Landsgemeinde- platz

Auf meinen Klangausflügen durch die Stadt Zug habe ich einige Überraschungen erlebt, die ich in dem Ausmasse nicht erwartet hätte. Dass die Klangkulisse in der Innenstadt entlang der Hauptverkehrsachse sehr laut sein wird, habe ich vermutet. Dass gewisse Orte, wie die Badeanstalt Siehbach oder der Platz hinter dem Neustadt Schulhaus, ruhig sein werden, wusste ich. Überrascht hat mich aber zum Beispiel die Ruhe des Bahnhofsplatzes. Wirklich erstaunt war ich aber über die sehr schnell stark ändernden akustischen Klanglandschaften auf engem Raum, die mir zuvor noch nie bewusst in der Stadt aufgefallen sind. Einer dieser extremen Änderungen findet zwischen Kolinplatz und Landsgemeindeplatz statt. Die Plätze sind über das schmale Gässchen vor der Polizei beinahe miteinander verbunden, klanglich jedoch komplett unterschiedlich. Im Gegensatz zu dem lauten, verkehrsreichen, hektischen Kolinplatz ist der Landsgemeindeplatz wunderbar ruhig und friedlich. Die nördliche Häuserreihe schottet den Platz ziemlich effektiv vom Verkehrslärm der Neugasse ab. Der grosse weitläufige Landsgemeindeplatz ist nicht nur ruhig, sondern wirkt auch akustisch „überschaubar“. Diese Tatsache verdankt er mit grosser Wahrscheinlichkeit seiner Geschichte und früheren Funktion und mit dem Glück, dass sich der Platz trotz Umgestaltungen nicht gross verändert hat und verkehrsfrei geblieben ist.
Am 2. Mai 1847 fand die letzte ordentliche Landsgemeinde der Stadt Zug statt. Der 19. Ausgabe von der liberal ausgerichteten Zeitung „Der freie Schweizer“ vom 7. Mai 1847 entnehmen wir dazu folgenden Bericht (Auszug):

“Der erste Maisonntag versammelte die Bürger von Stadt und Land wieder zur alljährlich ordentlichen Landesgemeinde; obgleich von äußerst warmen Frühlingslüften begünstigt, war sie dennoch nicht ausnehmend stark besucht. Die Befürchtungen der „katholischen Staatszeitung aus Luzern“ traten nicht ein; es fand keine Störung im gewöhnlichen Gang der Geschäfte statt. Außer dem Wirbeln des Tambours und dem vielleicht ermüdenden Unisono der Lobredner Zugerischer Zustände auf der Tribüne, dem aber die muntere Schaar der Bergleute von Menzingen mit ihrer heiteren, lebensfrohen Musik Anfang und Ende setzten, vernahm das Ohr des Zuhörers nichts Außergewöhnliches. – Hr. Landammann, C. Bossard, eröffnete die Landsgemeinde mit einer kurzen, passenden Anrede an das Volk und die versammelten Landesväter; er schilderte die Bedeutung des Tages und das Erhabene des Anblickes, den ein ganzes Volk, welches sich an einer durch die Geschichte geweihten Stätte versammelt um in ernster Stimmung des Bürgers höchste Rechte und Pflichten auszuüben, gewährt. Einen Gesammtüberblick auf das Zugerische Staatsleben werfend, äußerste er sich in sehr wohlwollender Weise über den Ruhe und Frieden liebenden Sinn des Zuger’schen Volkes, so daß ihm das Lob zu Theil werden müsse, unter allen Völkern des schweizerischen Staatenbundes vielleicht das einzige zu sein, welches von Anarchie oder gewaltsamer Umwälzung seither frei geblieben sei. Nachdem er von seiner Kenntniß der speziellen Landesgeschichte durch die Erzählung des Umstandes, der wie vielte Ammann, der die Landsgemeinde präsidiere, er sei, Zeugniß zu geben versucht, die Würde der Amtstelle als eine durch die Zeitverhältnisse drückende Bürde erklärt, sich des weitern belobend über die Verwaltung und deren verschiedene Zweige ausgesprochen hatte, legte er die Ammannsstelle zur freien Verfügung in die Hände des Volkes nieder. – Der Reihe nach trugen nun die durch den ersten Landschreiber zur Umfrage aufgerufenen Präsidenten der verschiedenen Kantonsgemeinden auf die Bestätigung des Hrn. Landammann C. Bossard in seiner Amtswürde wiederum an, welcher sodann in dieser Eigenschaft die Landsgemeinde weiter führte. – Es folgte nunmehr die verfassungsgemäße Bestätigung der ersten Landschreibers und die Wahlen der Gesandten für nächstfolgende Tagsatzung in Bern. Hr. I. A. Schön wurde im Amte eines ersten Landschreibers wiederum bestätigt. Zu Tagsatzungsgesandten wurden auf Vorschlag des Hr. Statthalters Keiser-Imhof die beiden HH. Landammänner, Bossard und Hegglin, jener als erster, dieser als zweiter, gewählt. Nach Erschöpfung der Traktanden und feierlicher Beeidigung der Landsgemeinde durch den vorsitzenden Herrn Landammann, waren die Verhandlungen als geschlossen erklärt.“

