Freudenschiessen & akustische Mitteilungen

Im Einzugsgebiet der Nachbarschaft Lüssi aufgewachsen, kenne ich den Klang der Böllerschüsse durch die jeweils im September stattfindende Loreto Chilbi sehr gut. Dieser Brauch der Ankündigung hat sich bis heute gehalten.
Zu einer Zeit, in der es noch keine Telegrafen, geschweige denn Telefone, Radio, oder gar Internet gab, waren neben den berittenen Boten über weite Strecken gut hör- oder sehbare Signale wichtige Kommunikationsmittel. Ein Nachteil visueller Kommunikation ist, dass sie zu Tag und Nacht nicht immer in gleicher Form entschlüsselbar ist. Dazu kommen Hindernisse wie Nebel oder Regen. Ein entscheidender Vorteil der akustischen Signale ist die Möglichkeit, auch bei eingeschränkter Sicht mehrere Personen gleichzeitig zu erreichen. So ist zum Beispiel die Glocke, die jede Viertelstunde schlägt, für mehr Leute wahrnehmbar, als das Ziffernblatt der Turmuhr.
Böllerschüsse haben traditionellerweise aber weniger mit dem Übermitteln wichtiger Informationen zu tun, sondern viel mehr mit der Ankündigung einer festlichen Begebenheit. Urspeter Schelbert schreibt dazu in folgendem Artikel aus der „Personalziitig“ Ausgabe 59/04 auf S. 18 f.:

„Das Salut-Schiessen oder Ehrenschiessen hat Tradition. Noch heute sind Ehrensalven üblich bei hohen staatlichen Empfängen, aber auch bei Beerdigungszeremonien sehr berühmter Persönlichkeiten der Öffentlichkeit. Im Kanton Zug wie andernorts war es ebenfalls Brauch, dass bei ausserordentlichen öffentlichen Anlässen mit Kanonen oder Mörsern ehrenhalber geschossen wurde.
[…]
Auch bei besonderen Ereignissen wurde oft auch spontan und aus Freude geböllert. Als am 18. Dezember 1910 das Zuger Stimmvolk die Vorlage über die Finanzierung der Elektrischen Strassenbahnen annahm, feierte man in den Berggemeinden das erfreuliche Abstimmungsergebnis mit Musik und Freudenschiessen.
In einer volkskundlichen Umfrage zu Beginn der 1930er Jahre wird aus dem Ägerital berichtet, dass Freudenschiessen aus Anlass einer Heirat oder einer Taufe einer «Dorfgrösse» beliebt waren. Am Morgen in der Frühe machten Freunde mit einem Freudenschiessen einen Mordslärm, «meistens mit Schusswaffen oder dann wurden Holzstöcke mit Pulver geladen und gesprengt». Vor allem «Tätschen» musste es. Die Geehrten zeigten sich meist im Nachhinein bei den heimlichen Schützen erkenntlich.

Schwere Unfälle
Das Hantieren mit Kanonen und Mörsern und noch viel mehr das Sprengen von Holzstöcken ist nicht jedermanns Sache. Es kam deshalb bei Freudenschiessen immer wieder zu schweren Unfällen. […] Die Regierung des neuen Kantons Zug beschäftigte sich schon wenige Jahre nach seiner Konstituierung zu Beginn des 19. Jahrhunderts besorgt mit dem Freudenschiessen. In der «Verordnung gegen das nächtliche Schiessen und Gesträuchehaufen-Anzünden…, vom 26. Hornung 1823» wird allerdings noch vor allem wegen der Gefahr von Brandkatastrophen das nächtliche Schiessen als Unfug bezeichnet und verordnet : «Alles Schiessen nach dem Läuten der Betglocke des Abends bis zum Läuten der Betglocke des Morgens, sowohl bei Festen, Hochzeiten, als auch anderen Anlässen, ist neuer Dingen durchaus untersagt und verboten.» Das Verbot hatte nur mässigen Erfolg und konnte kaum durchgesetzt werden. 1851 erliess der Regierungsrat erneut eine Verordnung, die sich ausdrücklich und ausschliesslich «gegen den Missbrauch des sogenannten Freudenschiessens» wandte. In der Begründung wiesen die Behörden auf ältere und neuere Vorkommnisse hin, die gezeigt haben, «wie bei den sogenannten Freudenschiessen an Hochzeiten und andern dergleichen Anlässen Unglücksfälle sich ereignet haben, wodurch Menschenleben gefährdet und einzelne durch Zerstümmelung ihren Verwandten und Heimatgemeinden zur Last gefallen, daher es dringende Nothwendigkeit wird, diesem unheilbringenden Missbrauch Schranken zu setzen». Der Regierungsrat hatte auch moralische Bedenken und sah darin eine sinnlose Geldverschwendung : Es «werden bei solchen Anlässen grosse Summen ohne Zweck verschleudert, welche an Armenanstalten und andere wohltätige Institute mit bestem Erfolg zum Wohl der Mitmenschen angewendet werden könnten».

