Grafenau

– Inventar des Dazwischen

Die Zuger Schleife sticht ins Auge: Zusammen mit den SBB-Gleisen umrahmt sie das Gebiet westlich des Bahnhofs in Form eines seitenverkehrten Q und lässt es auf Stadtplänen, Landkarten und Satellitenbildern deutlich hervortreten. Jedenfalls tat sie das bis vor Kurzem. Heute ist die markante Struktur in Auflösung begriffen.

Auch das von ihr umfasste Gebiet befindet sich im Wandel: Die heterogen besetzte Randzone, die jahrzehntelang durch die Entwicklung von Landis&Gyr geprägt war, wird zu einem kompakten Stadtquartier umgebaut. Noch sind Bruchlinien sichtbar. Eine Spurensuche entlang von dem, was bald nicht mehr oder noch nicht ist – und eine Bestandesaufnahme.


Grafenau

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«Grafenau 1, 3» – das erste Mal, als ich das Strassenschild sah, stand noch «Albisstrasse» darauf, da bin ich mir ganz sicher. Ich erinnere mich daran, weil ich nach dem Schild gesucht hatte. Ich wollte wissen, wie die Adresse des alten Hauses lautet, das ich eben entdeckt hatte.

Es steht versteckt zwischen den Flügeln des Gebäudekomplexes Grafenau Süd. Dieser ist so perfekt in die Kurve des Bahnviadukts eingepasst, dass es aussieht, als würde er sich ihr anschmiegen. Das Haus ist auf drei Seiten vom Neubau umklammert, nur zum Parkplatz hin hat es Luft. Obwohl es drei Stockwerke hoch und mit einem Satteldach gedeckt ist, wirkt es vor dem sechsgeschossigen Nachbarn fragil. Zu seiner prekären Lage passt, dass sich davor Bauarbeiter zu schaffen machen, als ich es antreffe. Ist es ein Abbruchobjekt? Und was hat es mit den bunten Schirmen an der Fassade auf sich?

Wie so oft, wenn sich Spuren im Realen verlaufen, finden sich Fortsetzungen im virtuellen Raum. (Manchmal ist es auch umgekehrt.) Antwort 1: Das Haus an der Albisstrasse 3 soll tatsächlich abgerissen werden. Antwort 2: Bis es soweit ist, wird es kulturell zwischengenutzt.

Mit dem Verschwinden der Albisstrasse ist das Nagelhaus zu einer Art realexistierendem Phantom geworden. Es steht noch da, ist aber bereits in den Zustand der künftigen Vergangenheit versetzt. Wird so kollektives Vergessen organisiert?

Das Haus und seine Geschichte sind es jedenfalls wert, sich daran zu erinnern: Errichtet wurde es Ende des 19. Jahrhunderts vom Gründervater von Landis Bau – dem Konzern, der halb Zug gebaut hat und jetzt rege mit seinem Umbau beschäftigt ist. 1949 ging es an den neuen Teilhalber der Firma über, der mit seiner Familie einzog. Eine Tochter verwandelte das Haus dann für eine gewisse Zeit zu einem Widerstandsnest gegen den Totalumbau der Stadt: Sie hatte eine widerständische Ader und liess an der Albisstrasse 3 immer wieder Gesinnungsgenossen wohnen, wie der Journalist Michael Soukup schrieb («Die Zeit», 2.8.2012). Mit seinem Artikel hat er dem Nagelhaus wenigstens ein mediales Denkmal gesetzt.

Neuerdings klebt am Laternenpfahl neben dem Strassenschild ein knallgelbes A4-Blatt. Es ist wasserdicht in ein Ringmäppchen eingepackt:

Albisstrasse 3
d‘Wohnig
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Die Betreiberinnen und Betreiber des Zwischennutzungsprojekts nehmen es offenbar nicht hin, dass ihr Haus der Adresse beraubt wurde. Überhaupt setzen sie im Quartier Gegenakzente: Auf einem Podest aus Paletten haben sie behelfsmässig eine Terrasse eingerichtet. Eine Holzfigur – aus ihrem Kopf spriest Schnittlauch – wacht über Gartenmöbel und Blumentöpfe und heisst Besucher willkommen. «D‘Wohnig» erstreckt sich nun bis an den Rand des Parkplatzes. Neben der Terrasse ist ein Mini-Gärtchen angelegt. Jedes Pflänzchen ist mit einem Schildchen versehen, auf dem zu lesen ist, was hier wächst.

Um die Ecke, vor einer der Glastüren im Erdgeschoss des Neubaukomplexes, steht verschämt ein einsamer Grill. Es ist das einzige Zeichen in der Grafenau, das auf einen schüchternen Versuch individueller Raumaneignung schliessen lässt. Der Spielplatz wirkt wie aus dem Ei gepellt. Weder Kids noch Mütter oder Väter scheinen Lust zu haben, die Anlage in Beschlag zu nehmen. Dabei ist offensichtlich, dass man sich Mühe gegeben hat, für Publikumsverkehr zu sorgen. Der Innenhof dient als öffentlicher Durchgang, die Liegenschaften sind zum Wohnen und zum Arbeiten bestimmt. Es gibt Läden. Der grösste Teil des Erdgeschosses ist allerdings mit Büros belegt. Zugezogene Lamellenstoren lassen die Blicke der Vorübergehen an spiegelnden Fensterfronten abprallen. Die Grafenau Süd versucht sich städtisch zu geben. Der Erfolg ist mässig.

Das Bild wiederholt sich in der Grafenau Nord. Ob die Spiralente je zum Schaukeln gebracht wurde? Und der Baseball-Korb: Hat er jemals einen Ball aufgefangen? Überhaupt wirkt die ganze Anlage zwischen dem anonym wirkenden Wohnriegel und dem Business Center steril, ja klinisch tot: Am Boden ist nicht das kleinste Fitzelchen zu entdecken, geschweige denn ein welkes Blatt oder ein Grashalm, der einen anderen überragt. Während in der Grafenau Süd bald alles getilgt sein wird, das auf früher verweist, verfügt die Grafenau Nord aber zumindest über ein historisches Relikt: die alte Eiche.

Sie steht vor dem Business Center Grafenau, das sich auf der Website seiner faszinierenden Architektur rühmt und stolz darauf hinweist, dass es «auch heute noch als eine der attraktivsten und repräsentativsten Liegenschaften in Zug» gelte. Es wurde 1993 erbaut und soll als Sitz von rund 250 Unternehmen massgeblich dazu beigetragen haben, dass sich die Stadt zu einem internationalen Wirtschaftsstandort entwickelte. Seine strahlend weisse Fassade blendet selbst bei bedecktem Himmel. Der monumentale Baum – er soll mehr als 150 Jahre alt sein – ist davor maximal zur Geltung gebracht. Das Eichenlaub wirkt grüner als grün, die Rinde schwärzer als schwarz. Die Eiche sieht nicht nur ausgestellt aus, sondern ist es auch.

Früher wurde ein Baum gepflanzt, wenn ein Kind geboren wurde – wenn es einmal erwachsen war, sollte es das Holz ernten können. Der Baum als Symbol neuen Lebens, der Zukunft ist in der Grafenau ins Gegenteil verkehrt. Hier steht er für die Vergangenheit, die dem Ort abhanden gekommen ist. Und als grosser, grüner Punkt, der auf den – auch hier – allgegenwärtigen Orientierungstafeln eingezeichnet ist, verleiht er dem Quartier jene Identität, die die Architektur offenbar nicht zu schaffen vermag.

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