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Der Pendler bewegt sich täglich auf derselben Wegstrecke zwischen Wohnort und Arbeitsstelle. Seine Ansichten von Zug formen sich auf dieser Wegstrecke. Welche Eindrücke haben diejenigen, welche diesen Ort Tag für Tag der Arbeit wegen streifen?

Diese Frage veranlasst Isabelle Marrel, verschiedenste Zugpendler anzusprechen. In einer kurzen Begegnung begleitet sie diese auf dem letzten Stück ihres Arbeitsweges vom Bahnhof Zug aus zu deren Arbeitsplatz und hört sich ihre Ansichten über die Stadt Zug an.

 

11.03.2015: Bahnhof Zug – Bahnhofstrasse

Ja ich kenne besonders diese Strecke gut, da es mein Arbeitsweg ist, aber ich geh auch öfters mal am Mittag beim See spazieren.
Ich finde es immer wieder bedauerlich, dass die Leute gar nicht mehr mitkriegen, wo sie denn eigentlich wohnen. Aber je länger ich darüber nachdenke, umso klarer wird mir, dass das bei mir dasselbe ist.
Das Schöne an Zug ist, dass Zug – trotz des ganzen Wahnsinns, der hier passiert – seinen Dorfcharakter erhalten hat.
Nachdem jetzt auch hier busweise „Uhrenkäufer“ angekarrt werden, finde ich es mittags nicht mehr so schön. Also nichts dagegen, ich kann ja verstehen, dass die hier alle auch an dem partizipieren wollen wie in Luzern. Aber es hat so halt ein bisschen weniger Charakter.
Man hat auch hier seine berühmten Bausünden. Nachdem der Coop City wieder neu gemacht wurde, finde ich ihn zwar schöner – er ist etwas heller. Naja, er ist weiterhin ein Klotz.

Der Eindruck von Zug entspricht eigentlich auch dem Eindruck, den man ziemlich überall bekommt. Jede Möglichkeit, um etwas zuzubauen, wird genutzt, um so das Ganze noch etwas mehr zu pushen. Das ist ja menschlich verständlich, aber ich denke, das wird irgendwann mal böse nach hinten losgehen. So was kann man nur einmal machen. Meiner Meinung nach wohnen die Leute hier auch wegen der tiefen Steuern, aber das ist dann die berühmte Klientel. Sicher auch wegen der Ruhe, der Ordnung und der Sicherheit. Ob dies dann auf die Dauer gewährleistet bleibt, wenn solche Gettos entstehen, ist fraglich.
Ich wohne jetzt schon 6 Jahre hier in der Schweiz. Es hat sich in dieser Zeit extrem viel verändert. Auch die Mentalität der Menschen. Da kommt auch immer mehr die „Geiz ist geil-Nummer“ raus. Also ich glaube nicht, dass das eine gute Entwicklung ist.

Selbst hier zu wohnen, könnte ich mir nicht erlauben. Aber abgesehen davon, könnte ich es mir doch vorstellen. Zug ist noch überschaubar – also das „reine Zug“. Das, was ein paar Meter dort weiter hinten abgeht, ist es nicht mehr.
Zug ist für mich eine Stadt, die tagsüber pulsiert und abends relativ tot ist. Und das finde ich angenehm, denn ich komme aus einem Land, wo alles liberalisiert wurde. Angefangen bei den Öffnungszeiten, usw. Das heisst, es ist den ganzen Tag etwas los, aber die Leute fühlen sich deswegen wahrlich nicht wohler. Sie können dort bis 22.00 Uhr einkaufen – aber warum müssen sie das? Diese Tendenzen spüre ich hier auch. Zudem hat Zug so gute Verbindungen zu den naheliegenden grösseren Städten wie Zürich und Luzern. Aber das schätzt man hier schon gar nicht mehr, das war einfach schon immer da. Tagsüber kommen die Leute unter anderem von Zürich hierher zum Arbeiten und abends fahren die Leute, die hier wohnen, nach Zürich um zu feiern. Das ist widersprüchlich, aber trotzdem die ganz normale Entwicklung. Sie wollen hier in Zug ja auch nicht in einer Dorfdiskothek feiern.
Und ich finde es auch toll hier, dass es so sauber ist.
Aber sagen wir es mal so: Aufgrund der äusseren Umstände, die auf die Stadt Zug wirken, hat sie sich eigentlich noch wacker gehalten. Ja, jetzt ist dann langsam fertig – wenn ich mir die Bauerei so anschaue. Schauen wir mal da in Richtung Baar, da ist ein Betonklotz an den anderen gebaut. Solange es noch immer wunderbar nach vorne geht, ist das alles toll. Dann werden die auch vermietet. Irgendwann, wenn die Säge aber mal klemmt, dann werden solche Gegenden ganz schnell zu dem, was wir schon erlebt haben. Das kann man sich in anderen Ländern schon lange angucken. Das verstehe ich nicht immer so ganz. Denn es gibt so viele Dinge, die man sich bei anderen abschauen könnte. Wenn man das nicht wüsste, wäre es ok. Aber so ist es nicht. Und dann ist es eher ein extremer Egoismus. Natürlich kann man im Moment bei diesen Grundstückpreisen eine hohe Rendite machen. Aber für spätere Generationen wird’s schwierig werden. Aber eben, Zug hat sich auf dieses Geschäftsmodell eingelassen.