Verbote und Bussen
Die Regierung wollte vor allem das unkontrollierte, private Freudenschiessen bei «Hochzeiten, Taufen, Wahlen, Primizen und dergleichen» verbieten, nicht aber die offiziellen Freudenschiessen. In einem Abschnitt wird ausdrücklich festgehalten, dass für die Freudenschiessen bei kirchlichen Festtagen sowie eidgenössischen, kantonalen und anderen durch die Gemeinderäte empfohlenen Anlässen und Festlichkeiten bei der Regierung eine Ausnahmebewilligung eingeholt werden könne. Diese Verordnung wurde anfänglich ziemlich strikt umgesetzt. Zahlreich sind die Gesuche für offizielle Schiessen und mindestens ebenso zahlreich aber auch Verzeigungen und Untersuchungen wegen unerlaubtem Freudenschiessen. Trotz Verboten und Bussen wurde die Bevölkerung vor allem an ausgewählten Heiratstagen immer wieder von frühmorgendlichem Geknalle geweckt. Besonders gefährlich war es, wenn statt mit Mörsern oder Kanonen durch das Sprengen von Baumstrünken «geschossen» wurde. Die Freudenschützen versuchten, sich anschliessend möglichst unerkannt aus dem Staub zu machen, und verwischten ihre Spuren. Dies erschwerte die Arbeit der Polizei, die jeweils die «Schützen» zu ermitteln hatte.

Bewilligung und Ausnahmefällen
Der Brauch des «bewilligten» Mörserschiessens an kirchlichen und weltlichen Festen ist bis vor wenigen Jahrzehnten in den Zuger Gemeinden weit verbreitet gewesen. […]. Auch heute noch kann das Freudenschiessen in Ausnahmenfällen bewilligt werden, allerdings ist die Regelung des Freudenschiessens jetzt in einer technischen Gesetzgebung versteckt: kantonale Vollziehungsverordnung zum Bundesgesetz über explosionsgefährliche Stoffe vom 22. Dezember 1981. Auch die Sprache hat sich gewandelt. Das Wort Freudenschiessen kommt nicht mehr vor. Es wird umschrieben mit «Verwendung von Schiesspulver für historische Anlässe und ähnliche Bräuche». Und die Bedingungen sind auch detailliert beschrieben: Der Gesuchsteller hat den Nachweis zu erbringen, dass die Verantwortlichen über die entsprechenden Fachkenntnisse verfügen und dass eine Unfallversicherung besteht. Die Bewilligung erteilt die Sicherheitsdirektion auf Antrag des Polizeikommandos, nachdem dieses die zuständige Gemeindebehörde angehört hat. Das geregelte und verantwortlich durchgeführte Freudenschiessen wird wohl, weil es als Ehrenbrauch empfunden wird, weiterleben. «Chlapf, Chlapf, Chlapf…». „

Gesetze sind eine sehr gute Quelle, um Hinweise über Klang und Geräusch vor der Zeit der Aufnahmetechnik zu erhalten. Sie geben einen guten Einblick in die Lärmentwicklung einer Stadt. Neben den Gesetzen, die direkt mit der Lärmverordnung zu tun haben, gibt es auch solche, die indirekte Schlüsse auf den Lärm zulassen. Wie wir aus Urspeter Schelberts Artikel entnehmen, und wie wir es ja auch von der Geschichte des Zuger Alpli her kennen, hat die Betglocke Abends die Schliessung der Stadttore der Stadt Zug angekündigt. 1835 wurde der allabendliche Torschluss aufgehoben, was zu der Annahme veranlasst, dass ab diesem Zeitpunkt auch Abends zwischen Stadt und Umland verkehrt wurde. Die Inbetriebnahme der ersten Stadtlaternen 1866 wird den Tagesbetrieb, oder „die ärgerlichen Nachtruhestörungen“, die schon 1741 erwähnt wurden (in Peter Hoppes Artikel im letzten Beitrag), zusätzlich verlängert und verstärkt haben.

