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Schlagwort-Archive: Wachstum

Vor dreissig Jahren kam ich von New York in die Schweiz. Ich hatte bisher mein Leben in Grosstädten verbracht, Brooklyn, Manhattan und San Francisco. Und dann plötzlich Zug! Mein erster Eindruck war, dass ich auf einer “Farm” gelandet war! Wo waren all die Leute auf der Strasse, warum waren die Läden nicht immer geöffnet, usw., usw.???

Mit meinen ersten Deutschkenntnissen übersetzte ich Stadt nur mit “city” und machte mich auf den Weg nach downtown Zug, mich wundernd, wo die “city” war. Es scheint mir nun, 2015, Zug erreicht so etwas wie einen “small city” Status (habe ich meine Erwartungen der Realität angepasst ?). Was aber noch fehlt, ist ein herausragendes Wahrzeichen. Paris hat den Eiffelturm, San Francisco die Golden Gate Bridge, New York das Empire State Building, Berlin das Brandenburger Tor.

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Der Pendler bewegt sich täglich auf derselben Wegstrecke zwischen Wohnort und Arbeitsstelle. Seine Ansichten von Zug formen sich auf dieser Wegstrecke. Welche Eindrücke haben diejenigen, welche diesen Ort Tag für Tag der Arbeit wegen streifen?

Diese Frage veranlasst Isabelle Marrel, verschiedenste Zugpendler anzusprechen. In einer kurzen Begegnung begleitet sie diese auf dem letzten Stück ihres Arbeitsweges vom Bahnhof Zug aus zu deren Arbeitsplatz und hört sich ihre Ansichten über die Stadt Zug an.

 

29.04.2015: Bahnhof Zug – Mattenstrasse

Vielleicht können die Einheimischen besser sagen, dass Zug sich verändert hat. Das sieht man ja überall. Ich pendle schon seit einigen Jahren nach Zug.
Ja, meistens begehe ich diese Strecke, da sie mein Arbeitsweg ist. Man hört die Veränderung schon beim aneinander Vorbeigehen: Russisch und Englisch.
In Zug dreht sich vieles ums Geld. Auch jetzt mit den Sparübungen, die man machen will. Dies geht zum grössten Teil zu Lasten der Angestellten. Eine Steuererhöhung steht nicht zur Diskussion. Man hat sich eben dem Geld verkauft.
Hoffentlich ändert sich das auch einmal wieder, aber momentan geht es in Zug in erster Linie um das Geld.
Zug ist im Prinzip keine Stadt, es ist mehr ein Dorf, das überrennt wurde vom Kapital.
Ja, ich gehe immer dieser Hauptachse entlang da nach vorne. Auf dieser Strecke gibt es nicht so viel Interessantes. Erlebnisse hatte ich bisher hier kaum spannende. Wenn man etwas erleben will, geht man eher nach Zürich.
Nein, ich pendle momentan von Zofingen, aber das auch erst seit kürzerem. Nach Zug würde ich nicht ziehen wollen. Die Wohnungsmieten sind hier total überhöht. Der kürzere Arbeitsweg wäre ein Vorteil, ist aber für mich nicht so zwingend nötig. Abgesehen davon hat es in Zug noch mehr Nebel als in Zofingen.
Am See unten kenne ich noch das Casino. Diese Gegend kann man noch am ehesten jemandem empfehlen − die meisten finden sie attraktiv.
Zug hat es mit dem Wachstum eindeutig übertrieben und man hat auch etwas geprasst. Die Frage ist, ob die Wirtschaft so lange durchhält, sonst kann es dann schon mal einen ziemlichen Absturz dieses Kantons geben.
Ein bisschen mehr Bescheidenheit wäre sicher nicht schlecht. Dann gäbe es auch keine Finanzprobleme.

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Der Pendler bewegt sich täglich auf derselben Wegstrecke zwischen Wohnort und Arbeitsstelle. Seine Ansichten von Zug formen sich auf dieser Wegstrecke. Welche Eindrücke haben diejenigen, welche diesen Ort Tag für Tag der Arbeit wegen streifen?

Diese Frage veranlasst Isabelle Marrel, verschiedenste Zugpendler anzusprechen. In einer kurzen Begegnung begleitet sie diese auf dem letzten Stück ihres Arbeitsweges vom Bahnhof Zug aus zu deren Arbeitsplatz und hört sich ihre Ansichten über die Stadt Zug an.