 

 

Zu den Tonaufnahmen möchte ich erneut hinweisen, dass

  • es von Vorteil wäre, alle Tonaufnahmen in meinen Beiträgen wenn immer möglich mit Kopfhörern anzuhören, da die räumlichen und klanglichen Informationen in diesem Fall über Kopfhörer viel präziser und damit aussagekräftiger gehört werden
  • alle Tonaufnahmen an Werktagen im engen Zeitraum zwischen ca. 14.00 und 15.30 Uhr gemacht wurden und eine Länge von ungefähr 5′ haben (Start- und Endpunkt sind zufällig gewählt, dazwischen gibt es keine Schnitte)
  • die Aufnahmen in unbearbeiteter Form vorliegen (keine Dynamik- oder Frequenzbearbeitung)
  • die Aufnahmen von der Lautstärke alle zueinander in Relation stehen und somit untereinander verglichen werden können, aber keine Aussage zum tatsächlichen Schalldruckpegel gemacht werden kann

 

Audio: Landsgemeindeplatz

 

Auf den Aufnahmen hören wir sehr viele Details recht klar und deutlich, auch auf grosse Distanz. Die Aufnahme entstand unter dem Baum in der Mitte des oberen Landsgemeindeplatzes. Man hört viele Klänge der Platzmühle und des Löwen, die beide am unteren Ende des oberen Platzes sind, also etwa 40 Meter entfernt. Wenn man sich den Autolärm, der durch die beiden Gassen zur Neugasse zu hören ist, wegzudenken versucht, kann man erahnen, dass man sogar einige Sprachfetzen der Restaurant- und Hotelgäste verstehen könnte.

Weiter zur letzten ordentlichen Landsgemeinde schreibt „Der freie Schweizer“:

