Archiv

Schlagwort-Archive: sozialer Raum

– Inventar des Dazwischen

Die Zuger Schleife sticht ins Auge: Zusammen mit den SBB-Gleisen umrahmt sie das Gebiet westlich des Bahnhofs in Form eines seitenverkehrten Q und lässt es auf Stadtplänen, Landkarten und Satellitenbildern deutlich hervortreten. Jedenfalls tat sie das bis vor Kurzem. Heute ist die markante Struktur in Auflösung begriffen.

Auch das von ihr umfasste Gebiet befindet sich im Wandel: Die heterogen besetzte Randzone, die jahrzehntelang durch die Entwicklung von Landis&Gyr geprägt war, wird zu einem kompakten Stadtquartier umgebaut. Noch sind Bruchlinien sichtbar. Eine Spurensuche entlang von dem, was bald nicht mehr oder noch nicht ist – und eine Bestandesaufnahme.


Siemens-Areal (Süd)

avz_si_p07_01 avz_si_p07_02

Der Blick geht nach oben, der Kopf legt sich in den Nacken. Fensterreihe türmt sich auf Fensterreihe bis zur Dachkante, wo das Gebäude den Himmel berührt. 80 Meter ragt der dunkle, schlanke Solitär in die Höhe. Der Blick senkt sich wieder. Viele Rollläden sind heruntergelassen. Durch manche Scheiben sind Einrichtungsgegenstände zu erkennen. Die Gebäudehülle aus schlichten Fensterelementen bietet nichts, das den Blick fesseln könnte.

Weiterlesen …

Spielwarengeschäft Franz Carl Weber, Bahnhofstrasse 28. Das Gebäude wird Steinhof genannt. Glas, Aluminium und weisse Steinbodenplatten, bei Nässe rutschig.

Seit ich ein Kind war, befindet sich an dieser Stelle dieser Laden. Vielleicht ist das bemerkenswert. Vielleicht ist es auch bemerkenswert, dass heute mehr als 90 weitere Firmen im Steinhof domiziliert sind. Ein Gedränge muss das sein. Ein paar Arztpraxen sind ja auch noch da.

Bei Franz Carl Weber, in diesem Paradies, endete der Spaziergang, der meinen Schulfreund und mich nach Unterrichtsende durch die Stadt geführt hatte.

Unser Mathematiklehrer war ein grosser, schöner, rätselhafter Mann. Ich tat in seinen Lektionen nichts anderes, als seinem Blick auszuweichen. Er hatte sich irgendwann im laufenden Schuljahr den Spass erlaubt, uns mit «Kinder» anzureden. Das hatte uns 14-Jährige heftig empört.

Im Kinderparadies hielt ich mir wieder den Fotoapparat vors Gesicht und machte ein Bild von diesem Kind, das mit Legos spielte. Beide spielten wir: das Kind mit Legos, ich mit dem Fotoapparat.

Zug Steinhof Franz Carl Weber Dezember 1972

Weiterlesen …

Zug Hirschenplatz Dezember 1972

Das Foto habe ich vor vielen Jahren während eines Spaziergangs in Zug aufgenommen. Er führte vom Schulhaus Athene zum Spielwarengeschäft Franz Carl Weber.

Als ich ihr das Foto zeige, sagt die junge Frau im Fotogeschäft an der Ecke Ägeristrasse–Zeughausgasse: «Ich weiss, wo das ist. Dort werden auch heute noch Weihnachtsbäume verkauft». Und bei ihr, in diesem Laden, gibt es heute noch Filme zu kaufen, Fotopapiere, Fotochemikalien.

Vor ein paar Wochen habe ich ihr zwei Filme zum Entwickeln gebracht, zwei Kodak Tri X, und hole sie nun ab. Mit einem Kodak Tri X fotografierte ich auch damals, auf jenem Spaziergang vom Schulhaus Athene zum Spielwarengeschäft Franz Carl Weber.

Weiterlesen …

Auf meinen Klangausflügen durch die Stadt Zug habe ich einige Überraschungen erlebt, die ich in dem Ausmasse nicht erwartet hätte. Dass die Klangkulisse in der Innenstadt entlang der Hauptverkehrsachse sehr laut sein wird, habe ich vermutet. Dass gewisse Orte, wie die Badeanstalt Siehbach oder der Platz hinter dem Neustadt Schulhaus, ruhig sein werden, wusste ich. Überrascht hat mich aber zum Beispiel die Ruhe des Bahnhofsplatzes. Wirklich erstaunt war ich aber über die sehr schnell stark ändernden akustischen Klanglandschaften auf engem Raum, die mir zuvor noch nie bewusst in der Stadt aufgefallen sind. Einer dieser extremen Änderungen findet zwischen Kolinplatz und Landsgemeindeplatz statt. Die Plätze sind über das schmale Gässchen vor der Polizei beinahe miteinander verbunden, klanglich jedoch komplett unterschiedlich. Im Gegensatz zu dem lauten, verkehrsreichen, hektischen Kolinplatz ist der Landsgemeindeplatz wunderbar ruhig und friedlich. Die nördliche Häuserreihe schottet den Platz ziemlich effektiv vom Verkehrslärm der Neugasse ab. Der grosse weitläufige Landsgemeindeplatz ist nicht nur ruhig, sondern wirkt auch akustisch „überschaubar“. Diese Tatsache verdankt er mit grosser Wahrscheinlichkeit seiner Geschichte und früheren Funktion und mit dem Glück, dass sich der Platz trotz Umgestaltungen nicht gross verändert hat und verkehrsfrei geblieben ist.
Am 2. Mai 1847 fand die letzte ordentliche Landsgemeinde der Stadt Zug statt. Der 19. Ausgabe von der liberal ausgerichteten Zeitung „Der freie Schweizer“ vom 7. Mai 1847 entnehmen wir dazu folgenden Bericht (Auszug):

