Siemens-Areal (Süd)

– Inventar des Dazwischen

Die Zuger Schleife sticht ins Auge: Zusammen mit den SBB-Gleisen umrahmt sie das Gebiet westlich des Bahnhofs in Form eines seitenverkehrten Q und lässt es auf Stadtplänen, Landkarten und Satellitenbildern deutlich hervortreten. Jedenfalls tat sie das bis vor Kurzem. Heute ist die markante Struktur in Auflösung begriffen.

Auch das von ihr umfasste Gebiet befindet sich im Wandel: Die heterogen besetzte Randzone, die jahrzehntelang durch die Entwicklung von Landis&Gyr geprägt war, wird zu einem kompakten Stadtquartier umgebaut. Noch sind Bruchlinien sichtbar. Eine Spurensuche entlang von dem, was bald nicht mehr oder noch nicht ist – und eine Bestandesaufnahme.


Siemens-Areal (Süd)

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Der Blick geht nach oben, der Kopf legt sich in den Nacken. Fensterreihe türmt sich auf Fensterreihe bis zur Dachkante, wo das Gebäude den Himmel berührt. 80 Meter ragt der dunkle, schlanke Solitär in die Höhe. Der Blick senkt sich wieder. Viele Rollläden sind heruntergelassen. Durch manche Scheiben sind Einrichtungsgegenstände zu erkennen. Die Gebäudehülle aus schlichten Fensterelementen bietet nichts, das den Blick fesseln könnte.

Er macht sich stattdessen an der Seenlandschaft fest, die am Fuss des Park Towers den Bauzaun kaschiert. Der stahlblaue Zugersee ist von schneebedeckten Bergen umkränzt, der Blick verliert sich am milchig-himmelblauen Horizont. Im Vordergrund des Bildes auf der Werbetafel sind die weisse Bauten der Grafenau sichtbar, doch die blendet man aus. Die imaginierte Aussicht lässt das turmhohe Gebäude auf der gegenüberliegenden Strassenseite für einen Moment verschwinden.

«Diejenigen, die sich hier eine Wohnung leisten können, (…) wohnen (…) nicht das ganze Jahr hier: Sind vielleicht drei Monate in New York, ein halbes Jahr hier, dann ein paar Monate in Paris», lese ich später in einem Interview mit Bernhard Häni, dem Chef der Peikert Immobilien AG (zentralplus, 24.7.2015). Diese wirbt mit dem Slogan «Traum-Aussichten mitten in der Stadt Zug» für den Park (!) Tower. Seine Worte tönen, als wäre J. Leinbachers Vision von St. Europ doch noch Wirklichkeit geworden. Die Stadt werde «eine immerwährende Ausstellung, die mehr einträgt, als die Weltausstellung 1867 den Parisern eingetragen hat», hatte er 1869 in seiner Broschüre geschrieben, mit der er Investoren für sein Projekt einer Millionenstadt in der Lorzeebene zu begeistern suchte.

Dabei schwebte wohl nicht wenigen Zugerinnen und Zugern etwas anderes vor, als sie 2003 für die Entwicklungsplanung des ehemaligen Industrieareals von Landis&Gyr (heute Siemens) votierten und damit auch dem Projekt «Foyer» grünes Licht erteilten. Dieses ging auf einen Ideenwettbewerb von 1990 zurück. Es schlug vor, den Zugang zum neuen Stadtteil und Zug-West mit einem 21-geschossigen Hochhaus zu signalisieren. Für dieses war eine Hotelnutzung mit Wohnungen und Dienstleistungen geplant. Im Erdgeschoss war ein Café-Restaurant vorgesehen und im obersten Bereich eine öffentliche Nutzung.