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«Die „Tagesbevölkerung“ des Kantons Zug ist um rund 19’000 Personen grösser als die „Nachtbevölkerung“.»
(Pendlerstatistik, Fachstelle für Statistik, Kanton Zug)

«Die Pendlerströme gegenüber den Kantonen Zug und Zürich haben sich im letzten Jahrzehnt verdoppelt und neuerdings pendeln mehr Zürcher nach Zug als umgekehrt.» 
(Der Kanton Zug: Struktur und Perspektiven, Credit Suisse)

 

Der Pendler bewegt sich täglich auf derselben Wegstrecke zwischen Wohnort und Arbeitsstelle. Seine Ansichten von Zug formen sich auf dieser Wegstrecke. Welche Eindrücke haben diejenigen, welche diesen Ort Tag für Tag der Arbeit wegen streifen?

Diese Frage veranlasst Isabelle Marrel, verschiedenste Zugpendler anzusprechen. In einer kurzen Begegnung begleitet sie diese auf dem letzten Stück ihres Arbeitsweges vom Bahnhof Zug aus zu deren Arbeitsplatz und hört sich ihre Ansichten über die Stadt Zug an.

 

18.02.2015: Bahnhof Zug – Gartenstadt

Ich habe die letzten 10 Jahre immer an meinem Wohnort gearbeitet, Pendeln ist von dem her schon etwas Neues für mich. In diesen wenigen Arbeitstagen hier habe ich schon gemerkt, dass man hier genauso schnell zu Fuss die Arbeitsstelle erreicht wie mit ÖV. Anstatt entlang der schnellen Baarerstrasse, gehe ich meist auf den Parallelstrassen hinten durch zur Arbeit. Das ist viel angenehmer und spannender.

Beim Pendeln probiert man zu Beginn aus, wie man am schnellsten von A nach B kommt und wenn man das drauf hat, zieht man dies dann meist immer so durch. Man zirkelt ab, wann genau der Zug fährt und schaut, dass man ihn schnell erwischt.
Dann geht man direkt oder möglichst direkt vom Bahnhof ins Büro und wieder heim.

Als Pendler hat man überhaupt keinen touristischen Eindruck der Stadt. Wenn man sich die Homepage der Stadt Zug anschaut, denkt man „wow, das ist ja wahnsinnig schön hier“. Aber wenn man morgens um 07:30 Uhr mit dem Interregio in die Stadt einfährt, ist der Eindruck ein total anderer. Man ist unter Zeitdruck, anders, als wenn man auf dem Zugerberg spazieren geht oder am See flaniert.

Mich reizt es, auch noch andere Orte von Zug kennen zu lernen – solche, wo man eben nicht durchkommt beim Pendeln. Bis jetzt kenne ich einen Teil am See und einen Teil der Altstadt. Die Stadt als Ganzes muss ich durch meine berufliche Tätigkeit erst kennenlernen. Für mich ist diese Arbeit darum total spannend, weil ich so ständig Neues entdecken kann.

Speziell an Zug empfinde ich dieses Entwicklungsgebiet, wenn man von Zürich in die Stadt reinfährt. Das Ausmass an Bauten ist schon recht gross.
Wenn man durch die Altstadt geht, hat man nicht das Gefühl, am gleichen Ort zu sein. Bei anderen Städten wie Zürich und Bern hat es um diese Altstadt herum noch eine Stadt aus dem 19. Jahrhundert. In Zug treffen Altstadt und Neubauten fast unmittelbar aufeinander. Zug ist sehr dicht bebaut. Es ist eine Stadt mit vielen verschiedenen Gesichtern, die sich sehr stark unterscheiden. Wenn man von aussen her kommt, merkt man auch nicht wirklich, wo die Stadt anfängt und aufhört. Zug und Baar scheinen zusammenzuwachsen.