 

11.03.2015: Bahnhof Zug – Bahnhofstrasse

Ja ich kenne besonders diese Strecke gut, da es mein Arbeitsweg ist, aber ich geh auch öfters mal am Mittag beim See spazieren.
Ich finde es immer wieder bedauerlich, dass die Leute gar nicht mehr mitkriegen, wo sie denn eigentlich wohnen. Aber je länger ich darüber nachdenke, umso klarer wird mir, dass das bei mir dasselbe ist.
Das Schöne an Zug ist, dass Zug – trotz des ganzen Wahnsinns, der hier passiert – seinen Dorfcharakter erhalten hat.
Nachdem jetzt auch hier busweise „Uhrenkäufer“ angekarrt werden, finde ich es mittags nicht mehr so schön. Also nichts dagegen, ich kann ja verstehen, dass die hier alle auch an dem partizipieren wollen wie in Luzern. Aber es hat so halt ein bisschen weniger Charakter.
Man hat auch hier seine berühmten Bausünden. Nachdem der Coop City wieder neu gemacht wurde, finde ich ihn zwar schöner – er ist etwas heller. Naja, er ist weiterhin ein Klotz.

Der Eindruck von Zug entspricht eigentlich auch dem Eindruck, den man ziemlich überall bekommt. Jede Möglichkeit, um etwas zuzubauen, wird genutzt, um so das Ganze noch etwas mehr zu pushen. Das ist ja menschlich verständlich, aber ich denke, das wird irgendwann mal böse nach hinten losgehen. So was kann man nur einmal machen. Meiner Meinung nach wohnen die Leute hier auch wegen der tiefen Steuern, aber das ist dann die berühmte Klientel. Sicher auch wegen der Ruhe, der Ordnung und der Sicherheit. Ob dies dann auf die Dauer gewährleistet bleibt, wenn solche Gettos entstehen, ist fraglich.
Ich wohne jetzt schon 6 Jahre hier in der Schweiz. Es hat sich in dieser Zeit extrem viel verändert. Auch die Mentalität der Menschen. Da kommt auch immer mehr die „Geiz ist geil-Nummer“ raus. Also ich glaube nicht, dass das eine gute Entwicklung ist.

Selbst hier zu wohnen, könnte ich mir nicht erlauben. Aber abgesehen davon, könnte ich es mir doch vorstellen. Zug ist noch überschaubar – also das „reine Zug“. Das, was ein paar Meter dort weiter hinten abgeht, ist es nicht mehr.
Zug ist für mich eine Stadt, die tagsüber pulsiert und abends relativ tot ist. Und das finde ich angenehm, denn ich komme aus einem Land, wo alles liberalisiert wurde. Angefangen bei den Öffnungszeiten, usw. Das heisst, es ist den ganzen Tag etwas los, aber die Leute fühlen sich deswegen wahrlich nicht wohler. Sie können dort bis 22.00 Uhr einkaufen – aber warum müssen sie das? Diese Tendenzen spüre ich hier auch. Zudem hat Zug so gute Verbindungen zu den naheliegenden grösseren Städten wie Zürich und Luzern. Aber das schätzt man hier schon gar nicht mehr, das war einfach schon immer da. Tagsüber kommen die Leute unter anderem von Zürich hierher zum Arbeiten und abends fahren die Leute, die hier wohnen, nach Zürich um zu feiern. Das ist widersprüchlich, aber trotzdem die ganz normale Entwicklung. Sie wollen hier in Zug ja auch nicht in einer Dorfdiskothek feiern.
Und ich finde es auch toll hier, dass es so sauber ist.
Aber sagen wir es mal so: Aufgrund der äusseren Umstände, die auf die Stadt Zug wirken, hat sie sich eigentlich noch wacker gehalten. Ja, jetzt ist dann langsam fertig – wenn ich mir die Bauerei so anschaue. Schauen wir mal da in Richtung Baar, da ist ein Betonklotz an den anderen gebaut. Solange es noch immer wunderbar nach vorne geht, ist das alles toll. Dann werden die auch vermietet. Irgendwann, wenn die Säge aber mal klemmt, dann werden solche Gegenden ganz schnell zu dem, was wir schon erlebt haben. Das kann man sich in anderen Ländern schon lange angucken. Das verstehe ich nicht immer so ganz. Denn es gibt so viele Dinge, die man sich bei anderen abschauen könnte. Wenn man das nicht wüsste, wäre es ok. Aber so ist es nicht. Und dann ist es eher ein extremer Egoismus. Natürlich kann man im Moment bei diesen Grundstückpreisen eine hohe Rendite machen. Aber für spätere Generationen wird’s schwierig werden. Aber eben, Zug hat sich auf dieses Geschäftsmodell eingelassen.

