„de Hirschi“

Auf die lange Tradition des Ausrufers haben bereits vor fast genau vier Jahren Remo Hegglin und Michael Elsener mit ihrem Projekt „Fünf vor Zwölf – Jetzt spricht der Zytturm“ wieder aufmerksam gemacht.
Turmwache und Zeitansage wurden früher noch vom Wärterstübli des Turms aus gemacht, der Ausrufer begab sich im Verlauf der Zeit aber auf die Strassen Zugs und wurde mobil. Bemerkenswert ist, dass Zugs letzter Ausrufer Alfred Hirschi, bekannt als „de Hirschi“, bis in die 1950er Jahre noch als Ausrufer gewirkt hat, während in den meisten Städten Europas dieser Beruf ab Ende des 19. Jh. abgeschafft wurde. Murray Schaefer, auf dessen Buch „The Soundscape“ (1994) ich mich hier immer wieder beziehe, schreibt, dass ab 1960 Istanbul die einzige europäische Stadt sei, in der man noch regelmässig Ausrufer hören konnte.

Im Zuger Kalender von 1958 wurde Alfred Hirschi mit folgendem Nachruf verewigt (S. 84 f.):

„Er ist 72 Jahre alt gewesen, der Hirschi, als er am 2. Dezember 1956 starb. Für einen so eifrigen Propagandisten des Vereins für Volksgesundheit und einen so überzeugten Anhänger der leguminösen Kost und der offenen Sandalen und offenen Hemdbrüste ist das nun zwar kein hohes Alter. Für einen so voluminösen alten Herrn aber, der von derart vielen Rippen- und weiss nicht was für -brüchen zu erzählen wusste, sind 72 Jahre immerhin wieder eine respektable Leistung.
Wir wollen wetten: der Hirschi wäre nie in den Kalender gekommen, wenn er nicht Stadtausrufer – und was für einer! – gewesen wäre. Denn das am 29. Mai 1884 angehobene Leben des einfachen Landberners, der 1918 nach Zug gekommen war, und der hier noch mit dem gelben Postwagen die Tour zwischen Bahnhof und Postgebäude gemächlich und, wie man erzählte, oft mit traumwandlerischer Sicherheit oder gar Verschlafenheit gefahren ist, hätte im gemütlichen und unauffälligen Pensionistenzustand still und zuversichtlich sein Ende gefunden, wenn eben nicht …