In der Stadt Zug gilt aktuell das Lärmreglement vom 18. Januar 1972. In diesem Reglement über die Lärmbekämpfung wird unter §1 zunächst der Begriff „Lärm“ als „akustische Einwirkung […], welche geeignet ist, die Gesundheit, die Leistungsfähigkeit oder das Wohlbefinden des Menschen zu beeinträchtigen“ definiert. Interessant sind dabei auch die Gesetzzusätze, die mit der Entwicklung im Verlauf des 20. Jahrhunderts entstanden sind, so werden in §5 explizit akustische Signalgeräte aufgelistet, nämlich Sirenen, Lautsprecher, Rufanlagen und Verstärkeranlagen. Eine Besonderheit findet sich in §6 zum Abschnitt „Lärmige Haus- und Gartenarbeiten“: „Lärmige Arbeiten, wie Rasenmähen, Teppichklopfen usw. Sind auf die Zeit von 08.00 Uhr bis 12.00 Uhr und von 13.30 Uhr bis 20.00 Uhr zu beschränken“. Laut Murray Schaefer (The Soundscape, S.198) gibt es Gesetze die das Teppichklopfen regulieren ausschliesslich in deutschsprachigen Ländern. Weitere neuzeitliche Bestimmungen findet man in §4, §7, §9, §11 und §12, wo es um Baulärm, die Benutzung von Radios, Fernseh- und Tonbandgeräte und um die Verwendung von Modellflugzeuge und Modellautomobile, sowie um den Lärm von Motorfahrzeugen und Motorbooten geht.

Das komplette Reglement findet man unter diesem Link:
http://www.stadtzug.ch/dl.php/de/45c060420c02a/R503.pdf
Die Hälfte der Paragraphen beschäftigt sich mit „modernem“ Lärm des 20. Jahrhunderts, die andere Hälfte mit juristischen Punkten.

Zu den Tonaufnahmen möchte ich erneut hinweisen, dass

  • es von Vorteil wäre, alle Tonaufnahmen in meinen Beiträgen wenn immer möglich mit Kopfhörern anzuhören, da die räumlichen und klanglichen Informationen in diesem Fall über Kopfhörer viel präziser und damit aussagekräftiger gehört werden
  • alle Tonaufnahmen an Werktagen im engen Zeitraum zwischen ca. 14.00 und 15.30 Uhr gemacht wurden und eine Länge von ungefähr 5′ haben (Start- und Endpunkt sind zufällig gewählt, dazwischen gibt es keine Schnitte)
  • die Aufnahmen in unbearbeiteter Form vorliegen (keine Dynamik- oder Frequenzbearbeitung)
  • die Aufnahmen von der Lautstärke alle zueinander in Relation stehen und somit untereinander verglichen werden können, aber keine Aussage zum tatsächlichen Schalldruckpegel gemacht werden kann

 

Audio: Metalli Zug


Diese Aufnahme habe ich im Einkaufszentrum Metalli, auf dem Platz vor der Migros, gemacht. Zuerst hört man nur sporadisch, ab 2:30 aber in Form des Presslufthammers ganz deutlich von den Baulärm von aussen, denselben, den man auch schon auf der Bahnhofsplatzaufnahme des ersten Beitrags im Hintergrund hört.

Wie im Beitrag über „de Hirschi“ bereits hingewiesen, war ein Grund für den Beruf des Ausrufers die mangelnde Kenntnis in Lesen und Schreiben der Bevölkerung. Für weitläufige Gemeinden und wichtige Nachrichten, die das gesamte Volk des Kantons erreichen sollten, mussten früher aber andere Lösungen gefunden werden. Über lange Zeit war die Lösung der sogenannte Kirchenruf, der durch den Pflichtgottesdienst die Bevölkerung Flächendeckend informieren konnte.
Der Artikel von Peter Hoppe aus der „Personalziitig“ (Ausgabe 16-00, S. 22 f.), erzählt dazu sehr spannend Folgendes:

„1432 heisst es, ein in Abwesenheit wegen Totschlags verurteilter Hünenberger sei in den Pfarrkirchen von Zug, Baar und Ägeri für das ganze Gebiet von Stadt und Amt Zug verrufen worden. Die thematische Vielfalt der Kirchenrufe – in den Kirchen ausgerufen wurden sie übrigens von den Weibeln und Untervögten – war beinahe unerschöpflich. Es wurde gemahnt, keine Hunde in den Gottesdienst mitzunehmen. Während des Gottesdienstes dürfe in den Wirtshäusern nicht gekegelt werden. Frei gewordene geistliche Stellen und obrigkeitliche Dienste wurden zur Bewerbung ausgerufen. Vorladungen, Schuldenrufe, Erbenaufrufe, Abrufe von Wegrechten. Verbote aller Art: in den Häusern zu waschen (wegen der Feuergefahr), die öffentlichen Brunnen zu verunreinigen, Holz zu freveln, Unrat aus den Gärten auf die Gassen zu schütten, Fische zu exportieren. Das Hausieren wurde untersagt, die Viehzeichnung für den Auftrieb auf die Allmenden angekündigt. Man verbot den Schwyzern, in den zugerischen Vogteien Lumpen aufzukaufen. Und immer und immer wieder gab es Kirchenrufe gegen die nächtlichen Ruhestörungen durch brauchtümliches Trommeln, Jauchzen, Lärmen und Tumultuieren.