Vom damals In-Aussicht-Gestellten wurde nicht alles umgesetzt: Zwar setzt der Park Tower den gewünschten städtebaulichen Akzent, doch statt eines Hotels ist mit Ausnahme des Cafés im Erdgeschoss und Büros in den unteren Geschossen ein reines Wohngebäude im Stockwerkeigentum entstanden. «Damit ist nur ein Spekulationsinteressen dienender Bau übrig geblieben», so Gemeinderätin Astrid Estermann von den Alternativen/Die Grünen zu zentralplus (10.1.2014).

Dass der Peikert AG einiges daran gelegen war, die «Traum-Aussichten» exklusiv anbieten und so möglichst viel aus dem Penthouse herausholen zu können, zeigt die Tatsache, dass sie versuchte, sich von der öffentliche Nutzung im Dachgeschoss loszukaufen. 1,3 Millionen Franken bot sie der Stadt, um sie dazu zu bewegen, auf die angedachte Aussichtsplattform zu verzichten. Der Allgemeinheit sollte bloss der Anblick bleiben. Nach jahrelangem Streit ist nun aber entschieden, dass die Stadt im Park Tower einen Gesellschaftsraum realisieren kann. Stimmt der Grosse Gemeinderat dem Ausbaukredit zu, werden Zugerinnen und Zuger bald mit Blick auf die Voralpenkulisse Tagungen abhalten oder Geburtstage feiern können.

Vom vielfältigen Nutzungsmix von Wohnen, Arbeiten, Gastronomie, Hotel und Kinos sowie einem öffentlichen Stadtpark, der im Projekt «Foyer» versprochen worden war, ist das Hotel nicht das einzige, das nicht realisiert wurde. Zwar weist die städtische Vorhalle in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof die ursprünglich vorgesehenen Gebäude und den Park auf, doch von der erträumten Nutzungsvielfalt kann keine Rede sein: Das «Foyer» ist Johnson&Johnson-Gebiet. «Zumbach» und «Bossard», die beiden einzigen Cafés auf dem gesamten ehemaligen Siemens-Areal, schliessen unter der Woche schon um 19 bzw. 18 Uhr. Am Wochenende sind sie nur teilweise oder gar nicht geöffnet.

Trotzdem haben das «Foyer» und das daran angrenzende Gebiet gegen Norden und Osten ihre Qualitäten: Das Stammhaus von Siemens aus den 1930er Jahren ist erhalten geblieben (es steht unter Denkmalschutz). Im Ziegelsteinbau am Zählerweg und in den dahinterliegenden Shedhallen entlang der Aabachstrasse wird vorläufig noch produziert. Wer sich an den «Privat»-Schildern vorbeiwagt, kann noch einen Hauch der untergehenden Industrieära atmen. Das Summen von Maschinen ist zu hören. Durch die Fenster erspät man Menschen, die an ihnen arbeiten. Die Fahrradständer und die zwischen Buchsbaumhecken eingepassten Pausenbänke versprühen den Charme der Fünfzigerjahre. Sie kontrastieren mit dem Schilfweiher, der die Vorstellung einer nordischen Sumpflandschaft evoziert. Er füllt den Innenhof und die Räume zwischen den modernen Bauten des «Opus» -Dienstleistungskomplexes aus. Stellenweise ist er mit einem Gitterrost überdacht. Outdoor-Möbel dienen den Angestellten zum Relaxen. Überall spiegelt sich das Alte im Neuen und umgekehrt.

Auch an der Dammstrasse steht noch eine Shedhalle. Im Zirkus Grissini können Kids hier ihre artistischen Talente erproben. Und hinter der einstigen Pförtnerloge lässt sich erahnen, wie der alte, mit Platanen besetzte Parkplatz anmutete, der früher das ganze «Foyer»-Areal bedeckte. Ein kleines Stück ist noch erhalten. Vielleicht ist den Platanen ein zweites Leben beschieden, so wie ihren Artgenossen im «Foyer»-Park. Entlang der Dammstrasse soll ab 2019 das «Foyer Ost» entstehen: mit Büros, anderen Dienstleistungen und Wohnungen. Das Grundstück aufgekauft hat die Alfred Müller AG wegen seiner «hohen Visibilität».

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