Aber da starb eines Tages der bärtige, in sich gekehrte Stadtausrufer Binzegger, von dem man auch nichts Auffälliges zu erzählen wusste, als dass er einmal in aller Herzenseinfalt einen neu angelaufenen Film folgendermassen ankündigte: «Gern hab‘ ich die Frauen geküsst» – heute abend acht Uhr im Grand Cinema Zug». Und wie gesagt ist er bald darauf dennoch gestorben. Da meldete sich Alfred Hirschi für das Amt des schellenschwingenden Stadtherolds, und er wurde auf den ersten Anhieb hin gewählt. Es ist nicht erwiesen, ob die Stadtväter sich vom wohldimensionierten Bauch des Hirschi, auf dem sich die umgehängten Plakate wie auf einer Litfaßsäule ausnahmen, bestimmen liessen oder durch die dröhnende Stimme, die alles hergab, ohne dabei das Geheimnis der übertragenen Botschaft zu verraten. Doch damit haben wir schon mitten in die besondere Kunst des Hirschi hineingezielt. Es gab Leute, die ihm, wenn er ausrief, an drei und vier solche Stationen hin folgten und dann fest und steif behaupteten, sie hätten ihn nun verstanden: bei Simon gebe es frische Aprikosen, indes andere mehr dazu neigten, er hätte einen Fussballmatch ausgerufen. Item, gerade dieses Rätselraten machte die Botschaft zu jenem geheimnisvollen Etwas, das wir von der Diplomatensprache her kennen, und von der es heisst, dass sie die Worte gebrauche, um den Sinn zu verschleiern. Die Gassenbuben probierten oft, diese Kunst nachzuahmen. Sie kamen aber nur bis zum ersten Teil, denn kaum hatten sie, schnöde Anfänger der hohen Kunst, ein kehliges: «Heuie aabend auf dem Sportplatz Allmend groosses Hoowoowäau..» gerufen, schützte der Hirschi sein Patent durch einige energische Interventionen. Mit einem Wort: niemand ist ihm hierin ganz gewachsen gewesen. Es gibt Dinge, die einmalig sind und bleiben. Hirschis Botschaften waren solch ein Ding. Und wir können ihm, wie vielen hohen Geheimnisträgern der Menschheitsgeschichte, nachsagen, er habe so manches Geheimnis mit ins Grab genommen. Just dieser mystische Klang seiner Botschaften, diese packende Mehrdeutigkeit seiner Promulgationen, dieser Dadaismus seiner gutturalen Sänge auf unseren Strassen und Plätzen haben den Hirschi zu einem Original, zu einem geliebten Original unserer Stadt gemacht. Das war sein Knalleffekt, dem sich aber noch ein paar kleinere Effekte zugesellten, die ihn nicht weniger liebenswert machten. Je nach der Botschaft hatte er z.B. einen seiner drei Hüte zum Ausrufen mitgenommen: eine alten, pyramidenhoch gestossenen Panama, einen Zylinderhut oder eine blaue Amtsmütze. Daran erkannte man in gewissem Sinne die Wertstufe deiner Meldungen: für geschäftliche den Panama, für Bälle den Zylinderhut und für Sport- und Musikanlässe die Amtsmütze.
Einmal – es war brütender Sommerabend – da kam er mit seinem kleinen Fraueli vom Bahnhof, auch mit dem Zylinder. Er war im Bernbiet an einer Leiche oder an einer Hochzeit gewesen. So trug er auch einen Gehrock und ein blütenweisses Hemd. Aber jetzt in der Hitze war der Kragen offen und die Krawatte bambelte zu beiden Seiten herunter und das offene Hemd liess die nackte Brust sich dem Abendwinde entgegenwölben. Es schlug ein gemütlich gutes Herz in dieser mächtigen Brust unter dem walmenden Doppelkinn. Dieses Landbernerherz liebte die Vögelchen und was sonst da keucht und fleucht, mit franziskanischer Gemütstiefe. Mit einem selbstgezimmerten Wägelchen brachte er Gras zum Rehgarten am See. Und für die bunten Sänger und Kräher in der Volière ergriff er sogar den Bettelstab. Dieser war eine Metallschiene, die vom Gitter der Volière schräg zu einem Kässeli hinlieg und Batzen für die Tierchen von den Besuchern draussen am Drahtgitter hinleitete. Sogar in die Presse ging er für die Vögel. Dann schrieb er ein Gedicht, das den Sinn für Gottes fröhliche Singerlein wecken sollte. Die Redaktionen sonderten dann die Trochäen von den Jamben, und so wurde die eingesandte Hirschiade druckfähig. Den Feierabend aber verbrachte dieser Naturfreund wie ein Klausner daheim, wo er sich in sein salva venia Gartenhäuschen an der Schanzstiegenmauer zwängte und inmitten seiner Gipszwerge und der an ein winziges Tischlein gestellten Nippesfigürchen sein Schloss Miramar träumte, wie es an der ganzen dalmatischen Küste kein herrlicheres geben kann. Denn unser Hirschi war im Sternzeichen der Zwillinge geboren, und diese Leute haben eine Traumseele und heimliche Flügel, mit denen sie ungesehen zur blauen Blume fliegen, wann nur immer sie wollen. Hie und da aber schrieb er für Kunden aus alten Heften Rezepte aus mancherlei Gebresten. Er kannte ja jede Waldwurz und ihre geheimen Kräfte, wusste um des Baldrians sänftigende Wirkung und deutete des Tausendgüldenkrauts fieberstillende Wunderkraft.
Einmal aber, wie es in jedem Menschenleben so ist, ward kein Kräutlein mehr gefunden, das den Philosophen von der Schanz vor dem Sensemann bewahrt hätte. Der Hirschi legte sich hin, starb und liess sein Gartenhäuslein verwaist. Vielleicht, wer weiss, ist er im Himmel wieder beamteter Ausrufer geworden. Dort verstehen sie alle Sprachen, auch die Hirschisprache. Und zwei Vöglein, auf jeder Schulter eins, werden ihn begleiten und eins wird auf der Spitze seines himmlischen Panamahutes sitzen, ein ganz blaugrünrotbuntes, und dem heiligen Franz entgegensingen: «Da kommt Dein Bruder Alfred Hirschi, heiliger Franz, ein Narr wie Du des fröhlichen Herzens, einer, der Deinen Sonnengesang mitgesungen hat: Ihr Vöglein der grünen Au und ihr Schnäbler im Haag, lobet den Herrn!»“

