Gartenstadt

– Inventar des Dazwischen

Die Zuger Schleife sticht ins Auge: Zusammen mit den SBB-Gleisen umrahmt sie das Gebiet westlich des Bahnhofs in Form eines seitenverkehrten Q und lässt es auf Stadtplänen, Landkarten und Satellitenbildern deutlich hervortreten. Jedenfalls tat sie das bis vor Kurzem. Heute ist die markante Struktur in Auflösung begriffen.

Auch das von ihr umfasste Gebiet befindet sich im Wandel: Die heterogen besetzte Randzone, die jahrzehntelang durch die Entwicklung von Landis&Gyr geprägt war, wird zu einem kompakten Stadtquartier umgebaut. Noch sind Bruchlinien sichtbar. Eine Spurensuche entlang von dem, was bald nicht mehr oder noch nicht ist – und eine Bestandesaufnahme.


Gartenstadt

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«Stadt Zug Gartenstadt» tippe ich in die Google-Suchzeile ein. Ich will mich über die historische Arbeitersiedlung schlau machen, deren hinterste Häuser an den alten Bahndamm angrenzen. Bei einigen Häusern habe ich Lücken in den Hecken zum Damm entdeckt. Sie verbinden die Liegenschaften mit Pflanzplätzen, die ihre Bewohner im schmalen Streifen am Fuss des Damms angelegt haben. Andere führen zu Trampelpfaden über den Damm. Die Szenerie entlang des langen, graden Stücks der ehemaligen Wendeschleife, das sich Richtung See erstreckt, hat etwas Verträumtes.

Ich klicke auf die Lupe. Statt Infos zur Geschichte zu liefern, katapultieren mich die Suchergebnisse mitten hinein ins Hier und Jetzt des sich wandelnden Quartiers:

Gartenstadt Zug – Urbanes Wohnen – Mietwohnungen: Standort
www.gartenstadtzug.ch

Gartenstadt Zug – wohnen und arbeiten an der Nordstrasse 1/3/5. Mitten in Zug, umgeben von einer attraktiven Gartenanlage, entstehen 32 Mietwohnungen (2 …

Gartenstadt 2, Zug: Private Bauherrschaft realisiert komfortablen …
www.gartenstadt2.ch

Mit dem MFH Gartenstadt 2 entstehen 16 Mietwohnungen im Zentrum der Stadt Zug, in attraktivem Klinkergebäude. Das vielseitige Angebot umfasst 2 1⁄2 bis 4 1⁄2 …

Gartenstadt Zug
www.progartenstadt.ch

In der Gartenstadt Zug planen zwei Genossenschaften (Baugenossenschaft Familia AG und Heimstädte Zug AG) sowie die öffentliche Hand (kantonale …

«Gartenstadt Zug» ist unter den ersten zehn Suchresultaten gleich mehrfach präsent. Unter einem grün und schwarz unterlegten Logo, das die Worte «Garten», «Stadt» und «urbanes Wohnen» kombiniert, preist die Website ein «elegantes Bauvolumen» mit «lichtdurchfluteten Wohnungen» an. «Ein hoher Ausbaustandard und raffinierte Grundrisse», heisst es, «garantieren Wohnkomfort für anspruchsvolle Bewohner». Visualisiert werden die Schlagworte mit «Impressionen» von gleissenden Wohnlandschaften, Fensterfronten in XXL-Format und Balkonen mit Lounge-Atmosphäre. Was in der Werbung nicht herausgestrichen wird: Das Gebäude steht am Südrand der Gartenstadt direkt an der Nordstrasse und hat die Aufgabe, das Quartier vor Verkehrslärm zu schützen. Die «attraktive Gartenanlage» liegt auf der Rückseite des bereits bezogenen Hauses und ist noch im Entstehen, wie ich vor Ort feststellen werde.