„Die abgehaltene Landsgemeinde vom 2. Mai bietet uns zu mehreren Schlußbemerkungen Anlaß, von denen wir jedoch nur einzelne wenige anführen wollen. Die Landsgemeinde-Tage der alten Kantone sind nun vorüber, Tage, an welchen das Volk, Mann für Mann, auf die politische Wahlstatt eilt, um seine souveränsten Rechte auszuüben. Man sollte wähnen, daß das freiheitsstolze Volk zu diesem schönen Wahlakt, gleichsam, wie zu einem seltenen Volksfeste, sich hindrängen würde. Statt dessen aber werden die alten Klagen von läßigem Besuch der Landes-Gemeinden laut. Auch die Landsgemeinde von Zug war keine ausnehmend stark besuchte. Dieser Uebelstand datirt sich nicht erst von neuester Zeit; er ist alt. Man kommt nur auf die Wahlstatt um schnell das „Geschäft abzumachen“, ohne Begeisterung, ohne das Bewußtsein von der hohen Wichtigkeit des Tages sich klar zu machen. Man würde Unrecht thun, den Grund zu dieser auffallenden Erscheinung nur in einem einzelnen Umstande suchen zu wollen. Sind auch die Befugnisse der Landsgemeinde beschränkt, indem sie weder eine verhandelnde noch eine berathende, sondern bloß eine Wahlgemeinde sein soll und darf, um dadurch den repräsentativen Demokratien näher gerückt zu werden: so bleibt nichts destoweniger dem Redner auf der Tribüne das freie Wort. – Statt der ewig sich wiederholenden Lobrednerei über die eigenen doch nichts weniger als durchgehend blühenden Zustände unsers Staatswesens und den oft bis zur niedrigen Schmeichelei sich herabdukenden Anpreisungen der vorsitzenden Persönlichkeiten, würde man besser fahren, die Aufmerksamkeit der Landsgemeinde offen und frei auf die noch bestehenden Landeskalamitäten unsers kleinen, ungeregelten Staatshaushaltes hinzulenken, das Mangelhafte und Ungenügende mancher, vielleicht in früherern Jahren wohl gut beabsichtigten, nunmehr aber der Gegenwart und den einem zeitgemäßern Fortschritt, wie einer bessern bürgerlichen und staatlichen Ausbildung laut rufenden Bedürfnissen, wenig mehr entsprechenden Einrichtung nachdrucksamst hervorzuheben. Von Niemanden anders besser, als von den durch Uebung an der Landsgemeinde zum Sprechen befugten Herren könnte in solchem Sinn dahin gewirkt werden dem Volke eine neue, lebensfrische Bethätigung am Staatsinteresse beizubringen. Das Volk würde rege Theilnahme an einer, wenn auch nicht offizionellen, Beleuchtung seines eigenen noch mangelhaften Zustands zeigen und würde sich von der hohen Wichtigkeit des Landsgemeinde-Tages Bewußtsein verschaffen; denn nicht das, was man im unvollkommenen Zustande bereits besitzt und hat, interessiert, als mehr das, was man in einem vollkommenen, geregelten Staatswesen haben könnte und sollte. – Allein man badet lieber im Maithau eigener und fremder Ruhmredigkeit und hält einander wohlgefällig den selbstgeschliffenen Spiegel der abgelaufenen Amtspreiode hin, als offen und ungescheut vor allem Volke hinter denselben zu blicken und auf das weit ausgedehnte Blachfeld unvollendeter Arbeiten, vernachläßigter Institutionen hinzudeuten, die nur allein durch des Volkes Mitbethätigung und regen Sinn ins Werk gesetzt werden können. Das Volk aber ist klug und weise und denkt: „um nur der Herren eigens Lob anzuhören, dazu finden wir die Zeit zu lang und auch zu theuer; drum bleiben wir zu Hause!“ – Als das non plus ultra solcher Ruhmrednerei müssen wir die Art und Weise bezeichnen, wie es Hr. Statthalter Keiser-Imhof beliebt hat den Hr. Landammann Bossard zum ersten Gesandten der Tagsatzung nach Bern vorzuschlagen. Die „Feuerreden“ an die Zuger’schen Truppen und das „rücksichtlose Sich-Selbst-Hineinwerfen in den feindlichen Kugelrregen“ bei Gelegenheit des Freischaarenzuges in Luzern, welch‘ beide Umstände als lobenswerthe Eigenschaften der Persönlichkeit Hrn. Landammans Bossard, Hr. Keiser-Imhof hervorzustreichen bemüht war, wollte niemand, selbst solche, welche die Affaire mitzumachen Gelegenheit hatten, glaubhaft finden, indem sie beides als pure Unwarheit erklärten. Die der „kathol. Staatszeitung“ entnommenen Worte, „Treubruch, Meineid und Landesverrath“ an einer öffentlich versammelten Landsgemeinde zu erwähnen, haben selbst streng konservative und der politischen Parteirichtung Luzerns treu ergeben Herren als Unschicklichkeit erklärt. Als Taktlosigkeit für einen öffentlichen Sprecher an der Landsgemeinde muß bezeichnet werden die Art und Weise, wie Hr. Keiser-Imhof den gleichen Anlaß benutzen wollte tonangebend auf die politischen Gemeindewahlen nächsten Sonntags anspielungsweise einzuwirken. Wir hätten erwartet, daß von einem Manne, der beinahe an 10 Jahren in den Behörden gesessen, mehr Takt gezeigt worden wäre, und wenn ihm hierfür das Geschick abgeht, doch die Gelegenheit zu benutzen verstanden hätte, solches von seinen Mitkollegen, welchen allen ohne Ausnahme, bei solch feierlichem Zeremoniell das Richtige zu treffen, zum Ruhm nachgeredet werden muß, abzulernen. Wir haben Grund zu zweifeln, ob dem Hr. Landammann Bossard mit solcher Ruhmrednerei, am meisten gedient gewesen sei.“

Laut den Zuger Nachrichten No. 50 von 1847 waren an der vorletzten ausserordentlichen Landsgemeinde wohl gegen 3500 Stimmende anwesend. Nach den Schlussbemerkung des „freien Schweizers“ könnte man vermuten, dass an der ordentlichen Landsgemeinde eher weniger Stimmende anwesend waren. Trotzdem hat mich die hohe Zahl doch ein wenig erstaunt, schliesslich fand das damals alles unverstärkt statt. Wie die Landsgemeinde und der Landsgemeindering angeordnet waren, weiss ich nicht. Auf der Geschichtstafel steht, dass der gemauerte Landsgemeindering 1794 abgerissen wurde. Das liess mich aufhorchen, denn von einem gemauerten Ring habe ich bisher nichts gewusst. Leider habe ich keine Bilder mit eindeutigen Informationen gefunden.

