Siemens-Areal (Nord)

– Inventar des Dazwischen

Die Zuger Schleife sticht ins Auge: Zusammen mit den SBB-Gleisen umrahmt sie das Gebiet westlich des Bahnhofs in Form eines seitenverkehrten Q und lässt es auf Stadtplänen, Landkarten und Satellitenbildern deutlich hervortreten. Jedenfalls tat sie das bis vor Kurzem. Heute ist die markante Struktur in Auflösung begriffen.

Auch das von ihr umfasste Gebiet befindet sich im Wandel: Die heterogen besetzte Randzone, die jahrzehntelang durch die Entwicklung von Landis&Gyr geprägt war, wird zu einem kompakten Stadtquartier umgebaut. Noch sind Bruchlinien sichtbar. Eine Spurensuche entlang von dem, was bald nicht mehr oder noch nicht ist – und eine Bestandesaufnahme.


Siemens-Areal (Nord)

avz_si_p08_01 avz_si_p08_02

Es gibt keinen anderen Ort westlich des Bahnhofs, wo Vergangenheit und Zukunft sich so spür- und sichtbar durchwirken. Der Theilerplatz schwebt zwischen Ab- und Aufbruch. Jedes Mal, wenn ich auf einer meiner Exkursionen hier vorbeikomme, treffe ich ihn verändert an. Der «Platz» befindet sich in einem permanenten Wandel ohne je zu einer endgültigen Form zufinden. Wenn sich hier etwas verfestigt hat, ist es der Übergang.

Momentan manifestiert er sich in weissen Wänden, die zuerst scheinbar planlos in die weite Fläche hineingebaut wurden. Die erste neben dem Siemens-Parkhaus mit dem Personalrestaurant «Five Moods» im Erdgeschoss kappte die Aussicht der Gäste im Outdoor-Bereich. Weitere kamen kreuz und quer dazu. Nach und nach haben sie sich zu einer temporären Architektur zusammengefügt. Und in Kombination mit Abschrankungen, Absperrgittern, Baulatten, Schildern, Markierungen und Aufschriften ein System von Ein- und Ausschlüssen etabliert. Ihr Vokabular ist allgemein verständlich; Codes wie «Pool» bleiben jedoch rätselhaft.

Die Sorgfalt, die auf das Erstellen der zeitlichen Konstruktionen verwendet wurde, passt zur «ewigen Baustelle», die der Theilerplatz darstellt. (Die Asphaltwüste, die sich zwischen den SBB-Gleisen im Osten bis fast an die Nordstrasse im Westen erstreckt, so zu nennen, ist etwas vollmundig. Als Ortsfremder hat sich mir erst mit der Zeit erschlossen, dass die Parkierungszone in der Mitte des Siemens-Areals identisch ist mit dem im Stadtplan eingezeichneten Theilerplatz.) Er ist der Ort, wo die Zukunft schon Geschichte hat.

Sie erschliesst sich durch den Entwicklungsplan Landis & Gyr/SBB West von 2002. Darin war definiert worden, wie die Zukunft aussehen sollte. Die Grundeigentümer strebten an, das ehemalige Industrieareal zu einem Dienstleistungsstandort umzubauen. Als Gegenleistung für die gezeigte Flexibilität bei den Umzonungen erwartete die Stadt, dass die Besitzer mit ihr zusammen «ein neues Quartier schaffen, das für Arbeit, Wohnen und Freitzeit rund um die Uhr attraktiv sein wird». Dem Theilerplatz kam dabei eine Schlüsselrolle zu: Hier sollten sich Restaurants, Läden, kulturelle und gesellschaftliche Treffpunkte konzentrieren, von denen man sich endlich eine Belebung des Quartiers und eine Anbindung ans Stadtzentrum versprach – dies, nachdem bereits die Opus-Überbauung nicht gebracht hatte, was man sich von ihr ursprünglich versprochen hatte: Eine Öffnung der einstmals «verbotenen Stadt».

Kein Jahrzehnt später machte sich allerdings erneut Enttäuschung breit: Die angestrebte Integration hatte nicht stattgefunden. Der Zwischenbericht vom Stadtrat dazu, wurde vom Grossen Gemeinerat zerpflückt. Mittags sehe man Scharen von Angestellten zu Imbissbuden in der Innenstadt pilgern, weil keine Restaurants vorhanden seien, nachts sei es um den Theilerplatz dunkel etc. etc. Das Fazit: Die Stadt habe versagt. Es sei ihr nicht gelungen, sich gegenüber Siemens Respekt zu verschaffen und die Entwicklungsmöglichkeiten «im öffentlichen Interesse mit wirkungsvollen Auflagen durchzupauken». Das Ganze sei eine verpasste Chance.

Seit der Siemens-Konzern seine Pläne erneut geändert hat – statt eines Headquarters am Theilerplatz baut er nun nördlich davon einen Siemens-Campus, in den ab 2018 Verwaltung und Produktion gemeinsam einziehen werden – ist für den Theilerplatz und die im Westen gelegenen Areale die Zukunft 3.0 angebrochen. «Bald rockt dieser Platz», jubelte der Blick, als bekannt wurde, dass Siemens das 9000 m2 grosse Grundstück verkaufen will. Es gebe nun Raum für Beizen und Clubs – «gute Aussichten für Nachtschwärmer» (18.5.2012).

Ob die Freude gerechtferigt war, wird sich Anfang, Mitte der 2020er Jahre herausstellen. Überbaut wird das Gelände von der Peikert Immobilien AG. Sie hat schon den Park Tower realisiert – allerdings nicht als Hotel, wie von der Stadt vorgegeben, sondern als Wohnturm. Wird es der Stadt dieses Mal besser gelingen, ihre Wünsche gegenüber den Investoren geltend zu machen? Sie hofft nicht nur weiterhin auf eine Belebung des Quartiers durch konsumorientierte Nutzungen, sondern möchte auch die Besonderheit des Ortes bewahren. Die Gebäude am Zählerweg und an der Gartenstrasse 2a sollen erhalten bleiben. Sie will ihre Ziele nun mit einer Bebauungsplanpflicht versuchen durchzuboxen.

Wie auch immer die neue Überbauung aussehen wird, sicher ist, dass sie die Skyline von Zug wesentlich verändern wird. Die Peikert Immobilien AG will die «wesentliche Aufwertung des Quartiers mit erweiterer Nutzung und höherer Verdichtung», die das städtebauliche Grundkonzept anstrebt, mit der Realisierung von weiteren Hochhäusern erreichen. Dies brächte nicht nur den Park Tower besser zur Geltung, wie Bernhard Häni in einem Interview ausführte, sondern liesse auch Raum für öffentliche Nutzungen: «Ich könnte mir vorstellen, dass wir am Theilerplatz einen grossen Park machen und den Siehbach offenlegen, vielleicht sogar etwas verbreitern, dann Cafés rundherum, einen Treffpunkt für Alt und Jung, Gross und Klein», sagte der Peikert-Chef (zentralplus, 24.7.2015).

Die «ewige» Baustelle dürfte somit im Frühling 2020 in eine mit begrenzter Zeitdauer überführt werden – auf dann rechnet die Peikert AG mit dem Bauginn. Der Countdown des Übergangs läuft.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.