Ausrufer waren zu früheren Zeiten wichtig, um amtliche Mitteilungen der Bevölkerung zugänglich zu machen. Peter Hoppe schreibt in der „Personalziitig“ Ausgabe 33/05, S.24 darüber:

„Wie konnte man in einer Epoche, in der es noch keine Zeitungen gab, amtliche Informationen, die alle kennen mussten, überhaupt publik machen? Das nebenstehende Sittenmandat vom 20. November 1741 zeigt die modernere Möglichkeit: Ein Ein-Blatt-Druck, der einzig für die Veröffentlichung dieses Mandats hergestellt worden war, konnte an geeigneten Orten im ganzen Kanton angeschlagen, also öffentlich ausgehängt werden. […] Sie verbot das gotteslästerliche Fluchen, die Sonntagsentheiligung durch Tanzen («eine zur Sünd gefährliche Gelegenheit»), Spielen, Jagen und Marktbesuche, die ärgerlichen Nachtruhestörungen und das Zechen auf Kredit und hoffte so, den Zorn Gottes zu besänftigen.
In einer Gesellschaft, die nur teilweise des Lesens mächtig war, genügte diese Art des Publizierens allerdings nicht. Sowohl solche gedruckten Mandate wie auch alle anderen amtlichen Bekanntmachungen mussten mündlich verkündet werden: am bequemsten von der Kanzel herab, weil die damalige rein katholische Bevölkerung ja zum Gottesdienstbesuch verpflichtet war. Diese ursprüngliche, mündliche Methode der Veröffentlichung hat im übrigen noch jahrhundertelang nachgewirkt. Der oben abgebildete Alfred Hirschi (1884–1956), besser bekannt als «de Hirschi», hat noch in den 1950er Jahren als letzter Stadtzuger Ausrufer gewirkt und schellenschwingend und mit dröhnender Stimme die Leute auf bevorstehende Anlässe aufmerksam gemacht.“

Dass Alfred Hirschi vielen Zugern eine bleibende Erinnerung ist, zeigt auch die Erwähnung von Dr. Ueli Ess in der Einführung des Buches „Grossvaters Zug“ (1979) wo er schreibt:

„Es gab ja auch damals Lärm, aber er war anders. Es war der Lärm des ZBB-Trams, das in den Kurven quietschte, als ob es sich nicht aus der einmal eingeschlagenen Richtung zwingen lassen wolle. Oder die Glocke des Ausrufers, der zur Mittagszeit auf dem Kolinplatz in seiner unvergeßlichen Art die nächsten Veranstaltungen anpries. Sein «Heute Aabend – im Kaasino» tönt mir noch in den Ohren.“

Dabei ist es schon erstaunlich, dass diese alte Methode bis zur Mitte des 20. Jh. fortgeführt wurde. Denn trotz Glocke und „dröhnender Stimme“ ist spätestens seit der Einführung des Automobils als stark geräuschemittierendes Objekt innerhalb der Stadt eine „akustische Konkurrenz“ aufgetaucht, während andererseits die amtlichen Mitteilungen und Anlässe im Amtsblatt, das es seit 1858 gibt, publiziert werden und die Lesefähigkeit der Bevölkerung kein Grund mehr gewesen sein kann. Ein möglicher Umstand war wohl die kleine Grösse der Kantonshauptstadt, deren Verkehrslärm sich sehr in Grenzen gehalten hatte, da es nicht viele Autos gab und die Tram nur in grossen Zeitabständen verkehrten. Ausserdem haben sich Alfred Hirschis Ankündigungen ja nicht nur auf den Kolinplatz beschränkt, sondern er ging von Ort zu Ort um seine Nachrichten zu verkünden.
Vielerorts auf der Welt wurde der Beruf des Ausrufers im Rahmen der Einführung ruhestörender Gesetze aufgehoben, in Tat und Wahrheit kamen sie aber immer weniger gegen die aufkommende industrielle urbane Klanglandschaft an und wurden immer mehr durch Medien wie Radio (Radio Beromünster ab 1931) und Television (ab 1953 sendete das Schweizer Fernsehen versuchsweise ein einstündiges Programm), die in den eigenen vier Wänden konsumiert werden konnten, ersetzt, was den Beruf schliesslich sinnlos werden lies.