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Abb.: Stadt Zug, Holzschnitt, 1547/48 (Quelle: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/dc/Stumpf-Chronik-Zug.png)

Auf dieser Abbildung aus der eidgenössischen Chronik von Johannes Stumpf aus dem Jahr 1547 sieht man dass es um den Landsgemeindeplatz tatsächlich eine Mauer gegeben hat. Dieser Kupferstich, dessen Urheber ich nicht kenne, bestätigt das:

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Abb.: Stadt Zug, Kupferstich (Quelle: privat)

Diese Mauer könnte die bereits gute Akustik des Platzes noch mal verbessert haben, die Sprache besser reflektiert und Störgeräusche besser ferngehalten haben. Ob mit dem gemauerten Ring diese Mauer gemeint war, oder eine Art Tribüne, wie man sie von heutigen Landsgemeinden zum Teil noch kennt, weiss ich nicht. Ich könnte mir auch gut vorstellen, dass allgemein während der Landsgemeinden Tribünen arenaartig aufgestellt wurden, in Anlehnung an die Theater der griechischen Antike oder der römischen Theater, die ja für ihre erstaunlichen akustischen Eigenschaften bekannt sind. Diese Theater boten im Gegensatz jedoch bis zu 15’000 Zuschauern Platz. Dabei entstand natürlich auch Lärm durch das Publikum. Um dagegen anzukommen, benutzten die Darsteller und Sprecher in den Theatern der Antike eine Art Megafon-Vorrichtung, die ihre Stimme verstärkte. An der Landsgemeinde in Zug handelt es sich natürlich nicht um eine akustisch perfekte Arena, es waren auch weniger Leute da und, wenn der Bericht des „freien Schweizers“ akkurat ist, dann muss es auch viel weniger Störgeräusche gegeben haben, schliesslich „vernahm das Ohr des Zuhörers nichts Außergewöhnliches“, „Außer dem Wirbeln des Tambours und dem vielleicht ermüdenden Unisono der Lobredner Zugerischer Zustände auf der Tribüne“. Vielleicht waren „störendes“, schwatzendes Publikum aber auch einfach gewöhnlich und man hörte schlicht und einfach nicht alles, was an der Landsgemeinde besprochen wurde. Oder die Redner auf der Tribüne mussten besonders kräftig sprechen.
Ein wenig mehr Informationen dazu finden wir im äusserst interessanten Artikel zur letzten ausserordentlichen Landsgemeinde in Zug. Diese fand nach der Kapitulation des Kanton Zug im Sonderbundskrieg am 5. Dezember 1847 statt. Die konservativ ausgerichtete Neue Zuger Zeitung berichtete am 11. Dezember über die Ereignisse seit der Kapitulation vom 22. November:

„Die Regierungskommission von Zug hatte Abgeordnete an das kompetente eidg. Militärkommando gesandt, um eine Kapitulation zu unterhandeln. Wie bekannt, ist dieselbe mit Hrn. General Düfour in Aarau abgeschlossen worden und der dreifache Landrath genehmigte den Vertrag in außerordentlicher Sitzung den 22. Wintermonat. Die Ratifikation wurde entgegengenommen und die eidg. Truppen besetzten den Kanton Zug. Ruhe und gesetzliche Ordnung wurden nirgends gestört: kein Regierungsmitglied entfernte sich, keines betrachtete sich seiner Funktionen überhoben. Seither hatten sich wieder Regierungskommission und Kantonsrath versammelt; an „Landammann und Rath“ richteten die eidg. Militärkommandos und die Tagsatzung ihre Berichte, so wie auch letztere gegen die Kapitulation, als von dem dreifachen Landrath ratifiziert, keine Einwendung erhob. Mittlerweile waren die Hrn. eidg. Repräsentanten angekommen und kündigten sich dem Volke durch eine Bekanntmachung vom 26. Wintermonat an. In diesem Aktenstück hieß es, sie seien von der h. Tagsatzung abgeordnet, um „für baldige Herstellung gesetzlicher Zustände Vorsorge zu treffen“ und „zugleich das Walten von Ruhe und Ordnung im Kanton bestens zu verbürgen.“ Wir fragen, welche ungesetzlichen Zustände hat sich der Kanton Zug zu Schulden kommen lassen, die zunächst hergestellt werden mußten? Die Tagsatzung hat unsern Beitritt zum Sonderbund als gesetzeswidrig erklärt, aber auch nur dessetwillen die Exekution gegen uns verhängt. Wir haben uns gefügt und sind laut § 1. der Kapitulation vom Sonderbund zurückgetreten. Weitere ungesetzliche Zustände wird man beim Kanton Zug weder vor, noch nach der Kapitulation keine vorwerfen können. Wir lassen es darauf ankommen, daß die überwiegende Mehrheit des Volkes auch heute noch zu seinen verfassungsmässig gewählten Behörden und zu seinen gesetzlichen Institutionen stehen wird. Es muß daher sehr auffallen, daß die Hrn. Repräsentanten übungsgemäß der bestehenden Regierung ihre Ankunft nicht meldeten und mit derselben in keiner Weise öffentlich in Verbindung getreten waren. Dagegen haben dieselben öftere Unterredungen mit den Führern der Regierungsopposition gepflogen, welche in mehrern Versammlungen an einer Umänderung der Regierung und unserer verwaltungsmäßigen Zustände arbeiteten. Der Verbreitung von Regierungserlassen wurde ab Seite des Militärkommando und der Einberufung der vom Kantonsrath beschlossenen Landrathsversammlung ab Seite des Hrn. Repräsentanten Hemmniß entgegengesetzt. Es konnte somit kein Zweifel mehr über die bevorstehende Krisis obwalten; nur muß man sich wundern, daß seit der Okkupation 11, schreibe elf ruhige Tage bis zum Ausbruch abgelaufen sind. Ein Intermezzo war die tolle Geschichte mit dem Freiheitsbaum. Hr. Repräsentant Hegetschweiler äußerte sich in einem Gasthaus, es sei dies eine Demonstration, die besser unterblieben wäre; überhaupt hätte er von den zugerischen Liberalen erwartet, daß sie sich schneller zu behelfen wüßten; sie – die Repräsentanten – befänden sich bald selber in Verlegenheit etc. Samstag, den 4. dies, wurde endlich ein Aufruf an das zugerische Volk (mit Datum vom 3.) herumgeboten, unterschrieben von 23 Kantonsbürgern, an deren Spitze Hr. Alt-Kantonsrichter Adolf Keiser. Wir entheben demselben: – Die bisherige Regierungsmehrheit trage an dem gegenwärtigen unglücklichen Zustande die größte Verschuldung; in Folge der Absönderungs-Konferenzen und dem Sonderbund habe sie die Bundespflichten verletzt, dadurch jedes Vertrauen und freundliche Verhältnis mit der Bundesbehörde unmöglich gemacht. Es lasse sich demnach erklären, warum die Hrn. Repräsentanten mit unserer Regierung in keine Verbindung getreten und dieselbe anzuerkennen nicht bevollmächtigt seien. Auch gegen unsern Kanton sein von den obersten Behörden gefehlt worden; die Sönderundskonferenzen und nachherigen pflichtwidrigen Handlungen hätten das Land so mit Schulden belastet, daß die Regierung beim Volk das Zutrauen im hohen Grade eingebüßt habe.
Es fänden sich daher die Unterzeichneten verpflichtet dahin zu wirken, daß künftighin die Leitung unserer eidgenössischen und Kantonalangelegenheiten auf eine den allseitigen Interessen des Landes besser entsprechendere Weise besorgt werde. Aus allen Theilen des Kantons ertöne der Ruf nach einer bessern Ordnung der Dinge, namentlich nach Herstellung einer neuen, aufrichtig nach dem Vertrauen des Volkes und der Eidgenossenschaft strebenden Regierung, so wie nach Verfassungsrevision; damit nun das Volk seine diesfälligen Ansichten und Begehren aussprechen und Beschlüsse fassen könne, geschehe von den Unterzeichneten an alle jene Kantonsbürger, welche der Eidgenossenschaft, so wie einem soliden, auf Recht und Ordnung gegründeten Fortschritt befreundet seien, die Einladung zu einer Sonntags, 5. dies, Nachmittags 1 Uhr außerordentlich stattfindenden Versammlung auf dem Landsgemeindeplatz in Zug.
Also vom Samstag auf Sonntag in plötzlicher Eile sollte das Volk zu einer Versammlung einberufen werden. (?!) Wem der Aufruf bekannt wurde, mußte sich verwundert fragen, ob es nun so weit gekommen sei, daß eine Anzahl Kantonsbürger in der Stellung als Private ganz willkürlich eine Volksversammlung einberufen und abhalten dürfen, um über Herstellung einer neuen Regierung und Verfassung Beschlüsse zu fassen, da doch eine oberste Landesbehörde verfassungsgemäß noch bestehe und dieselbe bis Dato weder von der Tagsatzung noch von deren Repräsentanten öffentlich als aufgelöst erklärt worden sei?!
Pflicht und Ehre geboten jedem Konservativen, einem Parteiaufruf zu solchen Verhandlungen und Beschlüssen nicht zu entsprechen.

[…]

