unterrichtsende würde ich Gelegenheit haben, ein paar Bilder zu machen, offenbar hatten wir an jenem Tag im Dezember 1972 frühzeitig frei, es war noch hell, es blieb noch ein wenig Zeit, um durch die Stadt zu schlendern und sich bei Franz Carl Weber im Steinhof umzusehen, so richtig vorbei war die Kindheit ja noch nicht. Obwohl. Ja, da war auch die erste, überwältigende Verliebtheit, und das war nicht mehr Kindheit, das war etwas anderes.

1972 war für mich ein modernes Jahr, ein Jahr der Versprechen. So empfand ich es damals, so ist es mir in Erinnerung geblieben. Wegen der Liebe? Vielleicht. Oder wegen der Politik? Aber hatte McGovern, der versprochen hatte, den Vietnam-Krieg zu beenden, hatte er gegen Nixon nicht haushoch verloren, gegen jenen Tricky Dicky, der seinem Spitznamen während des Wahlkampfs wieder einmal alle Ehre gemacht hatte (was aber erst später herausgekommen ist)?

1972 also, Dezember 1972. Hochnebel, graue Vorweihnachtszeit, kein Schnee.

Zug Cafeteria Plaza Dezember 1972

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Zug Hirschenplatz Dezember 1972

Das Foto habe ich vor vielen Jahren während eines Spaziergangs in Zug aufgenommen. Er führte vom Schulhaus Athene zum Spielwarengeschäft Franz Carl Weber.

Als ich ihr das Foto zeige, sagt die junge Frau im Fotogeschäft an der Ecke Ägeristrasse–Zeughausgasse: «Ich weiss, wo das ist. Dort werden auch heute noch Weihnachtsbäume verkauft». Und bei ihr, in diesem Laden, gibt es heute noch Filme zu kaufen, Fotopapiere, Fotochemikalien.

Vor ein paar Wochen habe ich ihr zwei Filme zum Entwickeln gebracht, zwei Kodak Tri X, und hole sie nun ab. Mit einem Kodak Tri X fotografierte ich auch damals, auf jenem Spaziergang vom Schulhaus Athene zum Spielwarengeschäft Franz Carl Weber.

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