“Der erste Maisonntag versammelte die Bürger von Stadt und Land wieder zur alljährlich ordentlichen Landesgemeinde; obgleich von äußerst warmen Frühlingslüften begünstigt, war sie dennoch nicht ausnehmend stark besucht. Die Befürchtungen der „katholischen Staatszeitung aus Luzern“ traten nicht ein; es fand keine Störung im gewöhnlichen Gang der Geschäfte statt. Außer dem Wirbeln des Tambours und dem vielleicht ermüdenden Unisono der Lobredner Zugerischer Zustände auf der Tribüne, dem aber die muntere Schaar der Bergleute von Menzingen mit ihrer heiteren, lebensfrohen Musik Anfang und Ende setzten, vernahm das Ohr des Zuhörers nichts Außergewöhnliches. – Hr. Landammann, C. Bossard, eröffnete die Landsgemeinde mit einer kurzen, passenden Anrede an das Volk und die versammelten Landesväter; er schilderte die Bedeutung des Tages und das Erhabene des Anblickes, den ein ganzes Volk, welches sich an einer durch die Geschichte geweihten Stätte versammelt um in ernster Stimmung des Bürgers höchste Rechte und Pflichten auszuüben, gewährt. Einen Gesammtüberblick auf das Zugerische Staatsleben werfend, äußerste er sich in sehr wohlwollender Weise über den Ruhe und Frieden liebenden Sinn des Zuger’schen Volkes, so daß ihm das Lob zu Theil werden müsse, unter allen Völkern des schweizerischen Staatenbundes vielleicht das einzige zu sein, welches von Anarchie oder gewaltsamer Umwälzung seither frei geblieben sei. Nachdem er von seiner Kenntniß der speziellen Landesgeschichte durch die Erzählung des Umstandes, der wie vielte Ammann, der die Landsgemeinde präsidiere, er sei, Zeugniß zu geben versucht, die Würde der Amtstelle als eine durch die Zeitverhältnisse drückende Bürde erklärt, sich des weitern belobend über die Verwaltung und deren verschiedene Zweige ausgesprochen hatte, legte er die Ammannsstelle zur freien Verfügung in die Hände des Volkes nieder. – Der Reihe nach trugen nun die durch den ersten Landschreiber zur Umfrage aufgerufenen Präsidenten der verschiedenen Kantonsgemeinden auf die Bestätigung des Hrn. Landammann C. Bossard in seiner Amtswürde wiederum an, welcher sodann in dieser Eigenschaft die Landsgemeinde weiter führte. – Es folgte nunmehr die verfassungsgemäße Bestätigung der ersten Landschreibers und die Wahlen der Gesandten für nächstfolgende Tagsatzung in Bern. Hr. I. A. Schön wurde im Amte eines ersten Landschreibers wiederum bestätigt. Zu Tagsatzungsgesandten wurden auf Vorschlag des Hr. Statthalters Keiser-Imhof die beiden HH. Landammänner, Bossard und Hegglin, jener als erster, dieser als zweiter, gewählt. Nach Erschöpfung der Traktanden und feierlicher Beeidigung der Landsgemeinde durch den vorsitzenden Herrn Landammann, waren die Verhandlungen als geschlossen erklärt.“

Weiterlesen …

Städte bestehen nicht nur aus Stein und Beton, sie bilden ein Soziogeflecht aus Handlungen und Begegnungen und sind vor allem die Summe der Aktionen und Interaktionen ihrer Bewohner.

Bei vielen Architekturen der Moderne gelingt es nicht Zwischenräume und öffentliche Orte zu erzeugen, die mehr als nur funktionale Verbindungen sind.

Wie könnte man einen Ort umfunktionieren und als möglichen Treffpunkt neu öffentlich nutzbar machen?
Als was sollte die perfekte Stadt fungieren? Als eine „selfmade city“, dessen architektonische Qualitäten sich den Notwendigkeiten des Alltags und an die neuen Erfordernisse anpassen, oder als eine mit durchrationalisierten Gebäuden, in der man sich ungeheure Mühe geben muss, um etwas Spontanität zuzulassen, da unser Benehmen von Normen und Vorschriften reguliert wird?

Als bebaute Umwelt nimmt die Architektur in Zug großen Einfluss auf das Arbeits- und Wohnleben, da die Stadt eine Vielzahl an räumlichen Strukturen und Infrastrukturen bietet. Hier stellt sich die Frage nach der Interaktion des Stadtraums auf die Freizeit. Wie spielt sich die Freizeit im Stadtzentrum ab, wie wird gestaltet und animiert und wie verändert sich das Stadtleben im öffentlichen Raum?

Nimmt die städtebauliche Entwicklung Einfluss auf das Privatleben oder ist die Veränderung des Verhältnisses zwischen Stadtraum und Bewohnern der Globalisierung, den neuen Trends und der Digitalisierung zuzuschreiben, welche die Aktivitäten im Freien in organisierten Freizeitanlagen mit umfangreichen Freizeitprogrammen oder in die häuslichen Privatsphären schieben?

avz_pc_p03_01 Weiterlesen …