Die Versammlung des zugerischen Volkes (wie der Vorgang im Protokoll benannt wurde) begann etwas vor 2 Uhr. Vorher waren die Freisinnigen aus Fabrik-Egeri , so wie die von Cham und Hünenberg geordnet mit Musik und eidgenössischer Fahne auf den Weg gerückt. Die eidg. Hrn. Repräsentanten, Alt-Landammann Sidler, Oberst Gmür, Isler und viele andere Hrn. Offiziere besetzten die Fenster im Gasthaus zum Löwen. Von hier aus begaben sich die Mehrzahl der im Aufruf unterzeichneten Herren auf die Bühne. Die Musik eröffnete die Versammlung mit einem Vorspiel; alsdann entblößten sich die Häupter des anwesenden liberalen Volkes.
Wir schätzen die Anzahl der eigentlichen Theilnehmer (ob nun stimmberechtigt oder nicht) auf 7 bis 800. (An der letzten außerordentlichen Landesgemeide waren wohl 3500 Stimmende) Mit den umstehenden bloß neugierigen Konservativen, Fremden, Knaben etc. mag das Total etwa 1000 betragen haben. Herr Alt-Kantonsrichter Adolf Keiser leitete die Verhandlungen und begann in ruhiger Sprache, wie folgt:
Von einer Anzahl ehrenwerther Männer sei das Volk hieher gerufen, um über die wichtigsten Angelegenheiten unseres Vaterlandes, wie solche bereits in dem Aufruf angezeigt worden, zu berathen und zu beschliessen. Er grüße Sie Alle willkommen! Das zahlreiche Erscheinen der Liberalen sei ihm erfreulicher Beweis, daß der eidgenössische Sinn noch lebhaft in ihnen wohne. Der Redner wirft alsdann einen kurzen (allerdings sehr kurzen!) Rückblick auf die verflossenen Jahre. Er gehe auf 6 Jahre zurück. Vorher sei Zug noch geachtet nach Außen, befreundet mit den Mitständen da gestanden. Im Unglücksjahr 1843 habe die erste Sonderbundskonferenz unter Leitung des gewesenen Schultheiß Siegwart-Müller stattgefunden, wobei Zug von Hrn. Landammann Bossard vertreten gewesen; dieser habe sich damals noch in der Sprache eines wahren Niklaus von der Flüh entgegengestellt, später aber nachgegeben. Im Laufe der folgenden Jahre habe Zug leider immer innigern Antheil an den Sonderbundskonferenzen genommen, mehr und mehr sich der Eidgenossenschaft entfremdet und die Bahn des Fortschritts verlassen. Im Jahr 1847 habe die Tagsatzung den Sonderbund als aufgelöst und die betreffenden Stände als verantwortlich erklärt. Vor und nach dem Exekutionbeschluß sei alles Mahnen und Bitten angesehener Männer umsonst gewesen. Es folgte die allgemeine Landesbewaffnung; die Souveränitätsrechte werden an eine fremde Regierung veräussert; Zug sei ganz zur Verfügung des sonderbündischen Kriegsrathes, der Regierung von Luzern gestellt worden, einer Regierung, welche drückend auf dem Luzernervolk gelastet, dessen Denkfreiheit und freie Meinungsäußerung geknebelt, welche auch zuerst das Schwert des Aufruhrs ergriffen und endlich mit einem gemeinen Diebstahl an der eidgenössischen Kasse den Reißaus genommen habe. Auch bei uns sei die Unterdrückung der Presse erfolgt, ja es sei so weit gekommen, daß fremde hergelaufene Abentheurer, ein Elgger, Albertini, Steiger etc. nach Belieben schalteten. Doch das Volk des Kantons Zug werde sich nicht mehr an einem Gängelband führen lassen. Die Eidgenossenschaft fordere bundesgemäßere Verhältnisse; das Volk antworte derselben mit Begeisterung und werde sich wieder in die Arme dieser seiner Mutter werfen. Nun aber sei es nothwendig, daß einer neuen Ordnung Bahn gebrochen werde. Der Kanton befinde sich in ökonomischem Ruin und in trauriger Verwirrung. Wer soll da helfen, wer die Wunden heilen? Doch gewiß nicht eine ausathmende Regierung, welche hieran die größte Verschuldung trage. Um ein freundlicheres Einverständniß unseres Kantons mit der Eidgenossenschaft und eine neue, bessere Ordnung der Dinger herbeizuführen, hätten sich mehrere Männer vereinigt, der Versammlung einene Beschlußesentwurf zur Annahme vorzulegen, welcher unserm Volk zum Glück und Wohl, zur Ehre und Unabhängigkeit verhelfen soll.
Herr Adolf Keiser ersuchte im Laufe der folgenden Verhandlungen zwei Mal um Nachsicht, daß Unwohlsein und heisere Stimme ihm nicht erlauben die Versammlung nach Wunsch zu leiten und Mehreres zu sprechen. Der Protokollführer Hr. Fürsprech Landtwing verlas alsdann den von einem Ausschuß vorgearbeiteten Beschlusses-Entwurf.