Zu den Tonaufnahmen möchte ich erneut hinweisen, dass

  • es von Vorteil wäre, alle Tonaufnahmen in meinen Beiträgen wenn immer möglich mit Kopfhörern anzuhören, da die räumlichen und klanglichen Informationen in diesem Fall über Kopfhörer viel präziser und damit aussagekräftiger gehört werden
  • alle Tonaufnahmen an Werktagen im engen Zeitraum zwischen ca. 14.00 und 15.30 Uhr gemacht wurden und eine Länge von ungefähr 5′ haben (Start- und Endpunkt sind zufällig gewählt, dazwischen gibt es keine Schnitte)
  • die Aufnahmen in unbearbeiteter Form vorliegen (keine Dynamik- oder Frequenzbearbeitung)
  • die Aufnahmen von der Lautstärke alle zueinander in Relation stehen und somit untereinander verglichen werden können, aber keine Aussage zum tatsächlichen Schalldruckpegel gemacht werden kann

Audio: Kolinplatz

Die Aufnahme wurde direkt neben dem Brunnen (rechts gut zu hören) gemacht, mit Blick auf das Zollhaus.
Es ist eine der lautesten Aufnahmen aus den bisherigen Beiträgen. Neben der für Zug erstaunlich grossen Verkehrsdichte hört man auch gut, wie heutzutage die Flugzeuge [4:48] zum konstanten Grundrauschen beitragen. Vor allem der Verkehr führt zu einer konstanten Geräuschkulisse, die das gesamte Klangspektrum, von tiefen Bässen bis hohem Quietschen, abdeckt. Diese Geräuschkulisse maskiert sehr viele Feinheiten, so wird Sprache auch aus nächster Umgebung [1:36 oder 4:12] nahezu unverständlich. Die Häuser, die zu allen Seiten recht eng stehen, verstärken durch Reflexionen dieses Rauschen wahrscheinlich noch.
An öffentlichen Plätzen mit Strassendurchgang hätte auch ein Hirschi heute keine Chance mehr, Gehör zu erlangen, trotz Schellen und Panamahut. Auf heutzutage eher ruhigen Plätzen wie dem Landsgemeindeplatz, dem Bahnhofsplatz oder in den Badeanstalten, wo er damals auch schon ausrief, schon eher. Allerdings sind diese Orte, mit Ausnahme der Bäder im Sommer oder während Markttagen, auch nicht sehr frequent besucht, das geschäftige Leben spielt sich zum grössten Teil auf der Strasse oder in den Büros oder auf Baustellen ab und dort wo hektisches Treiben herrscht, ist es meistens auch laut.

Audio: Siehbach

Auf der Bank bei der Aussendusche fing ich quasi „die Kontraaufnahme“ zum Kolinplatz ein. Man hört Geräusche über grosse Distanz äusserst klar bzw. kann sie klar auseinanderhalten: Flugzeug, Kirchenglocken, an die Masten schlagende Seile, Vögel und Wasservögel, Gespräch im Hintergrund.
Von recht nah hört man Vögel/Enten und Wasser. Ganz im Hintergrund wieder unser mittlerweile altbekanntes Rauschen, das hauptsächlich von Autos und Baulärm getragen wird.
Obwohl das Gespräch auf der Aufnahme in meinem Rücken, etwa 20-30 Meter entfernt, stattfindet, kann man teilweise Auszüge aus der Konversation verstehen. Hätte das Gespräch auf dem Kolinplatz in ähnlicher Entfernung stattgefunden, hätte man wahrscheinlich nicht mal die Stimmen gehört.
Die äusserst klare Qualität der Klänge aus der Distanz hängen auch damit zusammen, dass das Männerbad recht frei steht. Es gibt zwar die eine Holzwand, die es von dem Fussweg abgrenzt, aber ansonsten gibt es keine groben Hindernisse für den Klang. Somit kann er ziemlich ungehindert über grosse Distanzen wandern. Da er auch nicht gross reflektiert wird, gibt es kaum Überlagerungen oder Echos, so dass unsere Wahrnehmung keine Mühe hat, das Gehörte auseinanderzuhalten und zuzuordnen.
Die Aufnahme ist ausserdem eine der ruhigsten, die ich in Zug gemacht habe. Persönlich finde ich sie sehr beruhigend. So beruhigend, dass ich auf der Bank ziemlich schnell eingedöst bin.

1 Kommentar
  1. Ich finde den Text sehr schön geschrieben und es hat Spass gemacht diesen zu lesen. Gibt es denn auch Bilder zum Text? Besonders der Postwagen würde mich interessieren =)

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