Bei der Namenswahl geht es offensichtlich um die Verpackung und nicht um den Inhalt: Grün verkauft sich gut. Ebenezer Howard – sein Gartenstadt-Modell von 1898 inspirierte auch den Bau der Zuger Siedlung zwischen 1919 und Ende der 50er-Jahre – strebte danach, die Wohn- und Lebensverhältnisse der Arbeiter zu verbessern – etwa mit Nutzgärten, die die Ernährung verbessern sollten. Auch wollte er der Spekulation den Boden entziehen. Grund und Boden sollten sich im Gemeinschaftsbesitz befinden, Kapitalerträge in die Gemeinschaftseinrichtungen fliessen und die Mieten tief gehalten werden. Die von ihm erträumte Gartenstadt sollte dabei durchaus eine gewisse Dichte und städtisches Leben aufweisen, also nicht nur «grün» sein. Immerhin: Auch Howard wollte Wohnen und Arbeiten näher zusammenbringen.

«Gartenstadt 2», ein anthrazitfarbiger Bau, der – ebenfalls als Lärmriegel konzipiert – exakt in die Kurve der Nordstrasse eingepasst ist, soll im August bezugsbereit sein. Auch hier handelt es sich nicht um ein Revival der Gartenstadtbewegung – der Name ist identisch mit der Adresse –, sondern um ein Renditeobjekt. Die günstigste Wohnung, die hier noch zu haben ist, ist eine 88 Quadratmeter grosse 3,5-Zimmer-Wohnung im ersten Obergeschoss für 2667.– Franken (ohne NK). Als ich mich auf der Baustelle umsehe, fällt mir auf, wie scharf die Scheidelinien zwischen den neubebauten Parzellen und den Gärten der zum Teil unter Denkmalschutz stehenden Nachbarhäuser sind. Sie trennen weit mehr als nur Grundstücke.

Unter www.progartenstadt.ch stosse ich auf eine Petition, die am 1. Oktober mit rund 800 Unterschriften eingereicht wurde. Die Petitionäre kämpfen damit für den Erhalt von 13 Häusern mit insgesamt 85 Wohnungen, welche die Besitzer (die kantonale Gebäudeversicherung beziehungsweise die Baugenossenschaft Familia) abreissen und durch Neubauten ersetzen wollen. Konkret geht es um Häuser entlang der Aabach- und der Hertistrasse. Sie wurden zwischen 1946 und 1960 für Mitarbeiter der Firma Landis & Gyr errichtet. Im geplanten Abbruch sehen die Gegner einen sozialen und einen städtebaulichen Skandal: Zum einen würden «sehr preisgünstige Wohnungen» vernichtet werden (eine 3-Zimmer- Wohungen soll dort derzeit zwischen 1000 und 1200 Franken kosten); zum anderen sehen sie das offiziell als schützenswert inventarisierte Ortsbild der Gartenstadt bedroht.

Die Eigentümer stellen sich dagegen auf den Standpunkt, die Wohnungen seien «nicht mehr zeitgemäss» und könnten nur an «anspruchslose Personen» vermietet werden, wie das Onlinemagazin „zentralplus“ berichtete. Sie wollten grosszügigere Wohnungen, die «andere und einfach mehr Mieter» ansprächen.

Wird dieses Anliegen der Gartenstadt-Idee noch gerecht oder höhlt es sie von innen heraus aus? Sieht aus, als bräuchte es ein Schutzlabel für sozialen Wohnungsbau.

Mittlerweile wurde für den Ersatz der Arbeiterhäuser ein anonymer Wettbewerb durchgeführt. 15 Projektteams haben gemäss den Vorgaben und Auflagen von Denkmalpflege und Stadt Projekte ausgearbeitet. Eines wurde zum Siegerprojekt gekürt. Dazu ist nun bereits eine Interpellation hängig. Der Aushandlungsprozess ist in vollem Gang.

Auf dem Bahndamm ist nicht zu erkennen, dass der Fortbestand der anliegenden Häuser in Frage gestellt ist. Und schon gar nicht ist zu spüren, dass um die Zukunft des ganzen Quartiers gerungen wird.

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