[…]

Das versammelte liberale Volk genehmigte einhellig (versteht sich, weil keine Opposition da war) den Beschlussesentwurf.
Der Präsident bemerkte, nun sei der Grundstein gelegt, auf welchen ein für unsern Kanton dauerhaftes und gutes Gebäude aufgeführt werden soll; Er hoffe aber auf sie thätige Theilnahme der Mitbürger. Nun ging es an die Wahl der provisorischen Regierung. Um Zeit und allfällige Ungelegenheiten zu ersparen, wurde eine schon zum Voraus abgefaßte Wahlliste vorgelegen und nach derselben in Vorschlag gebracht:

[…]

Auch hier ging unter stets mehr und mehr ausbrechender Hilarität die Genehmigung aus Beste von statten. Item fand auch das von Hrn. Hauptm. Damian Bossard frei vorgeschlagene 15te Mitglied, Hr. Karl Ant. Landtwing, keinen Anstand.
Ein etwas vorlauter Liberaler aus dem Volk wollte nachträglich an die Stelle des Hrn. Altlandammann Henggeler den altRathsherrn Nußbaumer am Kalkrain ernannt wissen, wurde aber mit seinem zu späten Vorschlag abgewiesen.
Die Geschäfte des Ausschusses waren zu Ende. Noch ergriffen die HH. Fürsprech Etter und Vizepräs. Gretener das Wort, wohl nicht „um etwa nach Langem wieder ein Lebenszeichen von sich zu geben.“ Wir übergehen deren Reden und theilen hier nur noch, so genau als möglich, die Worte mit, welche Hr. Dr. Ferdinand Keiser mit der ihm eigenen, gewaltig schallenden Stimme an die Versammlung richtete:

Eidgenossen, wertheste Kantonsbürger!
Die Eidgenossenschaft hat gesiegt; der Sonderbund, diese fremde Faktion, hat eine schändliche Niederlage erlitten! – er war von Anfang her nichts anders als ein großer Volksbetrug! Die Eidgenossenschaft hat einen glänzenden Sieg erfochten. Die fremden Mächte haben immer geglaubt, wir wären nur der Ambos, auf dem man nach Belieben herumhämmern könne; sie mögen nun sehen, daß wir auch der Hammer sein können. Ehre unsern wackern eidgenössischen Wehrmännern, Ehre dem General und allen Offizieren! Ehre und Anerkennung aber auch den Militärs des Sonderbundes aus Zug, Luzern, den Urkantonen, Freiburg und Wallis, sofern sie aus Ueberzeugung Männermuth entwickelt und für ihre Sache eingestanden sind! – Die Tagsatzung wird sich nun den Sieg zu Nutzen machen; sie wird Beschlüsse fassen die den Bedürfnissen der Bundesurkunde behelfen und eine Pazifikation der Schweiz erzwecken. – Wir haben und heute bemüht, für unsern Kanton einen guten Anfang zu machen. Er befindet sich leider in einer so großen Schuldenlast, daß wir Vieles ertragen müssen; doch laßt uns muthig die Wunden heilen, welche uns eine treulose Regierung geschlagen hat, Wir wollen aber keine Rache, keine Vergeltung ausüben! Zwar haben unsere Gegner uns immer vorgeworfen, wir hätten keine Religion; laßt uns nun zeigen, daß wir mehr Religion als sie besitzen. Treten wir aber entschieden gegen den Geist auf, welcher den Bürgerkrieg entzündet hat, – gegen den Geist der Jubelpredigt! Hiermit will ich nur ein kurzes Lebenszeichen gegeben und Euch wieder einen Gruß von mir erboten haben! –
Diese Rede (unstreitig das Interessanteste, was gesprochen wurde) war mit lautem, heiterm Beifall begrüßte worden.
Der Präsident schloß die Verhandlungen mit einem „Hoch“ auf die Eidgenossenschaft!
Die Neue Zür.-Ztg., am Schlusse ihres Berichtes über diese Versammlung, wagt es, in die Welt hinauszuschreiben: „So habe sich das Volk von Zug in seiner ungeheuren Mehrheit (?) von der Mackel des Sonderbundes losgesagt!“ – Wann wohl wird sich dieses Blatt endlich von der Mackel unwahrer Berichterstattung lossagen? –
Ueber den Vorgang vom Sonntag berichteten die HH. Repräsentanten sofort nach Bern, und Dienstag, den 7. d., erfolgte ab Seite derselben die Anerkennung der provisorischen Regierung. Eine Abordnung, bestehend aus den Herren Adolf Keiser (Präsident), Bannerherr Müller, Oberstlt. Moos und Fürsprech Hotz, mit der Standesfarbe statteten den Hrn. Tagsatzungs-Abgesandten an benanntem Tage einen Besuch ab, welcher sofort der provisorischen Regierung offiziell erwiedert wurde. Die N. Zürch. Zeitg. Bemerkt, „es sei somit dem förmlichen Bestande dieser Regierung nichts mehr entgegenzusetzen.“ Daß nun unser Volk mit der wahren Freiheit wiederum beglückt sei, soll ein hochanstrebender Tannenbaum verkünden, welcher zum zweiten Mal auf dem Platz vor der Stadt aufgerichtet wurde.“

