Von 9 bis 12 Uhr

– Zug vom ersten bis zum letzten Zug

Ich bin in Baar aufgewachsen, habe meine Jugend in Zug verbracht. Weggezogen hat es mich bald. Ich hatte mich nie wirklich heimisch gefühlt in Zug, und doch ist diese Stadt Teil meiner Biografie. Also entschied ich, für diesen Blog wieder einmal einen ganzen Tag in Zug zu verbringen – vom ersten bis zum letzten Zug.

 

Von 9 bis 12 Uhr

Nur zwei Bilder habe ich geschossen zwischen 9 und 12 Uhr, eines von Adam beim Kaffee im Coop-Restaurant, mit Blick auf den Bundesplatz, der für mich immer noch Epaplatz heisst. Kurz vor Mittag füllt sich der Raum, gesprochen wird meist Englisch. Adam und ich unterhalten uns auf Deutsch. Er lacht: nun hat er sich so Mühe gegeben, die Sprache zu lernen, und dann würden die Leute hier gar nicht Deutsch, sondern Schweizerdeutsch sprechen.

Das andere Bild schoss ich vom Bahnhof. Dort treffe ich Adam. Dort traf Adam ein vor bald zwei Jahren, dort endete seine Flucht aus dem Tschad.

Wir spazieren zum See und setzen uns auf eine Bank, die Sonne wärmt bereits, und er beginnt mir seine Geschichte zu erzählen. Adam stammt aus dem Tschad, regierungskritische Ansichten brachten Probleme. In Libyen erhielt er Arbeit in der Botschaft Tschads, doch auch dort zwang ihn seine kritische Haltung ebenso wie die Wut auf Schwarzafrikaner unter Ghadafi bald wieder zur Flucht, an der tunesischen Grenzen blieb er in einem Flüchtlingslager hängen, begann als Dolmetscher zu arbeiten. Das Lager verlassen durfte er nicht, ohne Pass sass er fest und entschloss, nach drei Jahren endlich eine neue Perspektive zu suchen. Was folgte, war eine Geschichte, die uns zur Zeit zu täglich durch die Medien erreicht: Schlepper sollten Adam gemeinsam mit über hundert weiteren Flüchtlingen nach Italien bringen. Das Boot war viel zu klein, der Kompass defekt, nach einer Odyssee vor der libyschen Küste wurde die Gruppe schliesslich gerettet von einem Schiff, welches sie nach Sizilien brachte. Von dort aus schlug sich Adam bis in die Schweiz durch, an der Grenze schickten sie ihn nach Kreuzlingen, einmal quer durch das Land, in Kreuzlingen schliesslich wurde ihm seine neue Heimat zugeteilt: Zug.

Ich versuche, herauszufinden, was das für ein Gefühl gewesen sein muss, nach unzähligen Jahren auf der Flucht unter härtesten Bedingungen in diesem beschaulichen, properen und enorm reichen kleinen Städtchen anzukommen. Doch Adam bleibt bei den Fakten, erzählt vom Flüchtlingsheim, wo er schnell Leute kennenlernte und unterdessen bereits mehrere Arbeiten übernommen hat.

Zug gefällt ihm sehr, er mag die Ruhe, die Menschen seien freundlich, bisher hätte er keine schlechten Erfahrungen gemacht. Er hofft, bald den Deutschtest B2 zu bestehen, um eine Arbeit zufinden, eine eigene Wohnung. Als er auf dem Meer vor der libyschen Küste festsass, dachte er: das ist das Ende. Es gibt kein Leben. Nun kann er das Wort Zukunft wieder denken. Der Zufall hat ihn dabei an Zug verwiesen. In einer Stadt, die von Migration geprägt ist. Adam hat diesen Ort nicht gewählt, ihm wurde dieser Ort zugewiesen. Integriert hat er sich besser, schneller, eifriger als die beiden Mitarbeiter einer Pharmafirma, die ich später zufällig antreffen werde.

Er erzählt mir, wie er in Theaterstücken mitwirkte, im Casino auf der Bühne stand. Von der Bibliothek für Flüchtlinge, in der er arbeitet. Immer wieder ertönt sein helles Lachen. Nur als ich ihn nach seiner Familie frage, wird er still, Tränen kommen hoch. Seine Familie ist noch im Tschad, als interne Vertriebene leben sie in einem Flüchtlingslager. Nur umständlich kann er mit ihnen kommunizieren, gesehen hat er sie schon seit Jahren nicht mehr. Heimat, das bedeute ihm alles.

Wir spazieren am See entlang Richtung Altstadt. Ja, der See, der gefalle ihm auch sehr, hier herrscht Frieden. Ich muss daran denken, dass gleich nebenan auch schon einmal ein schrecklicher Gewaltakt die Idylle zerrissen hatte, doch ich erwähne es nicht. Wir spazieren zurück, am Bahnhof vorbei Richtung Herti, vorbei an den neuen Siemens-Gebäuden, Leute grüssen ihn auf der Strasse, unterhalten sich kurz. Er scheint tatsächlich angekommen zu sein.

Die neuen Gebäude? Auch sie gefallen ihm sehr. Und ich beginne zu verstehen, dass es für Adam noch vor zwei Jahren kein Zug gab. Für ihn gibt es keine Nostalgie, keine Sehnsucht nach alten Häusern, die hier mal gelebt haben. Das Neue, der Aufbruch, das entspricht ihm.

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