Ich bin gewohnt, in einer Stadt zu wohnen, die eine andere Masse hat, mit städtischen Wohnquartieren. Zug ist mir etwas zu klein als Stadt. Bern scheint mir da schon städtischer. Ich habe immer in grösseren Städten gewohnt – auf der ganzen Welt.
Zug ist für mich irgendwie nicht so eine Stadt, auch wenn es Merkmale einer Stadt hat. Es fehlt hier so etwas wie ein Stadtkörper, Masse. Die kleinteilige Altstadt hat schon etwas Städtisches. Sie ist sehr schön, aber irgendwie auch speziell mit diesen Lädeli, wo es gar nicht so normale Dinge zu kaufen gibt. Das Drumherum, was ich davon gesehen habe, empfinde ich schon nicht mehr als Stadt.
Vom Funktionellen her ist Zug wohl eine Stadt, aber auf mich hat sie nicht diese Wirkung. Wenn man von aussen kommt, scheint Zug schon recht klein.
Dieses Quartier Gartenstadt hier ist ein spezielles Gebiet. Ich glaube, ein Gebiet dieses Charakters gibt es in Zug sonst nicht.

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Roger Amgwerd (RA) und Adrian Bättig (AB) stellen Vorlagen für Spazierwege zu Ansichten von Zug her. Dazu bestimmen RA AB Spielregeln mit Hilfe eines Stadtplanes und eines Lineals. Sie ziehen eine Linie. Das Ziel des Spieles: RA AB spazieren möglichst nahe der Linie entlang und sprechen über jene Sichtpunkte auf die Stadt, die ihre Gedankengänge schrittweise provozieren.

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Roger Amgwerd (RA) und Adrian Bättig (AB) ziehen auf der Stadtkarte eine Linie vom Kap zum Kunstraum am Blumenweg.

RA AB gehen möglichst nahe an der Linie im Zickzack durch die Gassen der Altstadt. Kurz vor ihrem Aufstieg zum Guggi bleiben sie bei einer Baustelle stehen, die einen Leerraum zwischen Häusern besetzt.

AB: Die verschiedenen Architektursprachen, die hier zusammenkommen und mittendrin die Baustelle, dies finde ich sehr interessant. Mir fallen dazu zwei Dinge ein. Vor gut zehn Jahren war ich in Porto, wo gerade eine U-Bahn gebaut wurde. Die halbe Stadt sah wie dieser Ort hier aus, da überall die Zugänge zu den Stationen gebaut werden mussten. Die von den Baustellen besetzten Plätze hatten etwas Wüstes, aber auch Brodelndes, Vitales und Vielversprechendes. Man fragt sich hier, was der Plan ist, wie es aussehen wird, wenn die Bauerei beendet ist. Weiter denke ich an ein Bild des italienischen Futuristen Umberto Boccioni mit dem Titel „Der Lärm der Strasse dringt ins Haus“. Darauf sieht man eine Baustelle, natürlich damals mit Pferdefuhrwerken betrieben, die ihren Lärm und ihre Dynamik zu den umliegenden Häusern hochschickt, nur mit den Mitteln von Malerei dargestellt. Das 100 Jahre alte Bild versprüht für mich immer noch die Aufbruchstimmung, die am Beginn der Moderne herrschte.

RA:. Der sich türmende Bauschutt, die Maschinen, die Mauern und die riesige Hecke dazwischen bilden ein regelrechtes Wirrwarr. Ich weiss nicht, wo der Platz anfängt und wo er aufhört. Was verdecken eigentlich die Bauplanen in der Mitte des Platzes? Wäre dies eine Bühne, so fände ich die Inszenierung des Geheimnisses in der Mitte sehr gelungen.

AB: Vielleicht wird dort nach archäologischen Funden gegraben…

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Vom „Löberenberg“, einer erhöht gelegenen Ebene über der Stadt Zug, geht es hinunter in die Stadt. Zwischen den Häusern eröffnet sich ein Blick auf eine dichte Ansammlung von Bauten. An dieser Hangkante vollzieht sich ein kontinuierlicher Übergang von einem Wohnquartier mit viel Grün zu einem dicht bebauten Stück Stadt, der Neustadt, oder wohl eher dem Quartier „Hinter-Neustadt“. Das Quartier schliesst an der Hauptachse des ehemaligen Industriequartiers, der Industriestrasse an und wird heute durch den Hang, die Gotthardstrasse, die Poststrasse und den Guggiweg begrenzt.

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