Die Botschaften der Glocken
Neben solchen mündlichen Verlautbarungen existierte ein einfaches, flächendeckendes und schnelles Kommunikationsmittel, das allerdings nur eine begrenzte Reichweite hatte: die Kirchenglocken. Ihr Geläute strukturierte den Tageslauf. Die Totenglocke verkündete, dass jemand gestorben war. Und mit dem Sturmläuten wurde bei drohender Gefahr alarmiert. Die Anzahl der möglichen Botschaften, die sich durch das Läuten der Glocken übermitteln liessen, war natürlich sehr eingeschränkt, weil die Leute ganz genau wissen mussten, was das einzelne Glockenzeichen bedeutete – ein Problem, das wir auch bei heutigen Sirenenalarmen kennen. 1769 zum Beispiel wurden die Sigristen in der Stadt und auf dem Lande aufgefordert, beim Sturmläuten eine Glocke nach der andern und nicht alle miteinander zu läuten. Bei Feuer- oder Wassernot hingegen sollte künftig das Sturmzeichen mit Kanonenschüssen gegeben werden, und zwar bei Not in der Stadt Zug mit drei, bei Not innerhalb des Gemeindegebiets der Stadt Zug mit zwei Schüssen und bei Not ausserhalb des Zuger Gemeindegebiets mit einem Schuss. Überdies sollten die Sigristen beim Sturmläuten nur klenken, also die Glocken nur anschlagen.
Für die Übermittlung von amtlichen Botschaften beschäftigte die Stadt Zug zwei obrigkeitliche Läufer. Daneben gab es quasi halbamtliche Boten, die den Brief- und Paketverkehr auf einer ganz bestimmten Strecke gewährleisteten. Sie wurden von der Obrigkeit bestätigt, mussten eine Bürgschaft leisten und durften dafür Botenschilde in den Zuger Standesfarben mit sich führen. Von Zug aus verkehrten im 18. Jahrhundert namentlich der Luzerner, der Zürcher und der Solothurner Bote.

Zug nutzte schon früh die Zeitung
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts begannen sich zaghaft erste Möglichkeiten abzuzeichnen, welche das neue Medium Zeitung der amtlichen Kommunikation bieten konnte. Der Stadtrat von Zug zeigte sich gegenüber diesem neuen Kommunikationsmittel sehr aufgeschlossen. Am 31. August 1782 beschloss er, die Vermögensmittel des seit mehr als 40 Jahren verschollenen Karl Werder könnten den Ansprechern jetzt herausgegeben werden. Zuvor aber müsse in der Zeitung eine peremptorische Zitation publiziert werden, welche den Verschollenen oder seine allfälligen Erben aufforderte, sich innert sechs Monaten zu melden. Ähnliche Beschlüsse im Zusammenhang mit Verschollenheitserklärungen wurden 1789 und 1792 gefasst. Im Beschluss von 1789 wurde auch ausdrücklich gesagt, in welcher Zeitung der Aufruf, sich zu melden, publiziert werden sollte: Es war die im protestantischen Zürich herausgegebene Zürcher Zeitung – die heutige NZZ, deren erste Ausgabe 1779 erschienen war.“

Lärm durch „Brauchtum“ und nächtliche Ruhestörung „belästigt“ uns also sogar schon seit mehreren hundert Jahren. Man kann aber sagen, dass der Geräuschpegel im Verlaufe der Jahre generell zunimmt. Trotzdem, obwohl die Gesetze diese Tendenz untermauern, sind Lämschutzverordnungen aufgrund von gesundheitlichen Gründen erst in den letzten Jahrzehnten in den Fokus gerückt. Es scheint, als ob wir uns relativ gut an die uns umgebende Geräuschkulisse anpassen können. Und Lärm scheint nicht immer gleich wahrgenommen zu werden und viele Geräusche blenden wir heutzutage im Alltag schlicht aus (aktiv oder passiv). In den letzten Jahren wurde auch immer wieder diskutiert, ob Sirenen von Häusern, Polizei und Ambulanzen nicht zu leise seien, da sie von den Menschen nicht mehr als Warnsignale wahrgenommen werden. Kein Wunder also haben Kanonendonner, Ausrufer, und je länger desto mehr auch die Kirchenglocken, nur noch eine traditionelle Funktion.

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