Trotz der Länge habe ich fast den gesamten Artikel eingefügt, weil ich ihn auch aus historischer Sicht ziemlich interessant finde. Die Informationen zur Akustik und Sprachverständlichkeit muss man ein bisschen suchen. Zur Sprache gibt es folgende drei Hinweise:
1. Herr Alt-Kantonsrichter Adolf Keiser hat also die Verhandlungen mit „ruhiger Stimme“ geleitet und musste zwei Mal um Nachsicht ersuchen, „daß Unwohlsein und heisere Stimme ihm nicht erlauben, die Versammlung nach Wunsch zu leiten“.
2. „Ein etwas vorlauter Liberaler aus dem Volk wollte nachträglich an die Stelle des Hrn. Altlandammann Henggeler den altRathsherrn Nußbaumer am Kalkrain ernannt wissen, wurde aber mit seinem zu späten Vorschlag abgewiesen.“
3. Die Worte, die „Hr. Dr. Ferdinand Keiser mit der ihm eigenen, gewaltig schallenden Stimme an die Versammlung richtete“.
Zu 3 gibt es nicht viel zu sagen, ausser dass es ein ganz klar erkenntlichen Unterschied zu 1 gegeben haben muss. Dass Herr Adolf Keiser jedoch trotz seiner ruhigen und heiseren Stimme die Landsgemeinde leiten konnte, ist ein weiteres Indiz dafür, dass nicht nur die Sprachverständlichkeit auf dem Platz unglaublich gut sein muss oder musste, sondern dass es auch während der Verhandlungen recht ruhig gewesen sein musste. Unterstützt wird diese Vermutung durch die Tatsache, dass auch die Stimmen aus dem Volk wahrgenommen und integriert wurden, wie dies bei 2 der Fall ist. Bestätigt wird diese Tatsache auch aus einem Bericht von Carl Julius Lange, dem wir gerne das Schlusswort überlassen. Über seine Reise durch „die kleinen Kantone“ berichtet Carl Julius Lange in „Ueber die Schweiz und Schweizer“ (1796, Band 2, S. 149 ff.):

„Der Kanton Zug ist zwar im Rang der Eidgenossenschaft der siebente; er könnte und sollte aber wegen der Biederkeit, Sittlichkeit und Unabhängigkeit seiner Bewohner vor dem ersten, zweiten und dritten stehen. Der ganze Kanton enthält nur sechs Quadratmeilen; er ist aber für seine Grösse ziemlich bevölkert; denn er zählt 20,000 Menschen. Die Regierung dieser Republik ist demokratisch und ruht ganz in den Händen des Volkes. Alles was über 16 Jahre alt ist, hat in gewissem Betracht Antheil an der Regierung, und kann der grossen Landsgemeine, [sic] die alle Jahr in der Stadt unter freiem Himmel gehalten wird, nicht nur beiwohnen; sondern ein Jeder kann auch hier über die zu berathschlagenden Gegenstände seine Meinung sagen. Und sie wird nicht nur gesagt, diese Meinung des unbedeutendsten Individuums; sie wird auch gehört. Mit alle dem ist dieser Kanton unter den kleinen demokratischen Kantonen eben nicht der freieste. Er spielt auch in der Geschichte eben keine glänzende Rolle. Die Bürger von Zug zeigten sich äusserst träge, als sie das Joch der Sklaverei abschütteln sollten. Sie hielten eine funfzehntägige Belagerung aus, ehe sie sich der Eidgenossenschaft anschliessen wollten. Und hätte Herzog Albrecht, in der Audienz, die er der lezten Gesandtschaft der bedrängten Bürger gab anstatt seine Falken zu futtern seinen Unterthanen Trost und Muth eingesprochen, sie hätten vielleicht einen noch längern, kräftigern Widerstand geleistet. *) Aber dieses gilt jedoch nur von der Stadt Zug. Die zu dem Kanton gehörigen Aemter Menzingen, Ägri und Bar, hatten sich lange vorher frei gemacht, und die Bewohner dieser drei Ämter sind auch noch auf den heutigen Tag weit freier und unabhängiger, als die Einwohner der Stadt.

*) Die Geschichte dieser Gesandtschaft ist kürzlich diese: Als die Stadt Zug eine lange und verheerende Belagerung ausgehalten hatte, schikte sie noch zum lezten male zum Herzog Albrecht und bat um Unterstützung, um Hülfe. Die Audienz wurde in einem Schlosshof gegeben, und als zufällig ein fürstlicher Jagdbedienter vorüber ging, fragte ihn Albrecht: „ob die Falken gefuttert wären?“ – Hermann, der Sprecher dieser Gesandtschaft, entbrannt über das unwürdige Betragen seines Souverains, redete ihn folgendermaassen an: „Herr, lasst Euch doch izt mehr Euer Volk, als Eure Vögel angelegen seyn!“ – Man kehrte unzufrieden zurük, und übergab die Stadt.“

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