Gaswerkareal

– Inventar des Dazwischen

Die Zuger Schleife sticht ins Auge: Zusammen mit den SBB-Gleisen umrahmt sie das Gebiet westlich des Bahnhofs in Form eines seitenverkehrten Q und lässt es auf Stadtplänen, Landkarten und Satellitenbildern deutlich hervortreten. Jedenfalls tat sie das bis vor Kurzem. Heute ist die markante Struktur in Auflösung begriffen.

Auch das von ihr umfasste Gebiet befindet sich im Wandel: Die heterogen besetzte Randzone, die jahrzehntelang durch die Entwicklung von Landis&Gyr geprägt war, wird zu einem kompakten Stadtquartier umgebaut. Noch sind Bruchlinien sichtbar. Eine Spurensuche entlang von dem, was bald nicht mehr oder noch nicht ist – und eine Bestandesaufnahme.


Gaswerkareal

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Der Parkplatz neben dem alten Bahndamm ist so gross, dass er die umliegenden Gebäude in die Ferne rückt. Er erstreckt sich vom Damm, der hier in eine Kurve übergeht, über die gesamte Breite des Gaswerkareals bis zur Aabachstrasse. Die plötzliche Weite tut gut. Die Frage, ob es überhaupt erlaubt ist, sich auf dem Damm aufzuhalten, verflüchtigt sich.

Sie hatte sich auf dem schnurgeraden Stück Richtung See, wo Wohnhäuser über den Damm lugen, ins Bewusstsein geschlichen. Doch ich hatte nichts entdecken können, was mein Verhalten sanktioniert hätte. Auf dem Damm sind die Sockel der Fahrleitungspfeiler stehen geblieben und ab und zu findet sich der Pfosten eines Zauns, der das Trassee früher abtrennte. Bänke, die zum Verweilen einladen, gibt es jedoch genauso wenig wie sonstiges Stadtmobiliar, das auf Do‘s und Don‘ts hinweist. Das ehemalige Eisenbahntrassee ist sich selber überlassen und ebenso, wer sich hierher wagt.

Den Freiraum gibt es dank einem parlamentarischen Vorstoss: Er hatte gefordert, die Struktur der Wendeschleife zu erhalten und sie einer öffentliche Nutzung zuzuführen. Das war 1991, kurz nachdem der Betrieb darauf eingestellt worden war. Die Schleife, so die Begründung, habe die «bauliche und planerische Entwicklung» der Stadt Zug wesentlich geprägt. Für die öffentliche Nutzung existiert seitens der Stadt offenbar kein explizites Konzept. Gemäss Baudepartement war einfach «klar, dass man den Landstreifen nach der Entfernung der Anlagen quasi wieder der Natur zurückgibt».

Auf dem Parkplatz registriere ich, dass nicht das gesamte Areal dem Parkieren dient. Nahe beim Damm befindet sich ein umzäuntes Holzlager. An den Seiten und im Zufahrtsbereich sind breite Streifen ausgespart. Stellenweise sind sie hüfthoch bewachsen. Zwischen Gräsern blühen Wiesenblumen. Rohe Baumstämme trennen die Grasflächen von den befahrenen Bereichen ab und unterteilen die Parkierungszonen. Die Verkehrsflächen sind asphaltiert, die Abstellplätze bloss mit Kies belegt. Der Parkplatz wirkt notdürftig hergerichtet – und doch scheint er nicht unbedacht angelegt.

Dafür sprechen die symmetrische Anordnung und insbesondere die jungen Eschen, die in fixen Abständen über das ganze Areal verteilt sind. Nur entlang der Aabachstrasse und dort, wo die Fahrspuren verlaufen oder Kandelaber montiert sind, weisen ihre Reihen Lücken auf. Die Bäumchen sehen nicht aus, als würde es ihnen gefallen, hier zu stehen. Bei manchen sind die Baumkronen mit dürren Ästen durchsetzt, andere wirken so schmächtig, als würden sie es vorziehen, einzugehen statt Wurzeln zu schlagen.

Die Aufenthaltsqualität auf dem Gaswerkareal – laut Anzeige bei der Zufahrt sind im Moment noch 16 von rund 230 Parkplätzen frei – ist auch für menschliche Wesen nicht eben hoch. Trotzdem, das Provisorische hat seinen eigenen Reiz. Die Autobrache setzt einen Kontrast zu den stylischen Aussenräumen des Käufmannischen Bildungszentrums oder den Blumen- und Gemüsegärten der Mehrfamilienhäuser in der Nachbarschaft und sorgt für Abwechslung. Vor allem aber verweist das Provisorische darauf, dass hier alles auch ganz anders sein könnte: Nichts ist festgelegt, alles scheint noch möglich.

Ist alles möglich? Das Areal liegt laut Bauordnung in einer Zone des öffentlichen Interesses. Es ist bestimmt für kantonale Schulen, die kantonale Verwaltung und die Zugerland Verkehrsbetriebe. Mittlerweile zeichnet sich aber ab, dass die Hälfte des Geländes in ein paar Jahren im Rahmen eines Tauschgeschäfts vom Kanton an die Stadt übergehen wird. Die Stadt sieht darin eine willkommene Baulandreserve mit dem Potenzial für preisgünstigen Wohnungsbau.

Wäre eine andere Zwischenlösung denkbar als die derzeitige? Die provisorische Parkplatzanlage verhilft dem Kanton alljährlich zu Zusatzeinnahmen. Die Initiative zu ihrer Erstellung wurde seitens der Bürgerlichen denn auch ausdrücklich gelobt, als das Geschäft 2004 im Kantonsrat beraten wurde. Keine Mehrheit fand hingegen der Vorschlag, an der ursprünglichen Absicht festzuhalten. Diese sah vor, nach dem Rückbau der Gaswerkanlagen eine baumbesetzte Magerwiese entstehen zu lassen. Wäre damals anders entschieden worden, würde der Raum für kleine Ausfluchten heute weit über den Bahndamm hinausreichen.

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