Von 18 bis 24 Uhr

– Zug vom ersten bis zum letzten Zug

Ich bin in Baar aufgewachsen, habe meine Jugend in Zug verbracht. Weggezogen hat es mich bald. Ich hatte mich nie wirklich heimisch gefühlt in Zug, und doch ist diese Stadt Teil meiner Biografie. Also entschied ich, für diesen Blog wieder einmal einen ganzen Tag in Zug zu verbringen – vom ersten bis zum letzten Zug.


Von 18 bis 24 Uhr

Als ich mich in einem Café in der Altstadt aufwärme, überhöre ich das Gespräch zweier Männer neben mir. Auf Englisch unterhalten sie sich über die Integration von Flüchtlingen. Ich spreche sie an, sie arbeiten für einen grossen Konzern, sind seit zwei Jahren in Zug, ein Franzose und ein Rumäne. Sie entschuldigen sich für ihr schlechtes Deutsch, mit Zugern hätten sie kaum Kontakt. Zug gefällt ihnen aber sehr, sagen sie, die Natur sei fantastisch, die zentrale Lage, und wieder der See.
Kurz zuvor war ich noch im See gestanden. Eine Installation von Roman Signer macht‘s möglich, eine steile Treppe führt ins Wasser, durch eine Scheibe blickt man in das sanfte Grün, das Licht bricht sich an der Oberfläche. Mit etwas Geduld kann man Fische vorbeiziehen sehen. Geduld haben aber die wenigsten, die herunterkommen, ein kurzer Blick ins Leere, dann steigen sie wieder hoch.

Um 20 Uhr treffe ich Celestin am Bahnhof, er ist 18, in Zug aufgewachsen, nicht immer hatte er es einfach mit seinem Drang, seinen Platz zu finden in dieser Gesellschaft, in dieser Stadt. Schnell kommen wir wieder auf die Natur zu sprechen, er mache eine Lehre als Landschaftsgärtner, die Arbeit gefällt ihm, doch mit dem Betrieb ist er nicht ganz zufrieden. Zu oft werde hier gegen die Natur gearbeitet, gerade im Kanton Zug hätten die Leute gerne sterile, saubere Gärten. Ich muss an die Fotos denken, die ich am Nachmittag gemacht habe.

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Überhaupt, die Monokulturen, er wünschte sich auch eine lebendigere Kulturszene, weniger Konsumhaltung, mehr Inititative, mehr Freiräume. Er macht selber Musik, malt, engagiert sich. Und er ist doch gerne hier, es ist seine Heimat, noch ist er nicht weggezogen. Und sein liebster Ort in der Stadt? Der Park hoch über dem Postplatz. Ich weiss sofort, welchen Ort er meint, die drei Linden, es war auch immer einer meiner Lieblingsplätze gewesen, also spaziere ich nach unserem Gespräch dorthin, um diese Zeit ist der Weg zum Aussichtspunkt beinahe gespenstisch dunkel, während rundherum die Stadt leuchtet, die Aussicht ist atemberaubend.

Noch zwei Stunden bleiben mir bis zum letzten Zug, es wird kalt, ich spaziere den Geleisen entlang zum rieisgen rosa beleuchteten Parkhaus, ein seltsam futuristisches Gebäude, dahinter das Siemens-Areal, um diese Zeit menschenleer, mit dunkel schimmernden Gewässern zwischen den spiegelnden Gebäuden.
Noch einmal zum See, die Ampeln blinken, sie brauchen den Verkehr nicht mehr zu regeln um diese Zeit. Schwarz liegt der See nun vor der Stadt, und ich spaziere müde zurück zum Bahnhof, 23.58 Uhr, letzter Zug nach Hause. Diese Stadt einen Tag lang zu beobachten, es war eine interessante Erfahrung.

 

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