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Dass Bäume der Vögel wichtigster Lebensraum sind, unser Landschaftsbild verschönern und zum Klettern animieren, wissen die Menschen zwischen Rorschach und Lausanne, aber nur Leute, die in wirklich exklusiven Lagen wohnen, vorzugsweise als Stockwerkeigentümer an Hanglage in Zug, sind sich im Klaren darüber, dass Bäume eigentlich stören. Sie rauben uns den Seeblick.

So kam es, dass an der Eigentümerversammlung das Traktandum „Baum“ zu behandeln war. Die drei Eschen in unmittelbarer Nähe zum Kinderspielplatz waren kaum gepflanzt und streckten ihre zierlichen Äste mit den wenigen, im Sonnenlicht fast durchsichtig schimmernden Blättern erst zaghaft gegen aussen, schon wurden sie zum Thema. Die Eigentümerin aus dem 3. Stock schlug vor, die Höhe der Bäume – es waren eher Bäumchen – „einzufrieren“: Konkret gefordert wurde ein Wachstumsstopp. Man möge doch bitte bereits jetzt, so der Vorschlag, wo der Baum noch nicht allzu weit gediehen sei, dessen definitive Höhe bestimmen: bis hierher – und nicht weiter. Der Einwand eines Sitzungsteilnehmers, die Bäume würden dereinst als Schattenspender für im Sandkasten spielende Kinder eine wichtige Funktion einnehmen, wurde umgehend, mit energischer Handbewegung negiert: „Die Kleinen können einen Sonnenhut anziehen!“ Es war klar, worauf die Angelegenheit hinauslief: die Dame hatte ihre Wohnung mit dem wertsteigernden Hinweis „Seeblick“ gekauft und dieser – nicht ein diffuser Blätterblick – sollte auch bei einem allfälligen Wiederverkauf erwähnt werden können. Dass Bäume wachsen, hatte der Dame zuvor niemand gesagt. (Und dass der Schnitt das Wachstum anregt, schon gar nicht)

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Städte bestehen aus festgefügten Architekturen und sind doch permanenten Veränderungen unterworfen. Im Zuge der Globalisierung hat sich ein radikalisierter Kapitalismus über alle Grenzen hinweg zunehmend aller Lebensbereiche und der Stadt bemächtigt.

Zug ist eine Stadt der Widersprüche. Es ist eine Stadt, die zwischen Alt und Neu balanciert, zwischen den Zugstämmigen und den Neuansässigen, den Neureichen und den Geringverdienern. In den letzten Jahren sind diese Widersprüche angesichts des Rekords niedriger Steuerraten noch sichtbarer geworden.

Ungezügelte Geschwindigkeit begleitete den Bau von Luxuswohnblocks, Büroräumen und Geschäften, die zum Kennzeichen des „neu entwickelten“ Zug geworden sind.

Aus meiner Sicht, muss sich das architektonische Wachstum der Stadt den Notwendigkeiten des Alltags anpassen. Eher als der Wandel der Stadt, interessiert mich die Geschwindigkeit der Neuerung und deren Konsequenzen und Wirkungen, die auf die Einwohner Einfluss nehmen, sowie auch die Frage, in welchem Maß diese Bauschnelligkeit unser tägliches Leben beeinflusst.

Städte werden von uns verändert, und gleichzeitig verändern sie unser Verhalten, unser Benehmen und unsere zwischenmenschliche Beziehungen.

 

Mit meinem Video ziehe ich die Aufmerksamkeit auf die Beschleunigung des Wachstums und möchte dessen Auswirkung spüren lassen.

Das Video wurde an der Hofstrasse 9 aufgenommen, den 22. Januar 2014 von 15.00 bis 16.00. Eine Stunde des Hofstrasse-Lebens habe ich in 5 Minuten konzentriert.